AleaThoron
   
  FairyCat's Potions and Passions
  Kapitel 17 — Nur ein Treffen des Ordens?
 
DISCLAIMER: Ich verdiene kein Geld damit, habe jedoch genau den unglaublichen Spaß, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Alle agierenden Personen gehören JKR. Ich habe sie mir heimlich ausgeborgt, verspreche aber, gut auf sie aufzupassen und sie wohlbehalten und an Erfahrungen reicher und gereifter wieder zurückzugeben.
 
Beta: Deep Water — Mein ganz spezieller Dank gilt meinem Beta, der eigentlich mein Vater ist, und der es sich trotz seiner schweren Krankheit nicht nehmen ließ, mein erster Kritiker zu sein.
 
 
Coniunctio perpetua by Alea Thoron
 
 
Kapitel 17 — Nur ein Treffen des Ordens?
 
Als Hermione und Harry die Küche betraten — er hatte Hermione zum Glück noch auf der Treppe abfangen und hastig über die Reaktionen von Professor McGonagall, Mrs. Weasley und Ron informieren können — hatten sich die überlebenden Ordensmitglieder und die Familie Weasley bereits um den großen Tisch in der Essküche versammelt. Harry blieb wie vom Donner gerührt stehen: Der Küchentisch bog sich beinahe unter der Last der Köstlichkeiten, die Kreacher seit heute Morgen vorbereitet hatte. Harry musste seinen Blick regelrecht mit Gewalt davon losreißen und schaute seinen alten Hauself überwältigt und dankbar an. Über Kreachers Gesicht lief ein unübersehbares Strahlen. »Kreacher hat in seiner Zeit in Hogwarts viel dazugelernt«, flüsterte der alte Hauself sichtlich stolz, bevor er mit einem leisen Plopp disapparierte.
 
Aber Harry verging das Lächeln, als er zu Professor McGonagall hinüberblickte. Er griff kurz nach Hermiones Hand und zog sie zum Tisch, wo sie sich auf die letzten beiden freien Stühle setzten, die Ginny für sie freigehalten hatte. Ohne dass es jemand bemerkte, schob er sacht seine Hand auf Ginnys Knie, die daraufhin seine Hand mit ihrer bedeckte. Augenblicklich kehrte in ihm eine wohltuende Ruhe ein. Er wunderte sich immer wieder, wie allein der Anblick von Ginny oder eine kurze Berührung von ihr es schaffen konnten, dass er sich fühlte, als ob ihm das gesamte Übel der Welt absolut nichts anhaben konnte.
 
Da Professor McGonagall die Weasleys inständig gebeten hatte, gegenüber den anderen Ordensmitgliedern noch Stillschweigen über die Tatsache zu bewahren, dass Severus Snape am Leben war, war es auch nicht sonderlich verwunderlich, dass sowohl Severus Snape als auch Madame Pomfrey im Moment noch nicht anwesend waren, wie Harry mit einem kurzen Rundumblick feststellte. Harry hoffte inbrünstig, dass es entgegen McGonagalls Befürchtungen zu keiner Auseinandersetzung innerhalb des Ordens kommen würde. Eine Spaltung der Gruppe in zwei unterschiedliche Lager wäre zu diesem Zeitpunkt extrem bitter und sicherlich auch äußerst gefährlich.
 
Minerva McGonagall räusperte sich. »Ich danke euch allen, dass ihr gekommen seid und möchte das Wort gleich an unseren neuen Interim-Zaubereiminister Kingsley Shacklebolt weiterreichen. Bitte, Kingsley.«
 
Der kahlköpfige riesige Mann nickte Minerva zu und erhob sich. »Danke, Minerva. In den letzten Tagen haben sich die Ereignisse in der Zaubererwelt fast überschlagen. Viele verschiedene Kommandoeinheiten aus Auroren sind seit der Schlacht um Hogwarts in ganz Großbritannien unterwegs, um noch immer auf freiem Fuß befindliche Todesser zu jagen und zu verhindern, dass diese auch nur im Ansatz die Möglichkeit erhalten, sich neu organisieren zu können. Durch die … Verhöre von Alecto und Amycus Carrow sowie die Vernehmungen von Lucius und Narcissa Malfoy in Azkaban, die sich zum Schluss sehr kooperativ gezeigt haben, und die freiwillige Aussage von Draco Malfoy haben wir in Erfahrung bringen können, dass sich — wie wir bereits vermutet hatten — nicht alle Todesser während der Letzten Schlacht in Hogwarts aufgehalten haben, sondern ein Teil von ihnen als Reserve im Hintergrund in irgendwelchen geheimen Schlupfwinkeln verborgen blieb, um im Notfall eine erneute Angriffswelle zu starten, wozu es zum Glück nicht mehr gekommen ist.«
 
