AleaThoron
   
  FairyCat's Potions and Passions
  Aislinn
 
DISCLAIMER: Nichts davon gehört mir, nur die Geschichte selbst und die Fee namens Aislinn.
 
BETA: Ganz besonders lieber Dank geht an DeepWater, der es sich trotz seiner schweren Krankheit nicht nehmen ließ, mein erster Kritiker zu sein. Du darfst dich ganz fest geknuddelt fühlen.
 
A/A: Als ich eines abends nach Hause kam, fand ich in meinen persönlichen Nachrichten eine wundervolle Überraschung der großartigen bids, die gerade meine Story "It's A Wonderful Life" gelesen hatte. Ihr gefiel meine kleine Fee Aislinn so gut, dass sie sich tatsächlich die Arbeit gemacht hat, Aislinn eine richtige Gestalt zu verleihen, so dass aus einem niedlichen, jedoch fiktiven Phantasie-Geschöpf eine süße kleine Persönlichkeit wurde. Die wunderschöne Illustration ist unter dem Link
http://browse. deviantart. com/?qh=&section=&q=ALEAS+AISLINN#/d3bx4z4
zu finden. Vielen, vielen Dank. Ich bin unsagbar glücklich und verneige mich tief vor Deiner Kunst.




 
It’s a Wonderful Life by Alea Thoron
 
Aislinn
 
 
Er hatte es wieder getan, und dieses Mal hatte Hermione entgegen ihrer sonstigen Art die Tür mit einem lauten unwiderruflichen Knall hinter sich zugeworfen. Severus schloss gequält die Augen, als er seinen Kopf schwer gegen die Rückenlehne des Sessels sinken ließ. Dies war wohl das definitive Ende ihrer Ehe. Er ahnte, dass er sie nun wahrscheinlich endgültig verloren hatte. Und obwohl er bewusst schon lange zielstrebig darauf hin gearbeitet hatte, konnte er keine Befriedigung bei dem Gedanken spüren, endlich sein Ziel erreicht zu haben.
 
Flashback
 
"Du merkst gar nicht, wie sehr du dich selbst herabwürdigst, wenn du unsere Beziehung immer wieder in Frage stellst." Unendlicher Schmerz hatte in ihren Augen geschrieben gestanden, als sie diese Worte flüsterte. "Ich habe mich aus freien Stücken für dich entschieden! Für dich — und nicht für irgendjemanden anderen. Und du versuchst seit Monaten mit allen Mitteln, mich von dir wegzutreiben."
 
Severus verengte verärgert die Augen. "Und du weißt ganz genau, wie diese Ehe zustande gekommen ist! Das Ministerium und sein lächerliches Gesetz zur Wiedereingliederung von verurteilten Todessern, das Menschen, die nicht zusammengehören, in ein gemeinsames — zumeist fragwürdiges — Leben zusammenzwingt", knurrte er zornig. "Und du? Dir hätten alle Möglichkeiten offen gestanden. Das muggelgeborene Drittel des Goldenen Trios, die Kriegsheldin, die mächtigste Hexe dieses Jahrhunderts. Aber nein, du musstest dich unbedingt freiwillig für das Programm melden." Und als ob dieser Vorwurf immer noch nicht hart genug wäre, setzte er hinzu: "Obwohl — wenn ich es mir recht überlege — du hattest ja schon immer eine Schwäche für aussichtslose Projekte."
 
Seine Stimme hatte für diese letzte Aussage wieder ihr seidig-sinnliches Timbre angenommen, was seine Worte noch verletzender klingen ließ. Und sie verfehlte ihre Wirkung nicht. Die nur zu offensichtliche Anspielung auf ihre fehlgeschlagene S.P.E.W.-Kampagne zur Befreiung der Hauselfen traf Hermione erwartungsgemäß völlig unvorbereitet, wie er ganz genau erkennen konnte.
 
