AleaThoron
   
  FairyCat's Potions and Passions
  Kapitel 06 — Harte Wahrheiten
 
DISCLAIMER: Ich verdiene kein Geld damit, habe jedoch genau den unglaublichen Spaß, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Alle agierenden Personen gehören JKR. Ich habe sie mir heimlich ausgeborgt, verspreche aber, gut auf sie aufzupassen und sie wohlbehalten und an Erfahrungen reicher und gereifter wieder zurückzugeben.
 
Beta: Deep Water — Mein ganz spezieller Dank gilt meinem Beta, der eigentlich mein Vater ist, und der es sich trotz seiner schweren Krankheit nicht nehmen ließ, mein erster Kritiker zu sein.
 
WARNUNG: Die Story wird dunkler.
 
 
Coniunctio perpetua by Alea Thoron
 
 
Kapitel 06 — Harte Wahrheiten
 
Hermione und Harry rannten zur selben Zeit durch die Korridore von Hogwarts in Richtung des Krankenflügels, wo die Matrone von Hogwarts gerade dabei war, die nicht mehr ganz so frühe Tagesstunde und die wenigen Minuten Ruhe, die sie hatte, bis die jetzt immer noch — dank Traumlosschlaf — schlafenden Verletzten erwacht sein würden, dafür zu nutzen, eine erforderliche weitere Inventur der noch vorhandenen Heilmittel vorzunehmen und eine Liste mit fehlenden und dringend nachzubestellenden Zaubertränken zusammenzustellen und dabei ein wenig nachzudenken.
 
Sie war so unendlich dankbar. Einen Moment gönnte sie sich den seltenen Luxus, sich in den Sessel hinter ihrem Schreibtisch sinken zu lassen und sich ganz ihren Gefühlen hinzugeben. Sie schämte sich nicht für die Tränen, die ihre Wange hinunterrannen. Ihr Junge lebte! Das, was sie nicht mehr für möglich gehalten hatte, seit Harry Potter in der Schlacht gegen Du-weißt-schon-wen in der Großen Halle Severus’ wahre Loyalität offenbart hatte, war wie durch ein Wunder eingetreten.
 
Poppy hatte, nachdem sie die jüngeren Schüler, die nicht gegen Voldemort kämpfen würden, in Sicherheit gebracht hatte, die ganze Zeit mit den Augen die Umgebung in der Großen Halle abgesucht, ob sie nicht seine hochgewachsene dunkle Gestalt irgendwo erkennen konnte. Doch je mehr Zeit verstrich, umso größer war ihre Befürchtung geworden, dass Severus nicht mehr am Leben war. Dann hatte sie sich auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren müssen, den Verletzten beider Seiten zu helfen — was ihr bei den Todessern nicht gerade leicht gefallen war — und war so für eine gewisse Zeit von ihrem eigenen Kummer abgelenkt worden. Trotzdem waren ihre Gedanken immer wieder zu Severus und seinem ungeklärten Schicksal zurückgekehrt.
 
Im letzten Schuljahr war sie durch die Hölle gegangen. Sie hatte sich der Tatsache stellen müssen, dass Severus von Du-weißt-schon-wem als Schulleiter in Hogwarts eingesetzt worden war, was eigentlich nur eines bedeuten konnte: Dass er einer der treuesten Diener seines Masters war. All die Jahre zuvor hatte sie genau das nicht glauben wollen. Oh ja, sie wusste, dass er das Dunkle Mal trug, hatte es sogar als erste gesehen. Das Entsetzen, dass Severus wirklich ein Todesser zu sein schien, hatte ihr viele Nächte den Schlaf geraubt. Und doch hatte sie es nicht glauben können, allen offensichtlichen Fakten und Bekundungen zum Trotz. Hin und her gerissen zwischen den unterschiedlichsten Gefühlen, war ihr nur die Hoffnung geblieben, dass sich all das nur als fürchterlicher Traum oder phantastische schauspielerische Leistung entpuppen würde. Sie wollte sich nicht derartig in ihm getäuscht haben.
 
Als Miss Granger im Krankenflügel nach ihrem Arm gefasst und sie in den kleinen Nebenraum geführt hatte, hatte sie die Hoffnung eigentlich bereits aufgegeben gehabt. Ihre Beine hatten in dem Moment fast unter ihr nachgegeben, als sie die dunkle Gestalt in dem Krankenbett erkannt hatte. Ihren Jungen. Es war ihr gleichgültig gewesen, ob für Hermione Granger ihr Verhalten befremdend anmutete oder nicht. Er lebte, und nur das zählte für sie.
 
Poppy schob den Gedanken an Severus, der sich bei ein wenig Schonung — ha, wie konnte sie bei seiner Art, mit sich selbst umzugehen, überhaupt an das Wort ‘Schonung’ denken — in ein paar Tagen sicherlich wieder vollkommen erholt haben würde, schweren Herzens erst einmal beiseite.
 
Ihre wirkliche Sorge galt im Moment weitaus mehr Hermione Granger, die heute Nacht bei ihr keinen guten gesundheitlichen Eindruck hinterlassen hatte. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen und war dünn — viel zu dünn, wenn es nach Poppy Pomfrey ging — als ob sie in den vergangenen Monaten viel zu wenig Schlaf und noch weniger Essen bekommen und dafür viel zu viele Strapazen und Belastungen ertragen haben musste. In ihren Augen war eine Ernsthaftigkeit und innere Tiefe zu lesen gewesen, die nicht viele Achtzehnjährige in diesem Alter besaßen. Es war nicht zu übersehen, dass die letzten Monate sie an die Grenze ihrer Belastbarkeit getrieben hatten. Es würde unbedingt notwendig sein, jemanden zu beauftragen, sie zu umsorgen und wieder aufzupäppeln.
 
Außerdem war Poppy eine schlecht verheilte rote Narbe quer über ihren Hals aufgefallen, die sich ihr durch den ansonsten viel zu blassen Teint besonders aufgedrängt hatte. Hermione war so ein niedliches Mädchen, nein, eine hübsche junge Frau — diese hässliche Narbe musste dringend magisch behandelt werden.
 
Wenn man einmal von diesen offensichtlichen Tatsachen absah, musste Madame Pomfrey zugeben, dass sie irgendetwas gestern Nacht stutzig gemacht hatte. Dieses seltsame Zögern, als sie Hermione gefragt hatte, was sie bisher unternommen hatte, um ihm zu helfen, war nicht normal. Hermione Granger hatte sich merkwürdig verhalten. Nicht ihrem Charakter entsprechend, wie Severus es ausdrücken würde. Poppy konnte sich keinen Reim darauf machen, es sei denn … Irgendetwas musste sie verschwiegen haben! Doch warum? Es ergab keinen Sinn. Sie hatte sein Leben gerettet, es gab keinerlei Grund, irgendetwas zu verschweigen. Eines wusste Poppy jedenfalls ganz genau: Sie würde die ganze Sache weiter beobachten müssen.
 
Sie stand zögernd auf und kehrte in den großen Raum mit den nur noch zum Teil belegten Betten zurück. Ihr Blick fiel auf die wenigen verbliebenen Patienten. Merlin — sie waren noch Kinder — wie hatte es soweit kommen können.
 
Als die Flügeltüren hastig aufgestoßen wurden und dabei abrupt gegen die Wand knallten, fuhr Madame Pomfrey erschrocken herum. Hermione Granger und Harry Potter stürzten völlig außer Atem in den Krankenflügel. Poppy hatte nicht mehr die Zeit dazu, irgendetwas zu sagen, da Hermione auf sie zustürzte und sie am Arm packte. »Was ist mit ihm? Was habe ich falsch gemacht?«, keuchte sie, nach Atem ringend und mit vor Angst weit aufgerissenen Augen.
 
Erst in diesem Moment begriff Madame Pomfrey, dass Miss Granger vermutlich davon ausging, dass sie sie hatte rufen lassen, weil sich Severus’ Gesundheitszustand wohl dramatisch verschlechtert hätte. Sie schlug sich in Gedanken mit der Hand gegen die Stirn, als sie erkannte, dass sie Tripsy geschickt hatte, ohne eine Erklärung für ihre Bitte anzugeben. Wie hatte sie nur so unbesonnen handeln können. Man sah dem Mädchen die Panik geradezu an.
 
»Bitte beruhigen Sie sich, Miss Granger, es ist alles in Ordnung mit ihm. Es geht ihm gut«, versuchte Madame Pomfrey Hermione leise zu beschwichtigen, allerdings nur mit mäßigem Erfolg.
 
Hermione zitterte immer noch am ganzen Körper. Wenn Harry vorhin in der Eingangshalle nicht geistesgegenwärtig zugegriffen und sie um die Taille gepackt hätte, um sie festzuhalten, hätten vermutlich ihre Knie unter ihr nachgegeben, so dass sie auf den Boden gesunken wäre. Sie hatte sich schwer nach Atem ringend an einer der riesigen, aus ihrer Verankerung gerissenen, Türangeln festgeklammert, während sie sich mit der anderen Hand an die Kehle griff — dorthin, wo Bellatrix’ Messer sie so schwer verletzt hatte. Immer noch war sie sehr blass und Harry merkte ihr die fehlende körperliche Leistungsfähigkeit nach ihrer in Malfoy Manor durchlebten alptraumhaften Erfahrung an. Er fühlte sich einfach nur miserabel — schuldig.
 
»Gehen wir in mein Büro. Dort sind wir ungestört«, sagte Madame Pomfrey mit einem Blick auf die noch mit verletzten Schülern und Schülerinnen belegten Betten, die durch den Krach, den die beiden bei ihrem lautstarken Einmarsch veranstaltet hatten, erwacht waren und sie nun neugierig beobachteten. Manche versuchten ein Lächeln und andere hoben sogar die Hand zum Gruß.
 
Sie folgten Madame Pomfrey schweigend in den hinteren Teil des Krankenflügels.
 
Kaum hatte sich die Bürotür hinter ihnen geschlossen, gab es für Hermione kein Halten mehr. »Was ist passiert? Die kleine Hauselfe — Tripsy war wohl ihr Name — wollte oder konnte uns nichts sagen.«
 
»Oh, das war mein Fehler«, antwortete Madame Pomfrey entschuldigend. »Tripsy wusste nicht, warum sie Sie holen sollte, weil ich nichts darüber gesagt habe. Ich hatte ganz gewiss nicht die Absicht, Sie zu erschrecken, Miss Granger.«
 
»Wie geht es Professor Snape?«, fragte Harry. Er hatte die ganze Zeit geschwiegen und nur Hermiones Reaktionen aufmerksam, jedoch auch etwas verwirrt, beobachtet. Nun schaute er zu Madame Pomfrey.
 
Diese sah von Harry zu Hermione, die wie zur Bestätigung nickte. »Ich habe Harry die ganze Geschichte erzählt, er ist eingeweiht«, gab sie zu.
 
»Um so besser. Je mehr Köpfe und Hände wir zur Verfügung haben, umso leichter wird es uns fallen, einen Plan auszuarbeiten. Nun, zu Ihrer Frage, Mister Potter, für die Schwere der Verletzungen geht es ihm recht gut. Ich habe ihn gerade vorhin erneut untersucht. Er ist wach, wird jedoch noch ein paar Tage hier verbringen müssen, bis ich sicher bin, dass er alles überstanden hat.«
 
Hermione war erleichtert und auch Harry machte diesen Eindruck. »Aber warum haben Sie es dann so dringend gemacht, dass wir herkommen?«, fragte Hermione.
 
»Als ich Professor Snape am heutigen Morgen untersucht habe, hat uns Professor McGonagall überrascht.«
 
»Oh nein.« Hermione keuchte vor Schreck auf. Sie wusste nicht, wie Minerva McGonagall nach all den Geschehnissen zu Severus Snape stand.
 
»Keine Sorge, von Minerva geht keine Gefahr aus. Sie ist im Moment bei Professor Snape, so dass Sie im Büro des Schulleiters ungestört sein würden. Oder möchten Sie nicht mehr mit Professor Dumbledore sprechen?« Sie schmunzelte verschwörerisch.
 
»Aber … Professor McGonagall …?«, japste Hermione vor Schreck.
 
»Ich werde versuchen, Professor McGonagall so lange wie möglich aufzuhalten. Und nun beeilen Sie sich. Das Flohpulver steht auf dem Kaminsims.« Sie deutete zum Kamin in der Ecke hinüber.
 
»Danke, Madame Pomfrey.« Harry und Hermione bedienten sich von dem Flohpulver auf dem Kaminsims und traten nacheinander in den Kamin. Madame Pomfrey sah ihnen hinterher, bis der Wirbel Harry erfasst hatte.
 
>Was habe ich falsch gemacht?< Erinnerte sich Poppy an Hermiones Frage, die sie gestellt hatte, als sie vorhin in den Krankenflügel gestürmt war. >Also doch!< Ein unbestimmtes Gefühl machte sich in ihr breit, zum Teil Gewissheit, dass sie sich nicht getäuscht hatte, zum Teil aber auch Sorge, was das Mädchen noch getan haben mochte, um Severus Leben zu retten.
 
*-*-*-*
 
Der Wirbel erfasste Hermione und ihr war so schwindlig, als sie auf der anderen Seite herauskam, dass sie fast auf dem Boden landete. In ihrem Kopf drehte sich alles und ihr war übel. >Fast so schlimm wie Apparieren<, dachte sie unbehaglich. Trotzdem taumelte sie so schnell sie konnte zur anderen Seite hinüber, damit Harry nicht mit ihr zusammenstieß, der kurz hinter ihr im Kamin erschien und mit einem großen Schritt nach draußen trat.
 
Hermione, die dieses Büro zu Dumbledores Lebzeiten nur einmal — am Ende ihres dritten Schuljahres — und bis kurz vor der Letzten Schlacht nicht wieder betreten hatte, schaute sich nun in Ruhe und ein wenig verwundert um. Die merkwürdigen silbernen Instrumente, die schon damals den Raum mit ihrem leisen Surren und dem Ausstoßen kleiner Rauchwölkchen erfüllt hatten, waren noch immer hier. Sie betrachtete sie nun in Ruhe, ließ ihrer natürlichen Neugierde freien Lauf. Trotzdem konnte sie nur wenige einem Zweck zuordnen; die meisten Geräte enthüllten auch für sie ihre Geheimnisse nicht.
 
Harry jedoch, der schon sehr oft in diesem Büro gewesen war, fiel jetzt die Veränderung auf, die ihm heute Nacht entgangen war, da er auf der Suche nach dem Denkarium nicht genug Zeit gehabt hatte, um sich richtig umzusehen. Die Bilderrahmen aller Portraits waren zwar vorhanden, aber leer, da ihre Bewohner sie verlassen hatten. Harry vermutete stark, dass sie sich in andere Bilder begeben hatten, um noch lebenden Menschen von den Begebenheiten der letzten Nacht zu berichten. Nur Dumbledore schien in seinem Sessel sitzend zu schlafen.
 
»Ah, Severus’ kleine muggelgeborene ‘Freundin’«, ertönte plötzlich die sarkastische Stimme von Phineas Nigellus Black, worauf die Beiden sich zu ihm hinüber wandten. »Wie ist es, wollen Sie mich wieder blind machen?«, setzte er hämisch hinzu.
 
Hermione wurde abwechselnd rot und blass und schnappte erst einmal nach Luft. Augenblicklich erinnerte sie sich reumütig an sein mit einem Zauberspruch verkleinertes und zu Blindheit verurteiltes Portrait, das sich immer noch in ihrer kleinen Perlenhandtasche befand. »Es tut mir leid, Schulleiter Black, aber ich wusste nicht, in wie weit ich Ihnen trauen konnte. Meine Vorsichtsmaßnahmen waren zu dem damaligen Zeitpunkt allerdings absolut berechtigt, wie Sie zugeben müssen«, hielt sie ihm leicht unwillig entgegen. »Und — was meinten Sie eben mit Ihrer seltsamen Bemerkung?«
 
»Das müssen Sie schon allein herausfinden«, antwortete Black unergründlich. »Aber deshalb sind Sie sicher nicht hier. Schon gar nicht, wenn die rechtmäßige Besitzerin dieses Büros nicht anwesend ist.«
 
»Phineas, nun verunsichere unsere Besucher nicht so«, ertönte Professor Dumbledores wohlwollende Stimme von weiter rechts.
 
>So weit also zu ‘Schlafen’<, dachte Harry.
 
Harry und Hermione wandten sich hinüber und schauten auf das Portrait von Albus Dumbledore, das direkt an der Wand hinter dem riesigen Schreibtisch hing und ihnen freundlich zulächelte. Hermione empfand dieses Lächeln jetzt als gönnerhaft und spürte, wie ihre seit langem aufgestaute Erbitterung wie in einem Vulkankegel in ihrem Inneren emporstieg. Sie glaubte sogar, diese Entrüstung und den aufwallenden Zorn im Moment regelrecht auf ihrer Zunge schmecken zu können. Doch sie hatte sich fest vorgenommen, sich so lange wie irgend möglich zu beherrschen. Es würde ihnen im Moment nicht allzu viel Nutzen bringen, wenn sie vor Wut explodieren würde, ganz im Gegenteil. Sie brauchten die Hilfe des ehemaligen Schulleiters — nicht für sich selbst, sondern für einen Mann, der sich selbst geopfert hatte — und wenn dabei auch noch weitere Informationen heraussprangen, umso besser. Beides konnten sie vermutlich nur erwarten, wenn sie ruhig blieb.
 
»Ich bin sehr stolz auf euch«, sagte Dumbledore. »Du bist weit über dich hinausgewachsen, Harry. Und ich bin sehr froh, dass du dich im richtigen Augenblick für das Leben entschieden hast.«
 
»Andere hatten diese Möglichkeit einer Entscheidung nicht«, murmelte Hermione ungehalten. >Verdammt, beherrsch’ dich!<
 
Dumbledore warf ihr einen schnellen abschätzendenBlick zu und wandte sich wieder an Harry. »Auch jetzt, wo Tom Riddle nie wieder eine Bedrohung für die Welt darstellen wird, ist es wahrscheinlich, dass es trotz unseres Sieges in der nächsten Zeit weder eine Garantie für Sicherheit noch Schutz in der magischen Welt geben wird.«
 
»Wir sind nicht hier, um über die Zukunft der magischen Welt zu sprechen«, ließ Harry Dumbledore wissen.
 
»Das habe ich auch nicht wirklich erwartet.« Der gemalte Dumbledore schüttelte seinen Kopf. »Sonst wäre euer Besuch sicher in Professor McGonagalls Anwesenheit erfolgt.«
 
»Wir sind hier, um über die Opfer zu sprechen.«
 
Dumbledores Augen verdunkelten sich vor offensichtlicher Trauer und tief empfundenem Schmerz, obwohl er nur ein unglaublich gut gemaltes Portrait war. »Ja, sehr bedauerlich, Harry. Zu viele haben Schaden genommen, sind sogar dafür gestorben. Aber für das ‘Greater Good’ musste jedes Opfer in Kauf genommen werden, selbst der Tod, wie du inzwischen sicherlich verstehst.«
 
Hermione verdrehte innerlich die Augen. Sie spürte wie sich unwillkürlich ihre Nackenhaare aufstellten. Das vielgepriesene ‘Greater Good’! Zu viel war ihrer eigenen Meinung nach im Namen dieses ‘Greater Good’ geschehen.
 
Harry wiegte allerdings nur nachdenklich den Kopf. »Nun, ich weiß nicht, für mich war die nächste Station des Lebens kein neues Abenteuer«, widersprach er in Anspielung auf Dumbledores damalige Worte. »Doch auch deshalb sind wir nicht hier. Uns geht es um — Professor Snape«, sagte Harry.
 
Hermione war stolz auf Harry, sowohl über seine unverblümten Worte als auch darüber, wie er diesen Titel betont hatte.
 
»Oh … ja … Severus. Professor McGonagall berichtete mir, dass auch er zu den vielen Opfern zählt. Ich bedauere seinen Tod außerordentlich. Ohne seine jahrelange Spionagetätigkeit in Voldemorts Innerem Zirkel hätten wir nur eine geringe Chance gehabt, Voldemort zu vernichten. Nun, wenn ich ehrlich bin, hatte ich niemals wirklich das Empfinden, dass Severus ernsthaft daran geglaubt hat, diesen Krieg zu überleben — oder es überhaupt wollte. Auch wenn ich ihm immer wieder versichert habe, dass es auch für ihn eine Zukunft geben würde …«
 
Hermione unterbrach ihn hart. »Dann lassen Sie diesen Worten jetzt auch Taten folgen! Severus Snape lebt!«
 
Phineas Nigellus Black keuchte in seinem Portrait lautauf, wobei er im Anschluss daran ein leises, beinahe unhörbares, hartes Lachen ausstieß. Hermione warf ihm einen kurzen missbilligenden Blick zu. Blacks listige, um nicht zu sagen, verschlagene Augen waren auf sie, Hermione, gerichtet. Sie konzentrierte sich wieder auf Dumbledore, der die Nachricht anscheinend ziemlich gelassen aufgenommen hatte.
 
»Ja, er ist am Leben. Jemand hat ihn gefunden und zu Madame Pomfrey gebracht«, erklärte sie.
 
»Wer?«, fragte Dumbledore.
 
»Das hat …«
 
»… Madame Pomfrey nicht gesagt.« Harry hatte sich abrupt eingemischt und seine beste Freundin unterbrochen, wofür Hermione ihm dankbar war. »Allerdings sagte sie ebenfalls, dass er wieder gesund werden würde. Dann ist vielleicht jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, den Grundstein für seine weitere Zukunft zu legen.«
 
Erneut spürte Hermione Blacks abschätzigen Blick auf sich gerichtet. Um sich davon abzulenken, wandte sie sich wieder an Dumbledore. »Wir sind hierher gekommen, um Sie zu bitten, mit Kingsley Shacklebolt Kontakt aufzunehmen. Sie kennen ihn durch die Arbeit im Orden von uns allen am Besten. Er ist in der Aurorenzentrale und hat damit die besten Beziehungen ins Ministerium. Vielleicht weiß er sogar bereits, wer nach der Ermordung von Rufus Scrimgeour und der Absetzung von Pius Thicknesse als neuer Zaubereiminister in das Amt berufen wird.« Hermione schaute Dumbledore entschlossen und erwartungsvoll an.
 
»Das ist eine hervorragende Idee, Miss Granger. Übrigens wurde der neue Zaubereiminister bereits ernannt.« Er hielt inne, um seinen beiden Besuchern zu erlauben, sich von ihrer Überraschung zu erholen. »Kingsley selbst wurde in das Amt als Amtierender Zaubereiminister berufen, und ich gehe davon aus, dass er in dieser Positionnach einiger Zeit bestätigt werden wird.« Dumbledores Augen hatten bei diesen Worten zum ersten Mal begonnen, hinter den halbmondförmigen Gläsern seiner gemalten Brille zu zwinkern.
 
»Kingsley Shacklebolt ist Amtierender Zaubereiminister?«, fragte Harry ungläubig.
 
»Ja, die Nachricht kam erst vor ein paar Stunden.«
 
»Nun, das sollte wohl unser Problem mit dem Ministerium ein wenig entschärfen. Es ist mit Sicherheit einfacher, einen Menschen zu manipulieren, den man kennt und von dem man weiß, welche Knöpfe man drücken muss, um die gewünschte Reaktion zu erhalten.« Das Zwinkern von Dumbledores Augen hatte auch bei Hermione den richtigen Knopf ausgelöst. Sie hatte es – wenn man das Maß an Aggressivität und Zorn, das sich in ihr bereits seit geraumer Zeit aufgestaut hatte, zugrunde legte — sehr lange geschafft, ihre Selbstbeherrschung aufrecht zu erhalten, aber diese Zurschaustellung seines alten Gebarens hatte das Fass zum Überlaufen gebracht.
 
Dumbledore hatte von der ersten Sekunde an — seit Hermione Granger dieses Büro betreten hatte — die unterschwellige und nur schwer beherrschte Verbitterung bei Miss Granger gespürt und wandte ihr nun seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu. »Ich denke, wir sollten nun offen miteinander reden, Miss Granger. Lassen wir ausnahmsweise alle Höflichkeiten beiseite«, begann er ernst, lehnte sich in seinem gemalten Sessel zurück und legte die Fingerspitzen aneinander, nachdem er die Arme auf den Sessellehnen aufgestützt hatte.
 
Harry schaute entsetzt von Hermione zu Dumbledore und wieder zurück. »Was …?«
 
»Halt dich da ‘raus, Harry!«, kam die prompte Reaktion von Hermione. »Das ist eine Angelegenheit zwischen ihm und mir.« Ihre Stimme war zu einem Zischen geworden.
 
Harry blieb der Mund offen stehen. Wenn er jedoch etwas gelernt hatte, dann, dass man einer Hermione Granger in dieser Verfassung besser nicht in die Quere kam. Er wusste aus langer schmerzvoller Erfahrung ganz genau, wann es besser war, den Mund zu halten und Hermione gewähren zu lassen. Er hatte nur selten eine Situation erlebt, in der Hermione im Begriff stand, ihre Beherrschung zu verlieren. Dies hier war eine davon. Allerdings hatte er sie noch niemals zuvor so aufgebracht, ja, so eisig, erlebt. Entschlossen trat er deshalb einen Schritt zurück.
 
»Ja, Sie haben Recht«, sagte sie mühsam beherrscht. »Das hier ist meiner Meinung nach seit Monaten überfällig. Leider hat mir nur einfach die Gelegenheit dafür gefehlt. Schließlich mussten wir drei ja Horcruxen hinterherhetzen, die genauso gut von den Mitgliedern des Ordens hätten gesucht und unschädlich gemacht werden können.« Grenzenlose Verbitterung sprach aus ihren Worten und Harry schauderte.
 
Dumbledore nickte, doch Hermione war noch lange nicht fertig. Sie hatte gerade erst angefangen, sich in Rage zu reden, ihre Stimme klang kalt wie Eis und ihr Auftreten war nun hart und ohne jegliches Zugeständnis. Nichts war mehr übrig von dem kleinen, netten Mädchen, das vor sieben Jahren zaghaft eine Welt betreten hatte, in der es nicht von allen willkommen geheißen worden war.
 
»Sie haben Harry über Monate in unserem sechsten Schuljahr kleine Bröckchen an Informationen zukommen lassen, gerade so viel, dass er vielleicht, und ich betone, vielleicht in der Lage sein könnte, nach diesen verdammten Dingern zu suchen. Es war ein einziges Ratespiel und in Godric’s Hollow wären wir deshalb beinahe draufgegangen.
 
Jeder Ihrer ‘Freunde’ kannte nur kleine Bröckchen. Sie haben Menschen wie Marionetten tanzen lassen, an Fäden, die in Ihrer Hand zusammenliefen. Sie haben jedermann ohne Skrupel manipuliert, egal wen. Seien Sie ehrlich, es war Ihnen doch vollkommen gleichgültig, was aus diesen Menschen wird, ob sie dabei krepieren würden oder nicht.«
 
Dumbledore wollte zu einer Antwort ansetzen, hatte jedoch nicht die geringste Chance, da Hermione ihn nicht zu Wort kommen ließ. Sie hatte selbst lange gebraucht, um die Zusammenhänge zu begreifen, hatte zu Anfang nicht einmal glauben können, welcher entsetzliche Abgrund sich vor ihr auftat. Dass sich hinter der Figur des netten Großvaters, den Dumbledore nach Außen hin repräsentierte, in Wirklichkeit ein skrupelloser Manipulator verbarg, hatte sie nicht wahrhaben wollen, bis sich die Wahrheit letztendlich nicht mehr schönreden oder schöndenken ließ. Jetzt sprudelte es geradezu aus ihr heraus, all ihre seit langem aufgestaute Wut, ihre Enttäuschung und auch die Empörung über sein Handeln brauchten ein Ventil.
 
»Sie selbst haben gemeinsam mit Grindelwald diese Ideen und Grundgerüste einer neuen Weltordnung kreiert und weiterentwickelt, damals von Ihnen als das ‘Greater Good’ bezeichnet, in der die Herrschaft der Zauberer über Muggel und alle anderen Abstammungen letztlich dem Wohle Aller dienen sollte. Etwas, vor dem Sie erst durch die Vorhaltungen Ihres eigenen Bruders und den Tod Ihrer Schwester zum Schluss Angst bekamen, als Sie begriffen, welche Gefahren für die Welt in diesen Ideen lauern, als sie begriffen, dass Ihr Lover Grindelwald diese Ideen für die Untermauerung der Herrschaft der Reinblüter nutzen wollte. Und Voldemort — er hat in diesem Gedankengut das gefunden, was er als seine eigene Weltanschauung betrachtete, auf dem er aufbauen konnte, das er weiterführen konnte.«
 
Harry blickte auf seine beste Freundin, als hätte er sie noch niemals zuvor gesehen. Sie hatte nichts davon auch nur mit einer Silbe ihm gegenüber erwähnt. Seine Augen waren immer größer geworden, je mehr Fakten Hermione Dumbledore entgegenschleuderte. Sie hatte — im Gegensatz zu ihm — die Zusammenhänge in einer Komplexität durchschaut, die Harry nur bewundern konnte. Und er erkannte auch, dass er bewusst vor der Wahrheit bis zuletzt die Augen verschlossen hatte.
 
»Sie haben Kinder in einem Krieg für sich kämpfen lassen. Kinder. In Ihrem Krieg! Wo waren die Auroren in der Letzten Schlacht? Wo waren die Erwachsenen der magischen Welt?
 
Sie haben nicht einmal Professor Snape alle Informationen gegeben, die er gebraucht hätte, und das, obwohl Sie behauptet haben, ihm völlig zu vertrauen, obwohl er Ihr Spion in den Reihen Voldemorts war. Sie haben ihn benutzt! Sie haben ihn manipuliert, benutzt und danach einfach weggeworfen. Wäre es nach Ihnen oder Voldemort gegangen, dann läge er jetzt tot in irgendeiner Ecke.«
 
Die letzten Sätze hatte sie nur noch mit Mühe herausgebracht, weil ein Kloß ihre Kehle verstopfte und Tränen unablässig aus ihren Augen und ihre Wangen hinunter rannen. Sie empfand jetzt, nach ihrem Ausbruch, nur noch maßlose Enttäuschung und grenzenlose Leere. Es war Harry, der von hinten an sie herantrat, sanft beide Arme um sie schlang und sie an seine Brust zog. »Pscht, alles ist gut«, flüsterte er leise tröstend.
 
Der Zauberer in seinem gemalten Sessel hatte bedrückt die Augen geschlossen. Niemals zuvor hatte ein Anderer seine Verfehlungen dermaßen direkt auf den Punkt gebracht — nicht einmal Aberforth. Scham stieg in ihm auf, für das, was damals geschehen war, doch die Vergangenheit war vergangen. Diesen Teil hatte er auch in all den Jahren seines späteren Lebens nicht mehr ändern können, selbst wenn er es noch so sehr gewünscht hatte. Und er hatte früheren Fehleinschätzungen noch weitere hinzugefügt, wie ihm nun bewusst wurde.
 
Dumbledore hatte Hermione nicht unterbrechen können — obwohl er einmal den Versuch unternommen hatte — hatte dann nur schweigend zuhören können. Er wischte sich nun mit der Hand über seine gemalten Augen. Der Ausdruck in seinem Gesicht war voller Schmerz. Er verstand, was sie bewegte, verstand, warum sie ihm all das entgegenschleuderte. Zu viel war geschehen. Was wusste er schon wirklich darüber, welche Grausamkeiten sie in diesem letzten Jahr gesehen oder erlebt hatte …
 
»Vieles von dem, was Sie sagten, entspricht sicherlich — zumindest teilweise — der Wahrheit. Auch ich habe in meinem Leben, gerade in meiner Jugend, viele Fehler gemacht, die ich zutiefst bedauere. Trotz allem habe ich versucht, gerade diese Fehler wiedergutzumachen und sie auf keinen Fall zu wiederholen oder gar andere, noch schlimmere, zu begehen. Ich habe meine Lektion damals gelernt.
 
Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Sie sich gefühlt haben müssen, wie Sie sich jetzt immer noch fühlen. Aber ich versichere Ihnen, dass ich es niemals darauf angelegt hatte, derartig mit Menschen umzugehen, wie Sie es beschrieben haben. Schon gar nicht mit Severus. Im Kampf gegen Voldemort habe ich mit Sicherheit Grenzen überschritten, sowohl die der Anderen als auch meine eigenen, musste sie überschreiten.
 
Vielleicht sollten Sie in einer ruhigen Stunde, wenn Sie ein wenig Abstand gefunden haben, sich mit Harry zusammensetzen und sich von ihm die Dinge erzählen lassen, die er bei seinem Nahtoderlebnis erfahren hat.«
 
Die Sanftheit und die Güte, die Hermione in all den Jahren hier in Hogwarts bei ihm verspürt hatte, waren in sein Gesicht und seine Stimme zurückgekehrt. »Ich bin mehr als dankbar dafür, dass Severus am Leben ist. Und ich bin dankbar dafür, dass Sie sein Leben gerettet haben, Hermione
 
Er hob die Hand, als Hermione und Harry kurz aufkeuchten und Hermione dazu ansetzte, etwas zu erwidern. »Woher …?«
 
Dumbledore lachte leise in sich hinein. »Ich habe ihn hier, auf der ‘anderen’ Seite, nicht gefunden. Und glauben Sie mir, ich habe wirklich alles nach ihm abgesucht. Schließlich habe ich mir mit ihm über viele Jahre die besten Wortgefechte geliefert. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Darauf wollte ich unter keinen Umständen verzichten müssen. Und er fehlt mir — als Freund.«
 
»Deshalb hat Sie die Nachricht vorhin auch nicht überrascht«, sagte Hermione mehr zu sich selbst.
 
»Ja. Als Sie beide so plötzlich durch den Kamin in diesem Büro erschienen, war mir augenblicklich klar, dass Sie diejenige gewesen sein mussten, die Severus’ Leben gerettet hat. Keine Sorge, Ihr Geheimnis ist bei mir — bei uns — sicher. Sie sind in jeder Beziehung eine außergewöhnliche junge Dame, Miss Granger.«
 
Hermione schüttelte über das Kompliment leicht den Kopf. »Jeder hätte das getan. Jeder.«
 
»Nein. Leider. Und das wissen Sie ganz genau.«
 
Hermione senkte traurig den Kopf. Er hatte ja Recht.
 
»Bevor ich mich ins Ministerium zu Kingsley begebe, möchte ich Ihnen noch etwas mit auf den Weg geben. Severus Snape mag in den Augen der Menschen in seiner Umgebung viele Fehler begangen haben, aber nur die wenigsten Beteiligten wissen, wer und wie er wirklich ist. Es ist sehr schwer, sein Vertrauen zu gewinnen und es bedarf einer großen Investition sowohl in Zeit und als auch in Geduld, ihn kennen zu lernen. Aber es lohnt sich, diesen Versuch zu wagen.« Dumbledore schaute beide lange an, bevor er sich aus seinem gemalten Sessel erhob und aus dem Portrait ging.
 
Kaum hatte Dumbledore sein Bild verlassen, da huschte Harry zu dem schwarzen Schrank, von dem er wusste, dass Albus Dumbledore dort sein Denkarium aufbewahrte. Professor McGonagall musste es heute Morgen an seinen Platz zurückgestellt haben, da er sich sicher war, es während der Letzten Schlacht auf dem Schreibtisch stehen gelassen zu haben. Er zog eine Phiole aus der Innentasche seiner Robe und begann eilig, die in dem steinernen Wasserbecken herumschwimmenden Erinnerungen mit Hilfe seines Zauberstabes einzusammeln.
 
Hermione beobachtete ihn einen Moment nachdenklich. Sie hatte nicht erwartet, dass Harry sich dafür entschieden hatte, Snapes Erinnerungen zu holen und wieder an sich zu nehmen. Doch sie war froh darüber, dass dieses Mal er seinen Verstand gebraucht hatte, da sie selbst es in ihrem Zorn schlichtweg vergessen hatte.
 
»Jetzt können wir gehen«, sagte Harry und griff nach der Hand seiner besten Freundin. Beide benutzten dieses Mal die Tür, um den Raum zu verlassen. Hermione hatte allerdings dabei das Gefühl, von den dunklen Augen eines Portraits regelrecht durchbohrt zu werden.
 
 
Fortsetzung folgt ...
 
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