‘… die sich zum Schluss sehr kooperativ gezeigt haben …’ Hermione glaubte, sich übergeben zu müssen. Doch ein schneller Blick zu Harry hinüber bestätigte ihr, dass auch er die richtigen Schlüsse aus Shacklebolts Worten und seinem kurzzeitigen Zögern vor dem Wort ‘Verhöre’ richtig gedeutet hatte. Sie erschauerte und sah, dass sich die Härchen an Harrys Unterarm aufgestellt hatten. Mit einem Schlag wurde ihr klar, dass sich die Verhörmethoden des Ministeriums vermutlich nur wenig von denen Voldemorts unterschieden, wenn man von der Verwendung der Unverzeihlichen Flüche absah — und selbst dessen war sich Hermione nicht vollkommen sicher.
 
Dass Lucius und Narcissa Malfoy nach der Vernichtung Voldemorts sofort versucht hatten, sich auf die Seite der Sieger zu schlagen, überraschte niemanden wirklich. Schon in der Letzten Schlacht hatten Malfoy und seine Ehefrau nicht mehr auf Seiten Voldemorts gekämpft, sondern nur noch verzweifelt im Schloss und auf den Ländereien von Hogwarts nach ihrem Sohn gesucht, wie Hermione selbst erlebt hatte.
 
Sehr vorsichtig hatte Severus an einem der Abende in der Bibliothek das Thema auf die Malfoys und Malfoy Manor gebracht. Er hatte, nachdem er merkte, dass sie es nicht unterbinden würde, ihr von Narcissa und Draco erzählt, von den Abenden auf Malfoy Manor, aber auch von dem Unbrechbaren Eid, der Draco und ihn immer noch verband. Von Minerva McGonagall hatte er erfahren, dass sowohl Lucius als auch seine Frau gleich nach der Letzten Schlacht verhaftet und nach Azkaban gebracht worden waren. Draco hatte man ein paar Tage später seinen Zauberstab abgenommen und ihn in Malfoy Manor unter Hausarrest gestellt. Severus hoffte für Draco, dass das Ministerium sich nicht doch noch zu härteren Maßnahmen gegen den Jungen entschließen würde. Er wünschte ihm sicherlich keinen Aufenthalt in Azkaban.
 
Severus hatte ihr außerdem erzählt, dass das Ehepaar Malfoy ihr Anwesen Voldemort nicht freiwillig als Hauptquartier zur Verfügung gestellt hatte. Alecto Carrow hatte ihm damals mit einem schadenfrohen Grinsen in ihrem hässlichen Gesicht zugetragen, dass sie ein Gespräch zwischen Wurmschwanz und ihrem Master mitangehört hatte. Ihr Master habe darin mit großer Genugtuung zugegeben, dass er das Herrenhaus annektiert hatte und sich nur aus einem einzigen Grund in Malfoy Manor einquartiert habe: Um Lucius unter Kontrolle zu halten und ihn je nach Laune jederzeit für seine Misserfolge in der Vergangenheit bestrafen und durch die beständige Bedrohung seiner Familie genügend unter Druck setzen zu können, da er diesem am ehesten zutrauen würde, seinen Treueschwur zu brechen.
 
Bei diesen Worten hatte sich Hermione plötzlich daran erinnert, dass sie sich gewundert hatte, wie zerlumpt und abgezehrt der sonst so stolze und immer auf sein Äußeres bedachte Lucius Malfoy gewirkt hatte, als sie ihn nach der Letzten Schlacht in der Großen Halle gesehen hatte. >Als wäre er schwer misshandelt worden … Und nicht nur er …<, hatte sie gedacht. Nun hatte sie eine Erklärung dafür bekommen.
 
Voldemort hatte schon längere Zeit die Vermutung gehegt, dass Lucius ihm nicht mehr aus wirklicher innerer Überzeugung ergeben dienen würde, sondern dass ihn allein nur noch die panische Angst um seine Familie dazu trieb, so dass der Dunkle Lord nun mit harter Hand durchgriff. ‘Damit er niemals vergessen kann, wen er einst zu seinem Master erkoren hat und warum, wird Draco mein Faustpfand sein’, war das Zitat, das Alecto übermittelte. Doch weder Lucius noch Narcissa hätten zu diesem Zeitpunkt noch auf einen endgültigen Sieg Voldemorts gehofft, schon lange vor dem Einbruch bei Gringotts nicht mehr. Sie wussten, dass sie nur durch ein Wunder wieder in seiner Gunst aufsteigen konnten, doch ein Wunder war ihnen mit der Flucht des ‘Goldenen Trios’ aus Malfoy Manor erneut wie Sand durch die Finger geronnen. Zwischen den Zeilen hatte Hermione auch Severus’ eigene damalige Sorge um Draco herausgehört, die sicherlich nicht nur dem Unbrechbaren Eid geschuldet war. Trotzdem hielt sich ihr Mitleid für alle Malfoys in Grenzen.
 