"Lass die Elfen aus dem Spiel, Severus! Du bist kein Hauself, den ich befreien wollte", fauchte sie nun ungehalten. "Das Ministerium hat sich wider besseres Wissen und ohne zu zögern der öffentlichen Meinung und den vehementen Forderungen der magischen Gemeinschaft gebeugt, als sie dich für schuldig erklärt haben. Und viele der Mitglieder des Zaubergamots noch dazu mit der größten Befriedigung, wie ich anfügen muss. Sie alle wollten Rache — eine höchstpersönliche, unbarmherzige und unmenschliche Rache an der Person des Severus Snape — für etwas, was du hattest tun müssen, wobei dir zwangsläufig die Verantwortung für dessen Folgen aufgebürdet wurde. Sollte ich einfach nur zusehen, als man dich dem Pöbel geopfert hat?"
 
"Warum nicht?", antwortete er mit einer Gegenfrage. Tief in seinem Inneren war er der festen Überzeugung, es nicht anders verdient zu haben. Er hatte sich aus freien Stücken Voldemort und dessen Todessern angeschlossen, auch wenn er diese Entscheidung sehr schnell zutiefst bereut hatte. Azkaban stellte die einzige Möglichkeit dar, Einsicht zu zeigen, wenigstens andeutungsweise so etwas wie Wiedergutmachung zu leisten und seine Schuld zu büßen, ohne sich jemals von ihr befreien zu können.
 
"Sie hätten dich niemals verurteilen dürfen — nicht nach allem, was du für diese Welt getan hast." Ihre Stimme versagte ihr beinahe den Dienst, als sie dies herauspresste. "Ich wollte endlich Gerechtigkeit... Zwei Jahre — zwei verlorene Jahre in Azkaban."
 
Severus blickte seine Frau an, seine Augen hart und kalt. "Du hättest mich dort verrotten lassen sollen! Diese unsere Ehe ist in meinen Augen eine Farce!"
 
Flashback Ende
 
Ohne weiter darüber nachzudenken hatte er seine gereizte Stimmung und den Ärger über Minervas allzu offensichtliche Missbilligung und ihre Zurechtweisungen hinsichtlich seiner angeblich übertrieben rigorosen Lehrmethoden mit hinunter in die Dungeons gebracht. Noch immer klangen ihm seine eigenen Worte in den Ohren, die er Minerva entgegen geschleudert hatte. "Soll ich zusehen, wie sich diese Dummköpfe selbst in die Luft sprengen und dabei auch noch ein paar ihrer ebenso einfältigen Mitschüler mitnehmen? Ist es das, was du willst? Dass deine ach so heißgeliebten Löwenbabies sich selbst dezimieren, jetzt, nachdem dieser Krieg endlich vorbei ist!", hatte er außer sich vor Zorn gezischt.
 
Ja, der Krieg war vorbei, wenn man von vereinzelten Scharmützeln absah, die sich die Auroren des Ministeriums mit den wenigen auf der Flucht befindlichen als Todesser erkannten Zauberern und Hexen nach diesen drei Jahren immer noch lieferten. Doch das bedeutete nicht, dass auch sein Krieg gegen sich selbst vorbei war. Das Gefühl, überlebt zu haben und wieder in Freiheit zu sein, obwohl er es seiner Meinung nach absolut nicht verdient hatte, nagte an ihm, genauso wie seine alten Schuldgefühle, zu denen neue hinzugekommen waren, kaum dass er nach seiner wundersamen Rettung aus der Heulenden Hütte erfahren hatte, welchen Preis ausgerechnet die Kinder der magischen Gemeinschaft für den Sieg über Voldemort gezahlt hatten. Und sie waren noch Kinder gewesen, ganz egal, wie sehr Dumbledores Portrait ihn davon zu überzeugen versuchte, dass der alte Schulleiter den einzig richtigen Weg gewählt hatte.
 
