AleaThoron
   
  FairyCat's Potions and Passions
  Kapitel 11 — Im Fadenkreuz
 
DISCLAIMER: Ich verdiene kein Geld damit, habe jedoch genau den unglaublichen Spaß, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Alle agierenden Personen gehören JKR. Ich habe sie mir heimlich ausgeborgt, verspreche aber, gut auf sie aufzupassen und sie wohlbehalten und an Erfahrungen reicher und gereifter wieder zurückzugeben.
 
Beta: Deep Water — Mein ganz spezieller Dank gilt meinem Beta, der eigentlich mein Vater ist, und der mich mit »Und wann schreibst Du endlich Deine eigene Geschichte?« erst dazu gebracht hat, diese Story Wirklichkeit werden zu lassen.
 
 
Coniunctio perpetua by Alea Thoron
 
 
Kapitel 11 — Im Fadenkreuz
                  
 
Hermione rannte bereits wie von Furien gehetzt die Treppe hinauf, als sie Ron ihren Namen rufen hörte. Heiße Tränen rannen ihr Gesicht hinunter, da sie jetzt endgültig die Fähigkeit verloren hatte, ihr Schluchzen noch länger zu unterdrücken.
 
Rons gefühllose Worte hatten sie bis ins Mark getroffen. Er hatte Dinge laut ausgesprochen, die andere Hexen und Zauberer höchstwahrscheinlich über sie und die anderen Muggelgeborenen dachten, jedoch allenfalls hinter vorgehaltener Hand einander zuflüsterten. Er hatte es gewagt, in seiner grenzenlosen Wut die Tatsachen lautstark hervorzuzerren, die sie mit aller Willenskraft in die hinterste Region ihres Unterbewusstseins verbannt hatte, seit sie zum ersten Mal ihren muggelgeborenen Fuß in die Große Halle von Hogwarts gesetzt hatte.
 
All die Jahre hatte sie versucht, diese Thematik zu verdrängen, und bis auf das letzte Jahr war ihr dies auch mit mehr oder weniger Erfolg gelungen. Doch nun kehrte die Erkenntnis mit aller Macht und mit einer brutalen Härte zurück, die sie kaum ertragen konnte. Sie hatte sich selbst eine Wirklichkeit vorgegaukelt, die in den Köpfen der Menschen nicht existierte, hatte versucht, mit Wissen und Fertigkeiten zu brillieren, die sie zum größten Teil aus ihren geliebten Büchern erworben hatte. Ihr beständiges Melden im Unterricht, ihre aus dem Lehrbuch auswendig gelernten Antworten, dienten — abgesehen davon, dass sie einen unbändigen Drang nach Wissen besaß — hauptsächlich dazu, den vermeintlichen Makel ihrer Abstammung zu überdecken. Sie hatte immer die Beste sein wollen — nein, sein müssen — und das alles nur, um ihrer Umwelt und sich selbst zu beweisen, dass sie jedes Recht besaß, dieser Welt zuzugehören.
 
Mit von Tränen blinden Augen rannte sie weiter über den Korridor. Sie wollte einfach nur weg — weg von Ron, weg von seinen schrecklichen Worten, aber auch weg von ihren eigenen Gedanken und Gefühlen. Sie öffnete eine Tür und stellte fest, dass sie in die Bibliothek gelaufen war. Ihre Schritte hatten sie unbewusst — wie schon in ihrer Kindheit, wenn sie Schmerz und Kummer verspürte — zu ihren Freunden, den Büchern, geführt. Sie ließ sich in eine freie Ecke unter dem Fenster sinken, legte ihre Arme um die Knie und bettete den Kopf darauf. Dann ließ sie ihren Tränen richtig freien Lauf.
 
Sie bemerkte nicht, wie sich die Tür leise öffnete. Sie hörte auch nicht, wie leise Schritte sich der Stelle näherten, an der sie zusammengekauert hockte. Deshalb zuckte sie zusammen, als sich plötzlich irgendjemand neben sie setzte und ihr sanft einen Arm um die Schulter legte. Sie wollte in panischem Schrecken aufspringen, doch der Griff verstärkte sich sofort und sie hörte ein beschwichtigendes »Pscht, Kleines. Alles wird wieder gut.« Es war Harrys Stimme, nicht Rons, und die Panik in ihr ließ augenblicklich nach.
 