Doch Hermione wurde abrupt von Shacklebolt in ihren eigenen Gedanken unterbrochen, als dieser weitersprach: »Wir wissen aus sicheren Quellen, dass mehrere Todesser sich bereits lange vor der Letzten Schlacht im Ausland aufgehalten haben, um dort das üble Gedankengut Voldemorts zu verbreiten, neue Anhänger zu gewinnen und den Boden zu bereiten, damit nach einem endgültigen Sieg Voldemorts in Großbritannien auch diese Länder bei nur minimalem Widerstand unter seine Herrschaft fallen konnten. Wenn wir richtig informiert wurden, dann haben sich jedoch auch einige seiner Anhänger für den Fall einer Niederlage ihres Meisters dort nach Schlupfwinkeln umgesehen. Nach dem, was wir jetzt zu wissen glauben, müssen wir davon ausgehen, dass sich die verbliebenen auf der Flucht befindlichen Todesser — Merlin sei Dank — zum Großteil noch in Großbritannien aufhalten, einige sich jedoch auf dem Weg nach Australien, Rumänien und Frankreich befinden oder dort bereits abgetaucht sind.«
 
Das leise Aufkeuchen, das Hermione bei dieser Information entfuhr, nahm nur der neben ihr sitzende Harry wahr. Bei einem kurzen Seitenblick in ihr Gesicht musste er erkennen, dass sie leichenblass geworden war. Im selben Moment erinnerte er sich daran, dass sie ihnen damals erzählt hatte, dass sie aus Angst vor Voldemorts Schergen ihre Eltern ohne eine Erinnerung an ihr früheres Leben oder daran, dass sie überhaupt eine Tochter hatten, nach Australien geschickt hatte, um sie dort in Sicherheit zu bringen. Harry spürte, wie auch in ihm langsam ein Gefühl von Angst hochkroch, die Angst, dass seine beste Freundin selbst jetzt, nach der endgültigen Vernichtung Voldemorts, einen nicht wiedergutzumachenden Verlust erleiden könnte. Doch im Moment konnte er ihr weder Mut zusprechen noch helfen, so gern er es auch wollte.
 
»Dafür gibt es jedoch auch gute Neuigkeiten. In den letzten drei Tagen sind uns mehrere Todesser ins Netz gegangen, darunter sowohl Thorfinn Rowle, der nach der Schlacht entkommen konnte, und jetzt als Muggel verkleidet in Manchester aufgegriffen wurde, und Aurelius Selwyn, der gestern nach heftiger Gegenwehr durch Auror Proudfoot in der Nokturngasse festgenommen werden konnte. Beide sitzen jetzt wie alle anderen gefassten Todesser in Azkaban und warten dort auf ihre Prozesse vor dem Zaubergamot. Inzwischen wird in der Abteilung für magische Strafverfolgung auf Hochtouren an den Anklagen gearbeitet. Ich denke, wir können uns darauf einstellen, dass wir in der nächsten Woche mit den ersten Prozessen beginnen werden.«
 
Beifälliges Gemurmel wurde laut und Kingsley Shacklebolt sah für einen Moment äußerst selbstzufrieden in die Runde. Allerdings wurde sein Gesichtsausdruck sehr schnell wieder nachdenklich. »Trotz all unserer bisherigen Erfolge brauche ich wohl niemanden in diesem Raum darauf hinzuweisen, dass der Krieg noch nicht vorbei ist, und wir jede Unterstützung gebrauchen können, die uns angeboten wird. Ich denke dabei gerade an unsere bereits kampferprobten jungen Leute hier.« Ein durchdringender Blick aus harten braunen Augen traf Harry, bevor Shacklebolt erneut weitersprach: »Wir benötigen ganz besonders die Unterstützung unserer Kriegshelden, um der magischen Welt die Sicherheit und das Vertrauen wiederzugeben, nach denen sie seit Voldemorts Fall lechzt.«
 
Er schaute erwartungsvoll von Harry zu Hermione. Dass er Ron nicht einen einzigen Blick zuwarf, bestätigte Hermione nur in ihrem Verdacht, dass Ron auf keinen Fall nach Hogwarts zurückkehren würde, um einen vernünftigen Abschluss zu machen, sondern bereits zugesagt hatte, sofort einen wie auch immer gearteten Posten im Ministerium anzutreten, vermutlich als angehender Auror. Sie zuckte innerlich nur verständnislos die Schultern. Nun, es war seine Entscheidung — ganz allein seine — und sie hatte sich nichts vorzuwerfen, da sie alles versucht hatte, um Ron davon zu überzeugen, dass ein richtiger Schulabschluss wichtig war.
 