Das Gesetz zur Wiedereingliederung ehemaliger Todesser war für ihn völlig überraschend verabschiedet worden und er hatte schon gar nicht damit gerechnet, als einer der Wenigen davon profitieren zu können — wenn man dies überhaupt so sehen durfte. Nach der Erfüllung der ersten ‘Bewährungsauflage’, ein angesehenes Mitglied der magischen Gemeinschaft zu heiraten — eine magische Handfasting-Zeremonie mit einer rituellen Eidesformel nach einer alten, sehr speziellen Reinblüter-Tradition, aus der es kein Entkommen gab — was seine Entlassung aus Azkaban überhaupt erst möglich gemacht hatte, war ihm durch Minerva seine alte Anstellung als Professor für Zaubertränke angeboten worden, mit der er gleichzeitig die zweite ‘Bewährungsauflage’ erfüllen konnte, eine rechtschaffene Beschäftigung aufzunehmen. Wieder in Hogwarts zu unterrichten und zu leben war nach zwei Jahren in einer dunklen und schmutzigen Zelle anfänglich gewöhnungsbedürftig gewesen, doch mittlerweile hatte er sich an den Luxus gewöhnt, seine eigenen Entscheidungen treffen zu können. Allerdings hatte ein unterschwelliges Gefühl ihn seitdem nicht mehr verlassen — trotzdem nicht sein eigener Herr zu sein und wieder einem Master ausgeliefert zu sein, auch wenn sein neuer Master eine mutige und liebenswerte Frau war.
 
Wie schon so oft in den letzten Monaten hatte er seine Bitterkeit und stetig steigende Verärgerung an Hermione ausgelassen, hatte im vollen Bewusstsein den nächsten Streit über eine völlige Nichtigkeit vom Zaun gebrochen, als würde er nach einem Sündenbock für all das suchen, was in seinem Leben über zwanzig Jahre schiefgelaufen war. Allerdings war noch niemals zuvor eine ihrer Auseinandersetzungen derartig eskaliert. Und er war erst zur Besinnung gekommen, als es zu spät gewesen war, um sie aufzuhalten, falls er das in diesem Moment überhaupt gewollt hätte.
 
Nicht zum ersten Mal in den letzten zwei Monaten fragte er sich, was Hermione dazu veranlasst haben konnte, sich nach dem Ende des Krieges erst derartig vehement um seine Freilassung, und jetzt auch noch um seine Rehabilitierung zu bemühen, denn das war es, was sie seit dem Tag ihrer Heirat mit aller Kraft betrieb. Er konnte nicht verstehen, was sie in ihm sah. Wie er heute erst wieder eindeutig unter Beweis gestellt hatte, war und blieb er ein schmieriger Bastard, die gefürchtete und verhasste Fledermaus aus den Kerkern. Hermione verdiente etwas besseres, als ständig seine Übellaunigkeit und Gereiztheit ertragen zu müssen.
 
Als er die Augen öffnete, fiel sein Blick unwillkürlich auf den liebevoll geschmückten Tannenbaum in der Ecke des Wohnzimmers, dem Hermione bis vor ein paar Minuten — ohne albernes Zauberstabgefuchtel — noch den letzten Glanz gegeben hatte und der nun ohne äußerlich ersichtlichen Grund, wie aus Trauer, die Zweige hängen ließ. "Oh Merlin, wäre ich doch nur niemals geboren worden!", flüsterte er voller Selbstverachtung, während er sich schwerfällig vorbeugte, die Ellbogen auf den Knien aufstützte und sein Gesicht in den Händen vergrub.
 
"Bist du nun endlich zufrieden? Wie kann ein erwachsener intelligenter Mann nur so starrköpfig und uneinsichtig sein!", ertönte eine leise missbilligende Stimme direkt neben seinem Ohr.
 
Severus fuhr herum und riss die Augen auf. Dass er im gleichen Moment auch seinen Zauberstab herausgerissen und ihn direkt in Richtung dieser Stimme gerichtet hatte, um diese augenblicklich zu verfluchen, wurde ihm erst bewusst, als ein ihm wohlbekanntes starkes Muskelzittern wie von einem Cruciatus durch seine Stab-Hand lief, das ihn dazu zwang, den Stab mit einem Schmerzenslaut fallenzulassen. Im nächsten Moment jedoch war der Schmerz verflogen, und er zog nur ungläubig eine Augenbraue nach oben.
 
Nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt schwebte eine winzige Gestalt in einer türkisfarbenen Robe und mit durchsichtigen Flügeln, mit einem ebenso winzigen Zauberstab in der Hand, der — wie er vermutete — der Auslöser für den Schmerz in seinem Arm gewesen sein musste. Für einen Augenblick glaubte er, das normalerweise unsichtbare Durchströmen von Magie buchstäblich sehen zu können, doch dann fiel sein Blick auf den Zauberstab vor seiner Nase und er erkannte, dass das Pulsieren von dort ausging. Durch dieses winzige Etwas wogten alle Regenbogenfarben.
 
"Tsss, tsss, tsss. Wer wird denn gleich so unfreundlich reagieren. Es ist nicht nett, arglosen — noch dazu wohlmeinenden — Besuchern in eindeutig aggressiver Absicht einen Zauberstab ins Gesicht zu stechen, Severus."
 
Er schnaubte. "Arglose Besucher haben weder die Angewohnheit, sich anzuschleichen noch benutzen sie einen Cruciatus, um ihre unfreiwilligen Gastgeber zu entwaffnen. Davon abgesehen — wer hat behauptet, ich wäre ... nett?" Er sprach das letzte Wort aus, als würde er jeden Moment befürchten, dass er daran ersticken könnte.
 
Er hörte, wie das kleine Wesen vor ihm tief aufseufzte. "Niemand, Severus ... niemand. Leider!" Offensichtlich ziemlich niedergeschlagen darüber, diese seiner Meinung nach allgemein bekannte Tatsache auch noch laut aussprechen zu müssen, schüttelte sie sichtlich ungehalten ihren Kopf. "Und es war kein Cruciatus, sondern nur ein einfacher Verteidigungszauber. Ein Teil meiner eigenen Magie, Severus, und nichts, was dich auf irgendeine Art ernsthaft hätte verletzen können."
 
Severus zog dieses Mal spöttisch eine Augenbraue nach oben, als er sich der Absurdität der Situation bewusst wurde. "Wer oder was bist du, das dir das Recht geben könnte, darüber verärgert zu sein, dass ich unter meinen Mitmenschen nicht gerade als Philanthrop gelte?", fragte er kopfschüttelnd. Mit diesen Worten beugte er sich über die Sessellehne, griff nach seinem heruntergefallenen Zauberstab und schob ihn an seinen Platz im Ärmel zurück — nicht ohne jedoch noch einen scharfen Blick auf das winzige Wesen mit der langen blonden Lockenmähne zu werfen, das immer noch kurz vor seiner Nase herumschwebte. Nein, er würde ihn sicherlich nicht brauchen, schließlich hätte sie schon jetzt mehrfach die Gelegenheit gehabt, ihn ernsthaft anzugreifen, falls sie es von Anfang an darauf angelegt haben sollte.
 
Sie bedachte ihn mit einem äußerst skeptischen Gesichtsausdruck. "Ich bin mir gar nicht so sicher, dass du das wirklich wissen möchtest", antwortete sie nach einem längeren nachdenklichen Schweigen.
 
"Dann kannst du ebenso gut auf demselben Weg verschwinden, wie du gekommen bist", knurrte Severus und tat so, als wolle er sich erheben. Aus dem Augenwinkel heraus sah er, wie sie genervt die Augen verdrehte. Er war schwierig, ein siegessicheres Grinsen zu unterdrücken, aber Severus meisterte es.
 
"Schon gut, schon gut", gab sie nach. "Du kennst mich nicht, obwohl ich schon seit vielen Jahren dein Zuhause mit dir teile und dein Leben beobachte. Ich bin Aislinn und entstamme einer Unterart der magischen Wesen, die heute als Feen bekannt sind. Wir leben seit Jahrtausenden im Verborgenen in den Residenzen der Reinblüter-Familien. Über Jahrhunderte geriet unsere Anwesenheit praktisch in Vergessenheit und unsere Existenz wurde in die Welt der Sagen und Legenden abgedrängt. Es gibt nur noch sehr wenige von uns, so wenige, dass wir sogar an langen Winterabenden den Geschichten der Älteren lauschen konnten, wenn sie ihren Enkeln und Urenkeln von der Welt der Altvorderen — so nannten sie uns schon seit Urzeiten — erzählten. Nur die wenigsten Mitglieder dieser Familien glaubten, dass hinter diesen Berichten vielleicht doch mehr als nur Ammenmärchen stecken könnten. Deine Großmutter mütterlicherseits war eine dieser Wenigen und sie war es auch, die mich zu dir gesandt hat ..."
 
"Meine... Großmutter!?" Severus fuhr auf. "Wenn du damit Cassiopeia Prince meinst — diese Frau hat sich solange ich mich zurückerinnern kann weder für ihre eigene Tochter, geschweige denn für mich interessiert! Sie hat meine Mutter fallenlassen wie ein heißes Ashwinder-Ei, nachdem sie herausgefunden hatte, dass ihre reinblütige Tochter einen Muggel heiraten wollte." Er war aufgesprungen und war nun ernsthaft im Begriff, den Raum zu verlassen.
 
"Warte... bitte!!!" Aislinn versuchte, ihm den Weg abzuschneiden. "Warte!!! Ja, ich spreche von Madame Cassiopeia. Bitte, lass mich erklären ..." Die Stimme der kleinen Fee klang beinahe flehend, während ihr Gesicht einen tief betroffenen und beschämten Ausdruck zeigte.
 
Severus zögerte sichtlich. Er hatte seine Großeltern niemals kennengelernt, wusste nicht einmal, ob sie überhaupt noch lebten. Und bis heute hatte ihn dies auch nicht interessiert. Seine Mutter hatte ihm, als er noch ein kleiner Junge gewesen war, auf seine bohrenden Fragen hin nur erzählt, dass sie Reinblüter seien und in einem großen Anwesen leben würden. Erst viele Jahre später hatte er im Nachlass seiner Mutter einen zusammengebundenen Stapel ungeöffnet zurückgekommener Briefe gefunden. Er hatte sie gelesen und mit jedem Wort, das er las, hatte sich sein Brustkorb enger zusammengezogen. Selbst für den damals bereits erwachsenen Severus war es schmerzhaft gewesen, begreifen zu müssen, dass seine Großeltern mit ihm nichts zu tun haben wollten, da er nicht reinblütig war.
 
Als er mühsam aus seinen wenig erfreulichen Erinnerungen auftauchte, fiel sein Blick erneut auf die kleine Fee. Sie flatterte immer noch hibbelig vor ihm herum. Ihr Verhalten schien ausdrücken zu wollen, dass sie wirklich Wert darauf legte, ihn aufzuhalten, um ihm einige Dinge aus der Vergangenheit zu erklären. Und nicht nur das: Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass ihr etwas an seiner Person lag. Die Erkenntnis, dass sein Tag bereits vor ihrem unerwarteten Auftauchen den Tiefpunkt erreicht hatte, traf ihn danach wie aus dem Nichts und machte ihm bewusst, dass auch ihre Erklärungen ihn nicht noch schlimmer machen konnten, als er ohnehin schon war.
 
Sein Gesichtsausdruck zeigte allerdings nichts von seinem inneren Aufruhr. "Also gut. Sag, was du zu sagen hast und dann verschwinde!", knurrte er und kehrte zu seinem Sessel zurück.
 
"Ich bin froh, dass du bleibst..." Das kleine Wesen vor ihm — Aislinn, wie er sich erinnerte — hatte trotz seiner harschen Worte sichtlich aufgeatmet. "Dein Großvater, Ignotus Prince, war ein stolzer und harter Mann, Severus." begann sie leise, während sie vorsichtig auf seinem Couchtisch landete. "Er war Reinblüter durch und durch. Die Erziehung seiner Eltern, deiner Urgroßeltern, und die daraus resultierenden Anschauungen über Muggel und Muggelgeborene und seine Hingabe zu Dunkler Magie ließen ihn, schon kurz nachdem Voldemort seine ersten Anhänger suchte und fand, zu einem seiner glühendsten Gefolgsleute werden."
 
Severus’ Kopf schnappte hoch, doch bevor er auch nur den Mund öffnen konnte, sprach die Fee weiter. "Als sich deine Mutter dafür entschied, einen Muggel zu heiraten, brach für ihre Eltern, und ganz besonders für Signor Ignotus, eine Welt zusammen und er verstieß sie. Madame Cassiopeia, die selbst ebenfalls reinblütig — wenn auch nicht ganz so unnachgiebig in ihrem Denken — war, musste sich dem Willen ihres Mannes beugen."
 
"Bei Merlins Bart, du willst mir doch nicht allen Ernstes Cassiopeia Prince als armes, bedauernswertes Opfer ihres Mannes verkaufen wollen?", fragte Severus mit einem spöttischen Lächeln, während in seinem Kopf immer noch ein einziger Gedanke kreiste: Wenn Ignotus Prince einer der Senior-Todesser gewesen war, so sprach eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass er seinen ‘Großvater’ in den Reihen der Todesser — ohne Kenntnis um seine Identität — kennengelernt haben musste.
 
Das winzige Wesen — er schaffte es immer noch nicht, sie Aislinn zu nennen — senkte abwehrend die Augen. "Nein, natürlich nicht. Madame Cassiopeia war ebenso tief verwurzelt in der Lebensanschauung der Reinblüter wie ihr Mann. Die Wahl ihrer Tochter empfand sie als tiefe Demütigung und Verrat an allem, was sie bei der Erziehung von Eileen ihr jemals als gut und richtig zu vermitteln versucht hatte. Ohne Zweifel befürwortete sie die Entscheidung ihres Mannes — zumindest in den ersten Jahren. Erst nach und nach begann sie das ganze Ausmaß dessen zu begreifen, was die magisch besiegelte Abwendung von Eileen und ihre damit verbundene Enterbung nach sich zog. Sie wurde immer trauriger und stiller, auch wenn sie dies vor ihrem Mann, der sicherlich keinerlei Verständnis dafür gehabt hätte, zu verbergen suchte. Und dann wurde Signor Ignotus bei der Attacke auf die Familie eines Mitgliedes des Phönix-Ordens, die McKinnons, im Juli 1981 durch Auroren getötet."
 
Jetzt war Severus sich sicher, seinen ‘Großvater’ — er konnte ihn einfach nicht so nennen — gekannt zu haben. Zwar hatten die Todesser ihre Masken nur selten abgenommen, aber er erinnerte sich dunkel an einen schon älteren Mann aus dem Inneren Zirkel Voldemorts mit aristokratischen Zügen und der auffälligen Blasiertheit eines aus einer Reinblüter-Familie Stammenden, der damals den Überfall zusammen mit Travers angeführt hatte. Und auch an seine herablassende arrogante Art, mit der er ihn, Severus, immer behandelt hatte. Selbst Lucius hatte es zu seinen besten Zeiten an Affektiertheit und Arroganz in dieser Hinsicht nicht mit ihm aufnehmen können.
 
"Danach veränderte sich Madame Cassiopeia sehr", erzählte Aislinn weiter. "Zum ersten Mal sah ich — trotz der tiefen Trauer um ihren Mann, den sie ehrlich geliebt hatte — wieder einen kleinen Hoffnungsschimmer in ihren Augen. Sie saß oftmals über Stunden vor dem einzigen Bild ihrer Tochter, das der Zerstörungswut ihres Mannes entgangen war. Im Gegensatz zu Signor Ignotus, der niemals von seinem hohen Hippogreif heruntergekommen war, hatte sie lange zuvor begriffen, was sie verloren hatte. Ich weiß, dass sie nach dem Tod ihres Mannes sofort damit begonnen hat, verzweifelt nach Eileen zu suchen."
 
"Meine Mutter starb ein paar Wochen vor meinem siebzehnten Geburtstag." Severus versuchte mit aller Macht, den Kloß in seiner Kehle zu kaschieren, als er seine Worte herauspresste. Er bemühte sich erfolglos, seinen Geist zu leeren, wie er es schon seit über zwanzig Jahren praktizierte. Doch dieses Mal gelang es ihm nicht.
 
Schreckliche Erinnerungen an jenen Abend, als seine Mutter sich schützend vor ihren Sohn gestellt hatte, weil sein Vater ihn dafür bestrafte, dass er als Zauberer geboren worden war, kamen an die Oberfläche zurück, ohne dass er sich dagegen wehren konnte. Wieder und immer wieder sah er die Szene vor sich, sah nach dem ersten Schlag seinen Zauberstab quer durch den Raum unter den Schrank fliegen, sah all das Blut, hörte wieder den verzweifelten Schrei, bevor seine Mutter leblos auf dem Boden aufschlug. Er hatte nicht schnell genug reagiert, obwohl ein einziger nonverbaler Zauber, um seinen Zauberstab zurückzuholen und einPetrificus Totalus ausgereicht hätte, um den Horror zuverhindern. Stattdessen war er mit Fäusten auf seinen Vater losgegangen, hatte ihn traktiert, bis er seine eigenen Fingerknöchel nicht mehr spürte, und war dannhinausgestürmt in die Kälte der eisigen Dezembernacht, während hilflose Tränen seine Wangen hinunterliefen. Es war allein seine Schuld.
 
"Ich weiß, Severus. Und ich kenne auch die furchtbaren Umstände, die zu ihrem Tod geführt haben." Aislinn versuchte verzweifelt, das Mitleid aus ihrer Stimme zu verbannen, das sich schon vor vielen Jahren in ihr Herz eingeschlichen hatte, seitdem sie diesen Mann vor sich nur aus dem Verborgenen heraus beobachten konnte. "Als Madame Cassiopeia die Nachricht von Eileens Tod erhielt und dessen Umstände erfuhr, brach sie endgültig zusammen. Das Einzige, was ihr blieb, war der Gedanke an ihren Enkelsohn, den sie niemals kennengelernt hatte. Allerdings wagte sie zu keinem Zeitpunkt — selbst nicht in ihren letzten Lebensjahren — mit dir Kontakt aufzunehmen, aus Angst, dass du sie zurückweisen würdest. Auf ihrem Sterbebett musste ich ihr versprechen, dass ich dich auf deinem weiteren Lebensweg begleiten würde, wie immer dieser auch aussehen mochte."
 
"Das ist etwas, worauf ich gern verzichten würde", stellte Severus knurrend fest. Obwohl er inzwischen seine Meinung über dieses winzige Wesen revidiert hatte, konnte und wollte er seine momentane Schwäche und die gewisse Verletzbarkeit, ausgelöst durch die schmerzhaften Erinnerungen an seine Mutter und die Erklärungen von Aislinn, nicht zulassen und schon gar nicht offen aussprechen. Es war vernünftiger und auch sicherer, alte Verhaltensmuster beizubehalten.
 
Für einen Moment breiteten sich Fassungslosigkeit und Bestürzung auf Aislinns Gesicht aus, während ihr Mund ein ungläubiges, jedoch stummes "Ohh..." formte.
 
Dann allerdings veränderte sich dieser Ausdruck langsam in eine Form von Verstehen, die Severus sich unwillkürlich innerlich winden ließ. Er fühlte sich durchschaut und begriff, dass dieses winzige Wesen etwas geschafft hatte, zu dem andere, die ihn schon viele Jahre kannten, bis heute nicht in der Lage waren: Hinter die Maske und die maskierten Worte eines Severus Snape zu sehen.
 
"Ich bin mir sicher, dass du das nicht so meinst, wie es klang", bestätigte sie im nächsten Augenblick unbewusst seine Gedanken. "Und glaub’ mir, die zwei Jahre, die ich mit dir in einer hässlichen Zelle in Azkaban verbracht habe, waren mit Sicherheit nicht die schönsten in meinem langen Leben."
 
"Du warst bei mir in...?" Er hatte nicht einmal im Ansatz geahnt, wie weit Aislinn gegangen war, um bei ihm zu sein.
 
"Natürlich war ich dort, Severus. Wie ich sagte, ich habe es schließlich deiner Großmutter auf ihrem Sterbebett versprochen!" Sie schüttelte innerlich ihren Kopf über einen solchen Mangel an Weitsicht.
 
"Aber..."
 
"Im Gegensatz zu dir hatte ich allerdings die Möglichkeit, diese Zelle jederzeit zu verlassen und mich in der Welt draußen auf dem Laufenden zu halten", sagte sie leise. "Bei einem meiner ersten Streifzüge durch das Ministerium stieß ich durch Zufall auf diese junge Frau, Hermione Granger, die sich mit eurem Zaubereiminister auseinandersetzte. Seit diesem ersten Zusammentreffen bin ich ihr häufig gefolgt und habe erlebt, wie sie manchmal offen und wie ein Berserker, meistens jedoch verstohlen und von anderen unbeobachtet um deine Freiheit gekämpft hat. Ohne das hätte wahrscheinlich selbst ich jegliche Hoffnung verloren."
 
Severus’ Gesichtsausdruck spiegelte seine Überraschung wider. "Sie hat zwei Jahre darum gekämpft, dass ich aus Azkaban freikomme!???"
 
"Oh ja, von Anfang an." Sie nickte so vehement, dass ihre langen blonden Locken wild auf- und ab hüpften. "Du kannst dir sicherlich meine Verwunderung vorstellen, als ich herausfand, dass sie eine Muggelgeborene ist...?"
 
"Es hat für mich nie eine Rolle gespielt, welcher Abstammung ein Zauberer oder eine Hexe ist", entschlüpfte es ihm gedankenverloren.
 
"Das weiß ich", antwortete sie sanft. "Aber du darfst nicht vergessen, wer ich bin. Bis ich zu dir kam, habe ich mein relativ langes Leben immer nur in der Gesellschaft von Reinblütern verbracht. Auch wenn ich — wie alle meiner Rasse — für die Augen ‘meiner’ Reinblüter-Familie unsichtbar bin, so konnte ich doch nicht umhin, den Erzählungen der Bewohner des Herrenhauses zu lauschen und habe dort nur die schlimmsten Dinge über all jene gehört, die eben nicht reinblütiger Abstammung sind ..."
 
"Ich habe nichts anderes erwartet!", warf Severus düster dazwischen.
 
"Gerade deshalb hat mich diese junge Muggelgeborene dermaßen überrascht. Seitdem habe ich allerdings viel dazugelernt und ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum du sie immer und immer wieder mit aller Kraft von dir zu stoßen versuchst." Das winzige Wesen hatte hilflos die Schultern gezuckt und sah Severus nun eindringlich an.
 
"Was kannst du daran nicht verstehen?", brauste Severus auf. "Ich verdiene sie nicht, Aislinn! Wenn du wirklich seit Jahren mein Leben beobachtest, dann weißt du, was ich bin: Ein ehemaliger Todesser; ein Mann, der seinen eigenen Mentor — auch wenn dieser lebendige Menschen wie Figuren in einem Schachspiel behandelt hat — umgebracht und auf Weisung eines Monsters — den ich meinen Master habe nennen müssen — lange Jahre über Grausamkeiten an Muggeln und Muggelgeborenen begangen hat! Grausamkeiten, die deine Vorstellungskraft übersteigen, die weder vergessen noch vergeben werden können." Seine Stimme war mit jedem Wort immer weiter angeschwollen, bis er sich dessen bewusst wurde und nun fast unhörbar hinzusetzte: "Und nun habe ich einen dritten Master und wieder kein selbstbestimmtes Leben. Mit einer Frau, die ich nicht verdiene ..."
 
"Severus ..."
 
"Ich wünschte, ich wäre niemals geboren worden!"
 
Aislinn blickte voller Entsetzen auf den Mann, der nun wieder in seinem Sessel zusammengesunken war. Dieser Ausbruch hatte sie zutiefst erschüttert. Mit einigen wenigen Flügelschlägen erhob sie sich in die Luft und landete schließlich vorsichtig auf seinem Knie. "Ist dies wirklich das, was du dir wünschst?", fragte sie unsicher.
 
Severus blickte sie nun offen an. "Ja, Aislinn. Das Leben vieler Menschen wäre besser verlaufen, hätte vielleicht sogar gerettet werden können, wenn es mich nie gegeben hätte."
 
Die winzige Fee nickte verstehend. "Dann soll dein Wunsch in Erfüllung gehen. Ab jetzt kannst du zwar Dinge berühren, aber nicht den Lauf des Geschehens beeinflussen. Niemand wird dich sehen oder hören können, Severus, denn so wie du es dir gewünscht hast, wurdest du niemals geboren", antwortete sie bedächtig.
 
 
 
To be continued ...
 
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