Hermione hob den Kopf und sah Harry aus tränennassen Augen an.
 
Schuldbewusstsein ließ Harrys Stimme zu einem Flüstern sinken. »Es tut mir so leid, Hermione. Ich hätte mich niemals einmischen dürfen, hätte nie das Gespräch darauf bringen dürfen, was du für Professor Snape getan hast. Das ist alles allein meine Schuld.« Harry saß neben ihr mit tief gesenktem Kopf.
 
Nach kurzem Schweigen setzte er hinzu: »Noch dazu, wo schon zu diesem Zeitpunkt eindeutig zu erkennen war, dass Ron seine Einstellung ihm gegenüber nicht geändert hat. Ich habe ihn in diesem Punkt völlig falsch eingeschätzt, und nicht nur dabei. Alles ist allein meine Schuld.« Er griff ganz vorsichtig nach Hermiones Handgelenk. Im selben Moment spürte er, wie sie sich vor Schmerz verkrampfte und hörte, wie sie zischend die Luft einsog. Sein Schuldgefühl verstärkte sich noch weiter, als ihm das Resultat von Rons Wutausbruch voll vor Augen kam.
 
Dessen Finger hatten tiefrote Abdrücke hinterlassen, die sich teilweise bereits dunkel zu verfärben begannen, und anhand Hermiones Reaktion konnte er erkennen, dass ihr Handgelenk höllisch schmerzte. Harry zog seinen Zauberstab aus dem Ärmel und warf einen Heilspruch über ihre Blutergüsse. >Es ist alles meine Schuld.<
 
Harry hatte zwar vermutet, dass Ron im ersten Moment abweisend reagieren würde, aber nicht so. Rons völlig maßloser Ausbruch, seine wüsten Beschimpfungen, hatten ihn geradezu überraschend getroffen. Sie waren alle drei seit Jahren befreundet, hatten gemeinsam so Vieles erlebt und überlebt, was ihre Freundschaft eigentlich hätte noch weiter festigen sollen, wenn dies noch möglich gewesen wäre. Stattdessen war er dabei, alles zu zerstören.
 
Was ihn jedoch am Meisten erschreckt — nein, geradezu schockiert — hatte, waren Rons Anschauungen über Muggelgeborene. In all den Jahren hatte er Ron niemals so etwas Abartiges sagen hören. Er hatte niemals gewusst, dass Ron so dachte, es hatte auch nie Andeutungen dahingehend gegeben. Waren seine Worte Ausdruck dessen, was er wirklich dachte, oder waren sie nur Ausdruck von momentaner Wut? Zuhause im Fuchsbau hatte er dies jedenfalls nicht beigebracht bekommen. Er wollte gar nicht darüber nachdenken, was Ron bevorstehen würde, falls seine Eltern davon erfahren sollten.
 
Er wünschte, er hätte vorher mehr nachgedacht, statt dass er jetzt die Scherben zusammenkehren musste. Es war fraglich, ob sich diese Scherben überhaupt noch einmal würden kitten lassen. Er bezweifelte dies immer mehr. Hermiones Befürchtungen waren absolut berechtigt gewesen — etwas, womit er niemals gerechnet hatte.
 
Ron war seit der ersten Fahrt mit dem Hogwarts-Express sein bester Freund gewesen und Harry hatte geglaubt, ihn wirklich zu kennen. Doch nun musste er sich von dieser Vorstellung vermutlich verabschieden. Harry hatte von Anfang an gewusst, dass Ron sprunghaft war, doch nach diesem Streit würde er vielleicht auch seine eigene Freundschaft zu Ron noch einmal überdenken müssen. Rons Äußerungen hatten auch Harry schwer getroffen, wie er sich selbst gegenüber zugeben musste. Er konnte nur hoffen, dass sein Verhältnis zu Ginny und seine Zukunftspläne mit ihr von einem eventuellen Bruch mit Ron nicht beeinflusst werden würden.
 
»Es tut mir so leid. Alles ist meine Schuld«, flüsterte er noch einmal niedergeschlagen.
 