Hermione fühlte sich immer mehr an ihre Begegnung mit Shacklebolt im Büro des Schulleiters in Hogwarts erinnert. Sicher, er gab auch wichtige Informationen weiter, aber seine Wortwahl und sein Ton ähnelten stark den Wahlkampfreden von Muggel-Politikern.
 
Shacklebolt war jedoch immer noch nicht mit seiner — wie Hermione dies zwischenzeitlich empfunden hatte — Wahlkampfrede fertig. »In den letzten Tagen sind viele unserer Angestellten, die seit der Übernahme des Ministeriums durch Voldemort ihrem Arbeitsplatz ferngeblieben sind oder aufgrund des persönlichen Risikos fernbleiben mussten, in das Ministerium zurückgekehrt. Ein Großteil der in dieser Zeit dort verbliebenen Beschäftigten stand unzweifelhaft unter dem Imperius-Fluch, aus dem sie nun erwacht sind. Dies stellt uns wie damals, nach dem ersten Krieg gegen Voldemort, vor das Problem des selbstverständlich zu erwartenden Vertrauensverlustes unserer Mitarbeiter untereinander, etwas, das wir dringend unter Kontrolle bringen müssen. Abgesehen davon haben wir viele Verluste zu beklagen, gerade unter den Muggelgeborenen. Diese Stellen müssen, wenn wir unsere ehemaligen Angestellten nicht ausfindig machen können oder es sich herausstellen sollte, dass sie sich unter den zahllosen Opfern befinden, so schnell wie möglich neu besetzt werden.«
 
»Haben Sie herausfinden können, wohin die ‘Kommission zur Registrierung Muggelstämmiger’ uns Muggelgeborene — Entschuldigen Sie — die ‘von Voldemort nicht erwünschten Menschen’ hat bringen lassen?«, fragte Hermione jetzt allerdings angespannt, während sie sich auf ihrem Stuhl aufrichtete. Sie erinnerte sich immer noch nur mit Entsetzen und Abscheu an das von Dolores Umbridge selbst im Ministerium durchgeführte Verhör von Mary Elizabeth Cattermole und den abgerissenen Mann in der Winkelgasse, der sie — als sie sich durch den Vielsafttrank in Bellatrix Lestrange verwandelt hatte — angefleht hatte, ihm den Aufenthaltsort seiner Frau und seiner Kinder zu nennen. Noch immer gehörten diese Bilder zu den Alpträumen, von denen sie nachts regelmäßig heimgesucht wurde.
 
Alle Blicke wandten sich ihr entsetzt zu und einige der Ordensmitglieder setzten dazu an, etwas zu erwidern, als Kingsley ihnen zuvor kam und nun die erste wirkliche Reaktion auf den Horror zeigte, den sie alle erlebt hatten, indem er sie voller Mitleid anschaute und leise seufzte. »Sie brauchen sich dafür nicht zu entschuldigen, Miss Granger. Ich selbst bin zwar nicht muggelgeboren, aber ich kann bis zu einem gewissen Punkt nachempfinden, wie Sie sich fühlen müssen. Es tut mir ausgesprochen leid.
 
Ein Teil der Muggelgeborenen wurden nach Azkaban gebracht und dort inhaftiert. Die meisten festgenommenen Muggelgeborenen wurden allerdings auf die Insel Eday gebracht und dort in einem ebenfalls durch Dementoren bewachten Lager festgehalten. Diejenigen, die das Martyrium in dieser Hölle überlebt haben, werden seitdem zusammen mit ihren Familien von Medihexen mit einer speziellen Ausbildung in Muggel-Psychologie betreut. Allerdings haben wir bisher nicht den Verbleib aller verschwundenen Personen klären können. Wir haben jedoch die schreckliche Vermutung, dass Voldemorts Todesser viele von ihnen — zumeist Hexen mit ihren Kindern — in ihre geheimen Schlupfwinkel verschleppt haben, um dort ... mit ihnen zu ... ‘spielen’.« Shacklebolts Gesicht zeigte genau das Grauen, das auch alle anderen bei diesen Worten fühlten.
 
Jeder der Anwesenden in diesem Raum hatte genug Vorstellungskraft, was dort mit den Opfern geschehen sein musste. Von den anderen unbemerkt — abgesehen von Harry, der unter dem Tisch vorsichtig nach ihrer Hand griff und sie fest umschloss — saß Hermione verkrümmt und regungslos auf ihrem Stuhl, tief in ihren Gedanken über das Entsetzliche verloren. Besonders für sie bedeutete dieser Teil von Shacklebolts Bericht erneut ein Abtauchen in den Horror, den sie für sich selbst vorausgesehen hatte, wenn die Todesser ihrer habhaft geworden wären. