AleaThoron
   
  FairyCat's Potions and Passions
  Kapitel 10 — Schatten der Vergangenheit
 
DISCLAIMER: Ich verdiene kein Geld damit, habe jedoch genau den unglaublichen Spaß, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Alle agierenden Personen gehören JKR. Ich habe sie mir heimlich ausgeborgt, verspreche aber, gut auf sie aufzupassen und sie wohlbehalten und an Erfahrungen reicher und gereifter wieder zurückzugeben.
 
Beta: Deep Water — Mein ganz spezieller Dank gilt meinem Beta, der eigentlich mein Vater ist, und der es sich trotz seiner schweren Krankheit nicht nehmen ließ, mein erster Kritiker zu sein.
 
 
Coniunctio perpetua by Alea Thoron
 
 
Kapitel 10 — Schatten der Vergangenheit
 
Es war kurz nach dem Mittagessen, als sich die Tür zu Severus’ Krankenzimmer öffnete und Poppy Pomfrey mit einem Tablett hereinkam, auf dem eine große Kanne Tee, zwei Tassen und alle notwendigen Utensilien für eine gemütliche Teerunde standen. Die Elfen hatten sogar an Scones, Severus’ Lieblingsgebäck, gedacht.
 
Sie stellte das Tablett auf dem Nachttisch ab und wandte sich Severus zu. »Nun, mein Junge, was hältst du von einer guten Tasse Tee und ein wenig Gesellschaft?«, fragte sie ihn lächelnd.
 
Er zog nicht ganz ernst gemeint eine Augenbraue hoch. »Nur, wenn diese Gesellschaft endlich dafür sorgt, dass ich meinen Zauberstab von einer gewissen Miss-know-it-all zurückerhalte.«
 
»Tsss, tsss, gerade du als Zaubertränkemeister solltest wissen, dass Geduld eine besondere Tugend ist, Severus. Abgesehen davon hat niemand jemals behauptet, dass Miss Granger ihn in ihrem Besitz hat.« Poppy schüttelte missbilligend ihren Kopf. >Wie kann der Junge nur so stur sein?< Sie zog einen Sessel für sich heran und schenkte Tee ein. Dann ließ sie sich in den Sessel sinken und griff nach seiner Tasse, um sie ihm zu reichen.
 
»Es hat auch niemand jemals das Gegenteil behauptet«, entgegnete er, während er sich aufsetzte und die Teetasse aus Poppys Hand nahm. »Warst du wenigstens inzwischen in der Lage, irgendetwas zu der nicht gänzlich belanglosen Frage in Erfahrung zu bringen, was sich — abgesehen von ein paar Zaubertränken — bei meiner Rettung ereignet haben könnte?«
 
»Nein. Die betreffende Person hat Hogwarts bereits gestern Abend verlassen, so dass ich bislang keine weiteren Nachforschungen anstellen konnte.«
 
»Hogwarts verlassen? Wohin?«, fragte er angespannt, wobei er, als er dies bemerkte, sofort versuchte, wieder eine unbeteiligte Maske aufzusetzen.
 
Poppy tätschelte sanft seinen Arm. »Nach Hause, nehme ich an.«
 
»Das kann sie nicht«, brach es aus ihm heraus.
 
Poppy hatte gerade nach einem der Scones gegriffen und hielt nun mitten in der Bewegung inne. »Wieso?« Sie runzelte irritiert die Stirn.
 
Er starrte sie konsterniert an. »Sind die von Miss Granger vorgenommenen Vorkehrungsmaßnahmen euer aller Aufmerksamkeit entgangen? Sie hat in den Sommerferien nach ihrem sechsten Schuljahr die Erinnerungen ihrer Eltern derartig modifiziert, dass diese auch nicht den kleinsten Anhaltspunkt dafür haben, dass sie überhaupt jemals eine Tochter gehabt haben könnten, um sie danach nach Australien in Sicherheit zu bringen.«
 
»Oh, Merlin, das arme Mädchen«, entfuhr es ihr entsetzt.
 
Doch dann wurde ihr plötzlich klar, dass sie einen Fehler begangen hatte. Mit ihrem soeben geäußerten Mitleid für Miss Granger hatte sie ungewollt Severus eine Bestätigung für seinen lange gehegten Verdacht gegeben. Sie musste diesem auf irgendeine Art entgegenwirken, um ihr Versprechen zu halten. »Einmal völlig abgesehen davon, ob Miss Granger für deine Rettung verantwortlich ist oder nicht — woher weißt du das?«
 
Severus lächelte ironisch. »Potters Heim war nicht ganz so abhörsicher, wie er zu dem damaligen Zeitpunkt geglaubt hat. Es handelt sich schließlich um ‘Das Edle und Altehrwürdige Haus derer von Black’ und die Blacks haben in all den Jahrhunderten nicht nur einen Schulleiter gestellt. Ein ganz spezieller Schulleiter hat sogar sein Portrait schräg hinter dem Schreibtisch in Albus’ altem Büro.«
 
»Phineas Nigellus Black!!!«
 
»Richtig.« Severus nickte sehr vorsichtig, um seinem Nacken den Schmerz zu ersparen. »Nun, er hängt — nein, er hing zu dem damaligen Zeitpunkt — auch in Potters jetzigem Zuhause. Er berichtete mir eines Abends von einem Gespräch des ‘Goldenen Trios’, das er mitangehört hatte, während die Drei in ‘seinem’ Schlafzimmer nach irgendetwas suchten. Du kennst ihn und seine Einstellung. Wie du dir sicherlich vorstellen kannst, waren seine Äußerungen niemals sonderlich freundlich, wenn es um Miss Granger ging. Er verabscheut Muggelgeborene.«
 
»Und durch ihn hast du die Information erhalten, dass sie ihre Eltern ohne Erinnerung an ihre eigene Tochter nach Australien geschickt hat.« Poppy schüttelte über so viel Selbstaufgabe einer jungen Frau ungläubig ihren Kopf.
 
»Sie erwähnte es kurz bei einer kleinen Meinungsverschiedenheit mit Mister Weasley. Vermutlich war dies die klügste Entscheidung, die sie jemals in ihrem Leben getroffen hat.«
 
»Wie kannst du so etwas sagen, Severus? Deine Haltung ist manchmal wirklich unangebracht!«, schimpfte Poppy.
 
Er jedoch zog nur die Augenbraue in die Höhe. »Wie dir zweifellos inzwischen bekannt sein dürfte, war ich nach meiner ‘Ernennung’ zum Schulleiter von Hogwarts im Vergleich zu meinen früheren Möglichkeiten, Aufschluss über die geplanten Aktivitäten der Todesser zu erhalten, von den Informationen in Voldemorts Innerem Zirkel relativ abgeschnitten …« Er wartete kurz, bis sie nickte.
 
»Vermutlich«, stimmte sie vorsichtig zu.
 
Dann erst fuhr er fort: »Allerdings habe ich kurz nach Weihnachten vorigen Jahres durch die unabsichtliche Hilfe der Carrows in Erfahrung bringen können, dass der Dunkle Lord plante, einen Tag vor Silvester das Haus der Grangers angreifen zu lassen. Dazu beauftragte er eine Gruppe von Todessern unter dem Befehl von Rodolphus Lestrange damit, ihre Eltern und — falls sie ihrer habhaft werden könnten — auch sie selbst zu töten. Sie haben auf jeden Fall das Haus niedergebrannt, wie ich später hörte.«
 
Poppy war bei seinen Worten kalkweiß geworden. »Du hast es vorher gewusst? Aber …«
 
Er ahnte, worauf sie hinaus wollte. »Ich wusste ebenfalls, dass sich Miss Granger zusammen mit Mister Potter nach ihrer gescheiterten Mission in Godric's Hollow im Forrest of Dean befand und ihre Eltern in Australien in relativer Sicherheit waren, Poppy. Es war nicht notwendig, irgendetwas zu verhindern. Niemand schwebte bei dieser Aktion und zu diesem Zeitpunkt in irgendeiner Gefahr.«
 
»Dennoch! Sie hat nicht einmal mehr ein Zuhause«, sagte Poppy vorwurfsvoll.
 
Er hob eine Augenbraue an. »Was für ein geringer Preis für drei Leben.«
 
Poppy seufzte schwer. »Ich wünschte, du hättest eine ein klein wenig glücklichere Kindheit verbracht, Severus, dann würdest du verstehen, was es bedeutet, das Elternhaus und damit auch das Zuhause zu verlieren. Ja, ich weiß, von deinem Standpunkt aus hast du selbstverständlich Recht. Es ist ein kleiner Preis für drei Leben. Trotzdem.«
 
Severus schüttelte innerlich niedergeschlagen den Kopf. Nein, er war nicht wirklich in der Lage, nachvollziehen zu können, was es für andere Menschen bedeutete, ihr Zuhause zu verlieren. Er hatte es bereits als Elfjähriger gehasst, in den Sommerferien, oder egal in welchen Ferien auch immer, in das Haus in Spinner’s End zurückkehren zu müssen.
 
Sein permanent wütender Muggel-Vater, der keine Gelegenheit ausließ und keine Sekunde zögerte, sowohl seine Ehefrau als auch den in seinen Augen missratenen Sohn mit Worten und Fäusten zu traktieren. Seine blasse und verängstigte Reinblüter-Mutter, die beständig versuchte, in jeder Situation das Aufblitzen ihrer magischen Fähigkeiten zu unterdrücken, um ihrem Ehemann nicht noch mehr Angriffsfläche zu bieten als ohnehin schon.
 
Zu seinen ersten Erinnerungen als noch ganz kleiner Junge — er war vielleicht drei oder vier gewesen — zählten die wüsten Beschimpfungen seines jähzornigen Vaters und das leise Wimmern seiner Mutter, die noch heute in seinen Ohren nachklangen.
 
Selbst in diesem Moment bereitete es ihm keinerlei Schwierigkeiten, sich die drohend aufgerichtete Gestalt und die zur Faust geballte hoch erhobene Hand seines Vaters in Erinnerung zu rufen. Er glaubte sogar, erneut den damaligen Hass in sich aufwallen zu fühlen und die körperlichen Schmerzen spüren zu können, die der letzte Zornesausbruch seines Vaters ihm gegenüber hinterlassen hatte.
 
Flashback
 
Es geschah in den Sommerferien nach seinem ersten Jahr in Hogwarts. Damals war er gerade erst zwölf Jahre alt.
 
Er hatte den gesamten Tag zusammen mit Lily verbracht. Sie hatten an einer versteckt gelegenen Stelle auf dem Spielplatz über verschiedene Zaubersprüche aus ihren Büchern für das nächste Schuljahr diskutiert. Mit Stöcken anstelle von Zauberstäben bewaffnet, versuchten sie, die Zauberstab-Bewegungen nachzuvollziehen und sich die Zaubersprüche einzuprägen. Später waren sie zu Lilys Familie nach Hause gegangen, wo er bereits den größten Teil der Sommerferien verbracht hatte. Trotz des mürrischen Verhaltens von Petunia, die den verwahrlosten Jungen in seiner schmuddeligen und nicht mehr passenden Muggel-Kleidung scheel von der Seite ansah, hatten sie unglaublichen Spaß gehabt und viel gelacht.
 
Als er nun in der Dämmerung vor dem Haus seiner Eltern stand, hörte er von drinnen bereits das Brüllen seines Vaters herausschallen. Während er die Tür öffnete, erhöhte sich der Pegel der Lautstärke seines Vaters um ein Vielfaches. Severus glitt lautlos hinein und wollte schnell die Treppe hinaufhuschen, als er aus der Küche einen spitzen Aufschrei, ein lautes Scheppern und dann den schweren und dumpfen Aufschlag eines Körpers hörte, der irgendwo gegenstieß.
 
Hektisch rannte er die wenigen Stufen wieder hinunter und stürzte in die Küche, wo sich ihm ein furchtbarer Anblick bot. Sein Vater stand hoch aufgerichtet und mit von Wut verzerrtem Gesicht drohend mitten im Raum, während seine Mutter verkrümmt und voller Blut auf dem Fußboden lag. Er konnte aufgrund des anhaftenden Blutes genau erkennen, wo der Kopf seiner Mutter gegen den Küchenschrank geknallt war, als sein Vater sie quer durch die Küche geschleudert hatte, wie es seine Angewohnheit war. Neben ihr lag der umgekippte Topf mit dem Abendessen für die gesamte Familie.
 
Der jähzornige schwarzhaarige Mann mit der Hakennase schwankte bedrohlich, so dass Severus zunächst glaubte, dass sein Vater stark betrunken wäre. Doch seine nächsten Worte zeigten, dass er zwar vollkommen nüchtern, allerdings selbst für seine Verhältnisse extrem wütend war. »Du bist nur eine Missgeburt der Natur, die glaubt, etwas Besonderes zu sein, genau wie dieses missratene Balg«, zischte er, während er ausholte und mit dem Schuh in die Rippen seiner Frau trat. Sie versuchte, mit dem offenbar bereits gebrochenen Arm ihren Kopf zu schützen. Ein lautes Aufwimmern war das Einzige, was sie von sich gab.
 
»Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, wie du mit diesem Ding herumfuchtelst, breche ich dir sämtliche Knochen!«, drohte er. Ein weiteres Wimmern folgte, als er ihr mit voller Wucht auf den Arm trat.
 
Severus war nicht schnell genug in die Küche gelangt, um die Misshandlungen seiner Mutter zu verhindern. Er konnte hören, wie unter dem letzten Tritt seines Vaters weitere Knochen zerbarsten und stürzte nach vorn, um seinen Vater zu rammen, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die abrupte Bewegung, die er aus dem Augenwinkel wahrnahm, hatte diesen auf Severus aufmerksam gemacht, so dass er sich noch herumdrehen konnte. Die geballte Faust traf Severus mitten ins Gesicht und warf ihn zu Boden. Er schmeckte Blut.
 
»Wag es nicht!«, knurrte Tobias Snape giftig.
 
Obwohl Sterne vor seinen Augen tanzten, besaß Severus noch die Geistesgegenwart, sich wegzurollen, so dass der Tritt, den sein Vater auf ihn zielte, ins Leere ging. Er zog blitzschnell seinen Zauberstab aus dem Ärmel und murmelte durch zusammengebissene Zähne »Petrificus Totalus!«. Sein Vater erstarrte augenblicklich in der Bewegung und fiel steif wie ein gefällter Baum zu Boden. Hasserfüllte schwarze Augen funkelten Severus an.
 
»Was auch immer du tust — du wirst mir keine Angst einjagen.« Auch Severus konnte in diesem Moment nur Hass empfinden, Hass auf den Mann, der seiner Mutter und ihm das Leben zur Hölle machte, seitdem er denken konnte. Er war versucht, einen der Sprüche zu werfen, die er bei dem einzigen Besuch im Haus seiner reinblütigen Großeltern aufgeschnappt hatte, konnte sich jedoch im letzten Moment noch zügeln.
 
Er rappelte sich auf seine Knie hoch, rutschte zu seiner Mutter hinüber und strich ihr sanft das Haar aus dem Gesicht. Das angstvolle Wimmern griff Severus ans Herz. Mit einigen mächtigen Heilzaubern, die er in seinem Alter eigentlich noch gar nicht kennen sollte, heilte er die Verletzungen seiner Mutter und drehte sich dann mit hasserfülltem Blick zu der auf dem Boden liegenden Gestalt seines Vaters herum. Er richtete die Spitze seines Zauberstabes auf die Stelle, wo sich eigentlich das Herz seines Vaters befinden sollte, und doch nur ein kalter Stein war. »Wag’ es nie wieder, meine Mutter oder mich anzufassen!«
 
Sein Vater hatte in Severus’ Gegenwart niemals wieder gewagt, die Hand gegen Severus’ Mutter oder ihn selbst zu erheben. Dies hatte allerdings seiner Mutter nicht das Leben retten können.
 
Flashback Ende
 
Severus hatte so lange geschwiegen, dass Poppy sich bereits Sorgen zu machen begann. Er schien mit seinen Gedanken unendlich weit weg zu sein.
 
Sie ahnte, dass sie selbst mit ihrer Bemerkung über seine trostlose Kindheit der Auslöser für dieses Schweigen gewesen war. Anhand seines Gesichtsausdruckes konnte sie erahnen, dass er nicht in fröhlichen Erinnerungen schwelgte. Poppy wusste nicht wirklich viel über die Kindheit und Jugend von Severus, aber das Wenige, was sie über die Jahre erfahren hatte, ließ keine Zweifel in ihr aufkommen, dass nicht viel davon glücklich gewesen sein konnte. Sie empfand gleichzeitig tiefes Mitleid und unendliche Zuneigung für den Mann, der für sie immer der magere, blasse Elfjährige in seiner ärmlichen und schmuddeligen Kleidung bleiben würde, dem damals trotz seines mürrischen und abweisenden Verhaltens ihr Herz zugeflogen war.
 
Poppy hatte niemals gewagt, ihm zu zeigen, dass sie neben mütterlicher Liebe und dem Bedürfnis, ihn zu halten und zu beschützen, auch Mitleid für ihn und seine Situation empfand, denn er hätte dies niemals und von niemandem — auch nicht von ihr — akzeptiert. Er war ein stolzer Mann — nein, damals war er ja noch ein Junge gewesen. Trotzdem, in diesem Punkt hatte er sich nicht verändert. Mitleid? Das hätte er niemals gewollt.
 
Severus hatte sogar nur selten zugelassen, dass sie ihn in die Arme schloss. Er war es offensichtlich nicht gewohnt gewesen, Wärme und Geborgenheit von einem anderen Menschen zu erhalten. Die Einzige, die er ansonsten emotional noch an sich herangelassen hatte, war Lily gewesen.
 
»Entschuldige«, hörte sie Severus’ leise Stimme, die sie aus ihren eigenen Gedanken riss. »Wahrscheinlich ist sie mit Potter gegangen.« Er nahm sich einen der Scones und betrachtete ihn versonnen, bevor er ihn in den Mund steckte und genüsslich kaute. Danach trank einen großen Schluck Tee, wobei er beides nur tat, um ein wenig Zeit zu gewinnen und seine Gelassenheit wiederzufinden.
 
»Vermutlich. Er hat doch dieses Haus in London von Sirius Black geerbt, oder?«, sagte sie nachdenklich.
 
»Ja, am …« Er war plötzlich nicht mehr in der Lage, die Adresse auszusprechen. Das konnte nur bedeuten, dass irgendjemand einen erneuten Fidelius-Zauber über das Haus geworfen hatte und es auch wieder einen neuen Geheimniswahrer geben musste. >Dann hat er wenigstens dazugelernt<, dachte Severus. >Und das legt wiederum den Schluss nahe, dass auch sie in Sicherheit ist.< Erschrocken über seinen eigenen Gedanken erforschte er seine Denkweise. Was hatte ihn dazu veranlasst, sich für die Sicherheit von Miss Granger zu interessieren? Er fand keine Antwort darauf, zumindest nicht im Moment.
 
»Damit befindet sich mein Zauberstab nun wirklich außerhalb meiner Reichweite«, stellte er mit einem spöttischen Lächeln fest, obwohl er sich bei diesem Gedanken absolut nicht wohl fühlte.
 
»Ach, Severus! Wie oft soll ich eigentlich noch sagen, dass …«
 
»Hör endlich auf, Spielchen mit mir zu spielen«, unterbrach er sie abrupt, während er sie ungehalten anfunkelte. »Wir beide wissen, dass Miss Granger dafür verantwortlich ist, dass ich es überhaupt bis in den Krankenflügel geschafft habe.«
 
Poppy hob resignierend beide Hände. »Frag sie selbst, Severus. Wenn sie mit dir darüber reden will, wird sie es sicherlich tun. Aber sei dabei wenigstens ein wenig freundlicher zu ihr. Sie scheint eine Menge schlimmer Dinge hinter sich zu haben und nach dem, was du mir vorhin erzählt hast, ist es vermutlich immer noch nicht vorbei.«
 
»Sie wird mit mir reden müssen«, antwortete Severus halsstarrig. Er griff nach einem weiteren Scone, schob ihn sich in den Mund und schloss die Augen, während er kaute. Die Elfen verstanden ihr Handwerk.
 
»Also gut, Severus. Tu, was du nicht lassen kannst. Bis dahin könntest du wahrscheinlich ein wenig Ablenkung vertragen. Ich habe dir deshalb eine Lektüre mitgebracht, die dich sicherlich interessieren wird. Minerva hat mir das vorhin in die Hand gedrückt.« Mit diesen Worten griff sie in die Innentasche ihrer Roben und zog eine zusammengerollte Zeitung heraus.
 
»Was ist das?« Er starrte die zusammengerollte Zeitung misstrauisch an und zog fragend eine Augenbraue hoch.
 
»Eine Sonderausgabe des Klitterers
 
»Demnach ist Lovegood also wieder im Geschäft.«
 
»Das hier stammt nicht von ihm, sondern von seiner Tochter, Severus.« Poppy reichte ihm die Zeitung hinüber. »Ich bin mir nicht sicher, ob diese Sonderausgabe deine Zustimmung finden wird — nach außen hin sicherlich nicht—«, sie verdrehte die Augen so, dass er es auch wirklich sah, »—aber für mich bedeutet es, dass jetzt nach der Vernichtung von Du-weißt-scho— V-Vo-Voldemort endlich die Möglichkeit besteht, dass gewisse Dinge richtiggestellt werden können und die magische Welt begreift, dass an dir begangenes Unrecht wiedergutgemacht werden muss.« Sie war stolz auf sich. Sie hatte es zum ersten Mal geschafft, diesen Namen auszusprechen, wenn auch erst im dritten Anlauf.
 
»Welches Unrecht? Ich war derjenige, der Anderen Unrecht zugefügt hat!«, wehrte Severus ab, was Poppy nur ein Schnauben als Antwort entlockte. Er entrollte mit argwöhnischem Gesichtsausdruck die Zeitung, wo ihm von der Titelseite sein eigenes Konterfei entgegensprang. Er zuckte unangenehm überrascht zurück. »Was soll das?«, fragte er grollend. Dann fiel ihm die Schlagzeile ins Auge und er keuchte laut auf. »Potter!«
 
Poppy Pomfrey nickte. »Ja, Mister Potter hat dem Klitterer ein weiteres Interview gegeben. Weißt du eigentlich, dass das damalige Interview von Harry Potter auf einer Idee von Hermione Granger beruhte? Sie hat angeblich Rita Skeeter mit irgendetwas dazu erpresst, wie mir Minerva vor einiger Zeit erzählt hat. Ich wünschte nur, ich hätte diese Information früher erhalten. Möglicherweise hätte ich Miss Granger dazu überreden können, mir Skeeters kleines Geheimnis zu verraten. Dann wäre das Buch über Albus sicherlich nicht erschienen.« Aus ihrer Stimme war jegliche Belustigung verschwunden, während sie ihn sehr ernst anblickte. »Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass Hermione Granger auch für dieses weitere Interview verantwortlich zeichnet.«
 
»Ich wusste immer, dass der Hut die falsche Entscheidung getroffen hat.« Severus sah sie herausfordernd an, doch Poppy wirkte nicht so, als ob sie auf seine spielerische Provokation eingehen wollte.
 
»Albus war immer der Meinung, dass der Hut viel zu früh sortiert. Kinder verändern sich. Und ich glaube sogar, dass diese ganze Häuserrivalität für Hogwarts und auch für die magische Welt mehr Schaden verursacht als dass es Nutzen bringt«, antwortete sie gedankenverloren mehr zu sich selbst, als dass es für ihn bestimmt war. »Nicht alle dunklen Zauberer und Hexen waren einst in Slytherin.«
 
»Du zweifelst an den Gründern?«, fragte Severus überrascht.
 
»Nicht an den Gründern selbst. Ich zweifele mehr an ihrer Motivation. Die magische Gemeinschaft ist zu klein, als dass wir uns auch noch in sinnlosen Kämpfen untereinander um der Abstammung willen aufreiben sollten. Es gibt einfach zu wenige von uns, um uns gegenseitig zu dezimieren. Ich bin um jeden Einzelnen froh, der diese unsichtbaren Grenzen für sich selbst überschreitet und übergreifend denkt. Gerade die Muggelgeborenen sollten eine Chance für uns sein.« Poppy hob den Kopf und sah erst auf den Klitterer in seiner Hand und dann in sein Gesicht.
 
»Bevor du dich künstlich darüber aufregst, was Miss Lovegood auf Geheiß von Mister Potter — oder vermutlich Miss Granger — über deine Person offenbart hat, solltest du dir vielleicht erst einmal über seine oder, wenn du dies lieber hörst — ihre — Beweggründe Gedanken machen.«
 
Jetzt war es an ihm, sie verwirrt anzusehen. »Was meinst du damit?«
 
»Warum hat Harry Potter dem Klitterer ein Interview über den von Vo-Voldemort in Hogwarts eingesetzten gefürchteten Schulleiter gegeben, anstatt über seine eigenen Erlebnisse in diesem Horrorjahr zu berichten?«, stellte sie als Frage in den Raum.
 
Sein eben noch verwirrter Gesichtsausdruck veränderte sich und er wurde sehr nachdenklich. »Wenn ich davon ausgehe, dass Granger mein Leben gerettet hat — und davon gehe ich aus—«, er hatte die letzten Worten deutlich betont, »sind sowohl Hermione Granger als auch Harry Potter darüber informiert, dass ich am Leben bin. Granger hat es sich mit Sicherheit nicht nehmen lassen, Potter davon zu unterrichten. Was die beiden allerdings mit einem Interview im Klitterer bezwecken könnten, entzieht sich meiner Vorstellungskraft.« Er hob abwehrend die Schultern, als ob er diese Gedanken nicht wirklich zulassen wollte, was ihn jedoch schmerzhaft an seine Begegnung mit Nagini erinnerte.
 
Nein, er war nicht dumm, natürlich war ihm klar, dass die beiden die öffentliche Meinung über ihn beeinflussen wollten, dass sie die Weichen für seine Zukunft stellen wollten. Aber er wollte darüber nicht nachdenken, denn es gab keine Zukunft für ihn.
 
»Hast du dich nicht gefragt, wie es möglich war, dass Kingsley Shacklebolt hier so schnell aufkreuzen konnte?«, fragte Poppy ihn, woraufhin sie bemerkte, dass er sie sehr argwöhnisch anschaute.
 
»Inzwischen halte ich das nicht mehr für einen … Zufall, genauso wenig wie dieses Interview«, gab er nach einem weiteren argwöhnischen Blick auf sie zu.
 
Sie nickte. »Das Interview hat selbst mich vollkommen überrascht, Severus, genau wie Minerva, Albus und wohl auch jeden anderen. Niemand wusste davon. Sie müssen dies auf eigene Faust beschlossen haben.«
 
»Etwas, das ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Allerdings heißt das auch, du wusstest von Shacklebolt«, stellte er in süffisantem Ton fest.
 
Poppys Augen weiteten sich vor Schreck, als sie begriff, dass sie sich verplappert hatte. Dann zuckte sie jedoch mit den Schultern. »Ach, was soll’s. Ja, ich wusste davon, Severus. Wenn du es genau wissen willst, war es sogar meine Idee. Er kann uns helfen.«
 
»Uns?«
 
Sie schaute ihn beinahe mitfühlend an. »Glaubst du wirklich, dass du ganz allein stehst, mein Junge? Gehst du immer noch davon aus, dass es niemanden gibt, der sich Sorgen um dich macht? Seit dem Moment, in dem ich dich in diesem Bett vorfand, hatte ich zuerst nur eine Verbündete, aber dann wurden es immer mehr Menschen, denen es nicht gleichgültig ist, wie deine Zukunft verlaufen wird.«
 
»Meine Zukunft? Welche Zukunft, Poppy?« Severus war fassungslos. »Warst du — wart ihr alle — einem Gedächtniszauber ausgesetzt und habt vergessen, welche Gräueltaten unter meiner Befehlsgewalt in dieser Schule im letzten Jahr begangen wurden?«
 
»Ich weiß nur, dass es ohne dich weitaus schlimmer geworden wäre, Severus«, antwortete Poppy leise. »Wenn ich mir vorstelle, dass Voldemort persönlich die absolute Kontrolle über die Schule ausgeübt hätte …«
 
Doch er ließ sich nicht davon abbringen. »Kannst du dich nicht daran erinnern, wie ich mich all die Jahre zuvor verhalten habe? Das war nicht nur einer Aufgabe für das ‘Greater Good’ geschuldet! Es entspricht zum Großteil meinem Charakter! Ich bin immer noch die Fledermaus aus den Kerkern, der schleimige Bastard. Das Einzige, was ich verdient habe, ist ein langjähriger Aufenthalt in Azkaban!« >Oder den Kuss eines Dementors<, doch dies sprach er vor Poppy wohlweislich nicht laut aus.
 
»Wie kannst du so etwas sagen?! Mach dich nicht schlechter, als du bist! Hier sind genügend Menschen, die für dich kämpfen werden, die nicht aufgeben, bis sie ihr Ziel erreicht haben.« Poppy war — auch ohne dass sie etwas von seinem letzten Gedanken ahnte — außer sich. Severus’ Worte hatten sie zutiefst erschüttert. »Lies den Klitterer, Severus. Vielleicht lernst du dort einen Menschen kennen, so wie andere ihn sehen.«
 
Sie trank ihren Tee aus und stand auf. Man konnte erkennen, wie aufgewühlt sie immer noch war. »Ich habe mir die Freiheit genommen, deine Sachen von den Hauselfen reinigen und reparieren zu lassen. Du darfst nachher für eine Weile aufstehen. Morgen früh werde ich den letzten Patienten aus dem Krankenflügel entlassen, dann hast du endlich mehr Bewegungsfreiheit.«
 
Damit ging sie zur Tür und überließ einen äußerst verwirrten Severus Snape seinen Gedanken und dem Klitterer.
 
 
 
Fortsetzung folgt …
 
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