»Ach, Harry«, seufzte Hermione, nachdem endlich ihre Tränen versiegt waren. »Du hast genauso wenig Schuld wie ich. Wir kennen Ron doch. Du weißt doch, wie sprunghaft und leicht reizbar er ist. Geschieht auch nur die geringste Kleinigkeit, die ihm nicht in den Kram passt, reagiert er unberechenbar und ungehalten. Denk’ daran, wie er uns im Wald der Weltmeisterschaft einfach hat sitzenlassen.«
 
In Harry wallte Zorn auf bei der Erinnerung daran. Auch damals war ein heftiger Streit dem vorausgegangen. Ron war einfach disappariert, hatte sie ihrem Schicksal überlassen. Erst über einen Monat später war er zurückgekehrt, mit einer seichten Entschuldigung auf den Lippen und in dem Wissen, dass sie ihm schon wie viele Male zuvor verzeihen würden.
 
Er konnte es einfach nicht fassen. »Ich hätte niemals geglaubt, dass ausgerechnet er Abstammung für wichtig erachtet …«
 
Hermione sah ihn mit rotgeränderten Augen an. »Das tut er nicht wirklich, Harry. Er war wütend — so wütend, dass er einfach um sich geschlagen hat. Ron hat Professor Snape immer gehasst …«
 
Doch Harry ließ diese Entschuldigung nicht gelten. »Das gibt ihm nicht das Recht, dich so zu verletzen – weder körperlich noch emotional. Gerade er weiß doch, wie sehr du seit unserem ersten Tag in Hogwarts versucht hast, deine Abstammung durch deinen Wunsch, es allen zu zeigen und immer die Beste zu sein, wettzumachen. Hör’ endlich auf, immer eine Rechtfertigung für seine Fehler zu finden.«
 
Hermione schwieg. Im Stillen gab sie Harry Recht. Zu oft hatte sie versucht, Rons schlechtes Benehmen und seine Ausbrüche in Schutz zu nehmen.
 
Wieder sah er Rons Gesicht vor sich, wie es abwechselnd rot und blass anlief. »Er ist vorhin vollkommen entsetzt über sich selbst und wie von Sinnen zurück in das ‘Safehouse’ appariert«, sagte er dann.
 
»Um Merlins Willen, Harry!« Ihre Stimme überschlug sich fast. Sie spürte, wie Panik sie erfasste und Furcht wie eine Schlange ihre Beine hinaufkroch. Kaum wagte sie, ihn zu fragen, und als sie es tat, brachte sie nur noch ein heiseres Flüstern zustande. »Hast du ihm gesagt, dass er den Mund über das halten soll, was er heute hier von uns erfahren hat?«
 
Harrys Gesicht verlor jegliche Farbe. »Er wird doch nicht …«
 
»Oh, doch! Er wird
 
»Nein, das glaube ich einfach nicht.« Harry schüttelte vehement seinen Kopf. »Ron wird unser Vertrauen niemals derartig missbrauchen. Und selbst wenn er aus Versehen irgendeine Bemerkung fallen lassen würde, Arthur Weasley würde sicherlich verhindern, dass ausgerechnet sein Sohn die Unbesonnenheit begehen und Professor Snape verraten würde, bevor die Wahrheit über dessen Loyalität vom Ministerium bestätigt worden ist und die wirklichen Umstände von Professor Dumbledores Tod veröffentlicht worden sind.«
 
»Du wirst es erleben …« Hermione klang, als würde sie etwas sehr Unangenehmes kommen sehen.
 
»Mister Weasley würde nichts gegen Snape unternehmen, allenfalls selbst mit Kingsley Shacklebolt sprechen. Denk daran, was mit Ginny und den anderen geschehen wäre, wenn Professor Snape sie nicht als Bestrafung mit Hagrid in den Verbotenen Wald geschickt hätte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Arthur Weasley das vergessen hat«, setzte er mit Nachdruck hinzu.
 
Harry klammerte sich verzweifelt an den Strohhalm, den er in der Besonnenheit des nach außen hin offiziellen Familienoberhauptes der Weasleys zu sehen glaubte. Und es gab noch einen weiteren Aspekt, der eine Rolle spielte: Er wollte es nicht glauben. Sein Freund Ron würde ihnen niemals derartig in den Rücken fallen. Oder doch?
 
»Komm, Kopf hoch. Es wird schon alles wieder in die richtigen Bahnen kommen. Im Moment ist alles möglich und nichts. Machen wir einfach weiter, Hermione.« Harry strahlte mehr Zuversicht aus, als er in Wirklichkeit besaß. Aber ihm war nur allzu bewusst, dass er ihre Zweifel und Ängste zerstreuen musste. Er stand auf, reichte ihr die Hand und zog sie dann entschlossen hoch. Es gab noch viel Arbeit.
 
*'*'*'*'*
 
Severus hatte sich mit Hilfe von ein wenig stabloser Magie angezogen. Er war unendlich erleichtert, wieder seine normale Kleidung tragen zu können, auch wenn er den Stehkragen an seiner Robe aufgrund des Verbandes, der sich von seinem Nacken bis zu seiner Kehle zog, nicht schließen konnte. Zwar hatte er es aus Gewohnheit versucht, aber der Schmerz, der im selben Moment durch seinen Nacken geschossen war, war selbst für seine willensstarke Natur unerträglich gewesen.
 
Er hatte lange ungläubig auf die zusammengerollte Zeitung gestarrt, die er vorhin auf die Bettdecke fallen lassen hatte, als hätte er sich daran verbrannt. Severus konnte nicht verstehen, woher Potter — oder Granger, wenn er es richtig betrachtete — überhaupt die Gewissheit nahmen, dass sie in der Lage sein würden, dem Ministerium die Stirn zu bieten, denn darauf lief ihre Aktion im Endeffekt wohl hinaus. Sie würden nicht die geringste Chance haben, davon war er felsenfest überzeugt. Es hatte eine ganze Zeit gedauert, bis er sich dazu überwinden konnte, die Zeitung erneut in die Hand zu nehmen. Sein eigenes Konterfei hatte spöttisch eine Augenbraue hochgezogen, als ob es ausdrücken wollte, dass er nicht genug Mumm zu besitzen schien, eine läppische Zeitung aufzuschlagen.
 
Severus hatte fast den gesamten Nachmittag in dem Sessel am Fenster verbracht. Nachdem er den Klitterer das erste Mal gelesen hatte, war er außer sich gewesen. Empörung und gerechter Zorn hielten sich dabei die Waage. Er hatte Potter seine Erinnerungen nicht gegeben, damit er sie in aller Öffentlichkeit breittreten konnte. Sein Privatleben, seine Wünsche und Träume gingen niemanden irgendetwas an. Soweit er überhaupt noch Wünsche und Träume hatte, nachdem er selbst für den Tod des Menschen verantwortlich war, dem sein Lebenstraum gegolten hatte.
 
Erst beim zweiten Lesen wurde er sich dessen bewusst, dass er mit diesem Interview etwas Einmaliges in den Händen hielt. Er konnte nicht eine giftige oder ungerechte Bemerkung ausfindig machen. Ehrlichkeit — ja, Rachsucht — nein, wie er überwältigt feststellen musste. Auch wenn er dies nicht einmal unter schwerster Folter zugeben würde, hatte ihn besonders der letzte Absatz tief berührt.
 
Wären die Umstände andere gewesen, wäre es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dazu gekommen, dass nicht James Potter, sondern Severus Snape mein Vater sein würde. Und ich muss gestehen, dass dieser Gedanke, diese Vorstellung, mich nicht abstößt. Ganz im Gegenteil, ich wäre sehr stolz darauf, den tapfersten Mann, den ich jemals kennengelernt habe, zum Vater zu haben.
 
Niemals, nicht in seinen kühnsten Träumen, hätte Severus von dem Sohn seines ärgsten Feindes in Hogwarts ein solches Bekenntnis erwartet. Und schon gar nicht gegenüber einem Mann, der beinahe während seiner gesamten Schulzeit in Hogwarts ihm das Leben zur Hölle gemacht hatte. Aber Harry Potter war eben auch Lilys Sohn. >Seine unglaubliche und wunderschöne Lily.< Der Stich, den er normalerweise immer in seinem Inneren verspürte, wenn er an sie dachte, blieb dieses Mal eigenartigerweise aus.
 
Er hatte sich zurückgelehnt und verlor sich in Gedanken, die er sich vorher nie erlaubt hätte, auch nur im Ansatz zu denken. Niemals hätte er daran zu glauben gewagt, dass er den letzten Kampf gegen Voldemort überleben könnte — egal, wie oft Albus ihn auch davon zu überzeugen versucht hatte. Das Gegengift hatte er eigentlich nur hergestellt, weil ihm Albus schrecklich damit auf die Nerven gefallen war, dass er die verdammte Pflicht habe, sein eigenes Leben zu erhalten, und er Voldemort im Endeffekt nicht die Genugtuung geben wollte, ausgerechnet sein über alles geliebtes Schoßtierchen Nagini erfolgreich gegen den renommiertesten Meister der Zaubertränke in Großbritannien eingesetzt zu haben.
 
Nachdem er hatte feststellen müssen, dass er entgegen jeder Wahrscheinlichkeit dennoch am Leben war und sich sogar im Krankenflügel befand, schien in seiner Gedankenwelt seine Zukunft vorprogrammiert: Azkaban. Nichts und niemand würde ihn dieses Mal vor einem Schicksal, grausamer als der Tod, bewahren können.
 
Kingsley Shacklebolt war nicht für seine Barmherzigkeit gegenüber Todessern bekannt. Durch seine Ernennung zum Amtierenden Zaubereiminister konnte man mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Dementoren mit seiner Zustimmung, wenn nicht gar auf seine Anordnung hin wieder nach Azkaban zurückkehren würden, obwohl sie sich im Krieg auf die Seite Voldemorts gestellt hatten. Severus besaß nicht viele schützenswerte schöne Erinnerungen, doch die wenigen an Dementoren zu verlieren, war für ihn die grausamste Bestrafung, die er sich vorstellen konnte. Selbst der Kuss eines Dementors in seiner Endgültigkeit wäre leichter zu ertragen, da das ‘Leben danach’ kein Leben, sondern ein stumpfsinniges Dahinvegetieren ohne das Wissen um die eigene Existenz wäre.
 
Sein einziger Befürworter, Albus Dumbledore, war tot, gestorben durch seine Hand, durch seinen Zauberstab, und jemand anderes würde — abgesehen von Poppy — keinerlei Interesse an seiner Person haben. Zumindest hatte er bisher so gedacht.
 
Er hatte nie Freunde gehabt, weder in der Umgebung, in der er aufgewachsen war, noch in Hogwarts. Nur Lily hatte bis zu jenem verhängnisvollen Tag zu ihm gehalten. Falsche Freunde — oh ja. Mit Schaudern dachte er an die Gang aus Slytherins zurück, mit der er seine Schulzeit in Hogwarts verbracht hatte und deren Mitglieder sich später fast alle als Anhänger des Dunklen Lords herausgestellt hatten.
 
Auch Lucius Malfoy hatte Severus in seinem ersten Jahr in Hogwarts kennengelernt, als dieser damals bereits sein vorletztes Schuljahr absolvierte und zum Vertrauensschüler ernannt worden war. Es war eine Begegnung, die sich als richtungweisend und folgenschwer für sein gesamtes Leben herausgestellt hatte.
 
Nachdem Lucius registriert hatte, dass der verwahrloste kleine Neuzugang in Slytherin mit nichts mehr als ein wenig Aufmerksamkeit in die richtige Richtung geschoben werden könnte, hatte dieser ihn unter seine Fittiche genommen, obwohl er sehr schnell herausgefunden hatte, dass Severus nur ein Halbblut war. Er hatte darüber geschwiegen und sogar dafür gesorgt, dass Severus von den zumeist reinblütigen Schülern in die Reihen der Slytherins aufgenommen worden war, als gäbe es seinen Muggel-Vater nicht.
 
Auch nachdem Lucius Malfoy Hogwarts bereits verlassen hatte, hatte er Severus weiter den Weg geebnet, den Lucius von Anfang an für Severus vorgeplant hatte. Er war derjenige gewesen, der ihn zu seinem ersten Todessertreffen mitgenommen und bei Voldemort eingeführt hatte. Wie Severus erst seit dem Tag verstand, an dem er voller Angst um Lily zu Albus Dumbledore gekrochen gekommen war, hatte ein wenig vorgeheuchelte Sympathie und Aufmerksamkeit von seinen Mitschülern aus dem Hause Slytherin ausgereicht, um ein nach Liebe hungerndes Kind und einen mit sich und der Welt im Clinch liegenden Jugendlichen in die Arme einer Bestie zu treiben, obwohl die ersten Anlagen zu seiner Dunklen Seite wohl schon durch das Erbe seiner Reinblüter-Großeltern mütterlicherseits gelegt worden waren.
 
Es hatte sich trotz der ‘Standesunterschiede’, die Lucius in seinen eigenen Augen großzügig übersah, über die Jahre eine, wie Severus glaubte, ehrliche Freundschaft entwickelt, die einzige ehrliche Freundschaft nach dem Tode von Lily. Severus war sogar ohne Hintergedanken zum Paten von Lucius’ einzigem Kind erwählt worden. Nach Voldemorts erstmaligem Verschwinden hatte Severus ziemlich viele Wochenenden im Kreise der Familie Malfoy auf Malfoy Manor verbracht, wenn er dies mit seinen Verpflichtungen in Hogwarts in Übereinstimmung bringen konnte. Er hatte so manche feucht-fröhliche, aber auch besinnliche Stunde in diesem altehrwürdigen Herrenhaus verbracht, an die er sich gern erinnerte.
 
Doch wie viel war von dieser Freundschaft jetzt noch übrig geblieben, jetzt, nachdem sich herausstellen würde — nein, bereits herausgestellt hatte, dank Harry Potter — wem all die Jahre seine wahre Loyalität gegolten hatte. Obwohl er den unbestimmten Eindruck gehabt hatte, dass Lucius sich in dem letzten Jahr sehr verändert hatte …
 
Severus schaute auf seine Hand, die immer noch den Klitterer wie einen Rettungsanker fest umklammert hielt. Sollte es wirklich wahr sein? Hatte Poppy die Wahrheit gesagt? Sollte es wirklich in diesem Schloss und sogar dort draußen Menschen geben, die ihn nicht ablehnten oder gar abgrundtief hassten? Denen es nicht gleichgültig war, was mit ihm geschah? Menschen, die sich entschlossen hatten, gemeinsam für ihn zu kämpfen, um ihm eine Zukunft ohne Azkaban zu ermöglichen. Er konnte es kaum glauben, doch es schien der Wahrheit zu entsprechen. Hier, in seiner Hand, hielt er den Beweis dafür. Und doch war selbst dieser Beweis für ihn schier unglaubwürdig.
 
Eine nie gekannte Gelassenheit und innere Ruhe umfingen Severus. Als er nun den Kopf wieder hob und aus dem Fenster sah, konnte er beobachten, wie die Sonne als blutroter Ball langsam hinter dem Verbotenen Wald versank und sich die Abenddämmerung über die Ländereien von Hogwarts senkte. Nur selten in seinem bisherigen Leben hatte er sich die Muße gegönnt, die Kerker zu verlassen, um dieses Licht- und Farbenspiel zu genießen.
 
Plötzlich konnte er aus dem großen Saal des Krankenflügels eilige Schritte vernehmen, die sich seiner Tür näherten. Die Tür wurde abrupt aufgerissen und Poppy Pomfrey hastete mit hochrotem Kopf herein und warf die Tür hinter sich zu. Über ihrem Arm hing eine ziemlich alte hochherrschaftliche Reiserobe, die schon fast antik genannt werden konnte.
 
»Severus, schnell!«, keuchte sie völlig außer Atem, kaum dass sich die Tür hinter ihr richtig geschlossen hatte. Sie warf ihm die Robe zu. »Minerva hat eben per Floh von Kingsley die Nachricht erhalten, dass sich Auroren auf eigene Faust auf den Weg hierher gemacht haben, um dich zu verhaften. Savage ist dabei!!! Zieh das über und komm! Wir nehmen das Flohnetz aus meinem Büro.«
 
»Aber …«
 
»Kein ‘Aber’, Severus! Los, komm!«
 
Er warf die Robe um sich, schloss sie und setzte die Kapuze auf. »Das hat doch überhaupt keinen Sinn, Poppy! Ich habe nicht einmal einen Zauberstab, um mich zu verteidigen. Außerdem — wo soll ich denn hin?«
 
»Hör auf, mit mir zu diskutieren und komm!« Poppy legte den Arm um seine Hüfte, um ihn zu stützen, zerrte ihn dann in ihrer Eile reichlich unsanft in Richtung der Tür. »Du stehst nicht allein! Nun mach’ schon!«
 
Severus durchquerte mit Poppys Hilfe auf wackeligen Beinen den Krankenflügel, gefolgt von einem erstaunten Augenpaar aus einem der Krankenbetten im großen Saal, um in Poppys Büro zu gelangen. Er hatte nicht einmal geahnt, wie schwach er wirklich noch war. Die wenigen Schritte vorhin von seinem Bett zum Sessel am Fenster hatten ihm nicht diesen Eindruck vermitteln können.
 
Poppy schob ihn zum Kamin, griff in die Schale mit Flohpulver auf dem Kaminsims und zog ihn hinein. »Der Eberkopf!« benannte sie mit fester Stimme ihren Zielort. Die Welt um sie herum begann sich immer schneller zu drehen, bis sie von dem Kamin im Eberkopf regelrecht ausgespuckt wurden. Severus verlor das wenige an Gleichgewicht, was er noch besaß, und wäre mit absoluter Sicherheit auf dem Fußboden gelandet, wenn nicht mehrere Hände gleichzeitig nach ihm gegriffen hätten, um ihn augenblicklich zu stützen.
 
Er starrte in die besorgten Gesichter von Aberforth Dumbledore, Minerva McGonagall und Filius Flitwick, dessen Miene sich sofort aufhellte und der ihn dann zufrieden anlächelte. »Willkommen von den Toten, Severus.«
 
»Filius …?« Er war sprachlos. »Aberforth … du?«
 
Aberforth Dumbledore erwiderte Severus’ Blick offen. »Mein Bruder hat dir sein Leben anvertraut, Severus. Wie auch immer ich zu ihm stand, in dieser Hinsicht kann ich seinem Beispiel nur folgen.«
 
»Aber …«
 
Poppy klopfte ihm mitfühlend auf die Schulter, wobei ganze Wolken aus Ruß aus dem Kamin von der Robe aufstaubten. »Zu viele ‘Aber’ heute. Wie ich sagte, Severus: Freunde!«
 
»Uns bleibt nicht viel Zeit«, machte Minerva sie auf das Offensichtliche aufmerksam. »Es gibt keine andere Möglichkeit, als dass wir von der Mitte der Straße aus apparieren.« Sie zog ihren Zauberstab und die anderen folgten ihrem Beispiel. »Severus, ich werde mit dir zusammen eine Seit-an-Seit-Apparation ausführen. Die anderen werden uns für den Fall Deckung geben, dass die Auroren bereits die Straße überwachen.«
 
»Wohin …«, setzte Severus an, seine Frage erneut zu stellen, wurde jedoch von Minerva abrupt unterbrochen. »Zu Freunden!« Sie legte ihren Arm um seine Hüfte.
 
Filius Flitwick eilte zur Tür des Schankraumes, öffnete sie einen Spalt und spähte hinaus. »Im Moment sieht alles verlassen aus. Vielleicht haben wir Glück«, informierte er die Anderen.
 
»Nun denn, wir haben nur einen Versuch«, bemerkte Aberforth grimmig. Ariana Dumbledore lächelte ihren Bruder aus ihrem Portrait liebevoll an. »Ihr schafft das«, sagte sie leise, während ihr Blick zu Severus wanderte. »Wir werden uns wiedersehen, Severus Snape«, war das Letzte, was er vernahm.
 
Aberforth Dumbledore, Poppy Pomfrey und Filius Flitwick schoben sich langsam und vorsichtig aus der Türöffnung hinaus, wobei sie versuchten, nicht in den Lichtstrahl der Straßenlaterne zu geraten. Sie verdeckten mit ihren Körpern Minerva und Severus, die kurz dahinter folgten. Gleich nachdem sie die Tür passiert hatten, bildeten sie eine Art Schutzring um die beiden und hoben ihre Zauberstäbe in die Angriffsposition.
 
Schritt für Schritt, die Umgebung ständig im Auge behaltend, schoben sie sich in Richtung der Straßenmitte. Sie hatten sie beinahe erreicht, als aus der kleinen Seitenstraße eine dunkel gekleidete Gestalt erschien und ein lautes »Snape!« und ein »Relaschio!« ertönte. Aus dem Zauberstab des Mannes schoss ein Funkenstrahl auf sie zu, den Aberforth Dumbledore mit einem »Protego!« abwehrte und mit »Reicio!« wie mit einem Spiegel zurückwarf. Doch der Mann wich geschickt aus.
 
Einen Augenblick konnten Minerva McGonagall das Gesicht dieses Mannes erkennen. Savage war eines der Mitglieder der Spezialeinheit der Auroren gewesen, die vor zwei Jahren in Hogsmeade stationiert gewesen waren, um für das Dorf besonderen Schutz zu gewährleisten. Der ehemalige Ravenclaw war mit Leib und Seele seinem Beruf ergeben, galt als sehr erfahren, war allerdings selbst in seinen eigenen Kreisen auch berüchtigt für seine äußerste Brutalität. Ohne Zweifel war er für diesen Einsatz prädestiniert, da er als ein entschiedener Gegner, wenn nicht gar Erzfeind, von Severus Snape bekannt war. Wie Kingsley vermutet hatte, hatte sich Savage die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollen, den seiner Meinung nach berüchtigten Todesser Severus Snape allein zur Strecke zu bringen.
 
»Savage!« Minerva rief seinen Namen und brachte ihn damit für einen kurzen Moment aus der Konzentration. Er hatte wahrscheinlich nicht vermutet, dass ausgerechnet Minerva McGonagall unter denjenigen sein würde, die versuchen könnten, einen Mann wie Snape vor seiner gerechten Strafe in Sicherheit zu bringen.
 
Flitwick nutzte den kurzen Überraschungsmoment für seinen Angriff aus, wirbelte blitzschnell herum und warf einen Schockzauber, der Savage mit voller Wucht in die Brust traf und ihn dadurch von den Beinen holte. Doch aus zwei weiteren Seitenstraßen war bereits das Trampeln von schweren Stiefeln zu hören. Gawain Robards und Proudfoot, beide angesehene Auroren mit einer langjährigen Kampferfahrung, erschienen aus verschiedenen Seitenstraßen und versuchten, hinter Häuserecken in Deckung zu gehen, als sie augenblicklich unter Beschuss aus drei Zauberstäben gerieten.
 
»Schnell!«, zischte Minerva und zerrte Severus weiter in die Mitte der Straße. Sie konzentrierte sich kurz, fasste ihn fester um die Hüfte und apparierte gemeinsam mit ihm mit einem lauten Knall.
 
Ihm war schwindelig und übel und als er endlich wieder in der Lage war, die Augen zu öffnen, ohne den Drang zu verspüren, sich übergeben zu müssen, stand er auf der obersten Stufe eines Hauses vor einer Tür, die ihm erschreckend bekannt vorkam. Minerva betätigte bereits energisch den dort befestigten Türklopfer in Form einer silbernen in sich gewundenen Schlange.
 
Die Eingangstür öffnete sich einen Spalt breit und auf Hüfthöhe erschien der Kopf eines alten Hauselfen. Dessen Gesicht hellte sich sofort auf, als er die unangemeldeten Besucher erkannte. »Schulleiter Snape, Professor McGonagall! Welche Ehre.« Er riss augenblicklich die Tür ganz auf, um ihnen Eintritt zu gewähren.
 
Minerva half Severus durch den langen Korridor in die Küche. Severus ließ sich völlig erschöpft und am Ende seiner Kräfte auf einen Stuhl sinken, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen.
 
Vor ihm auf dem Küchentisch lag einsam und vergessen ein aufgeschlagenes Buch.
 
 
 
Fortsetzung folgt …
 
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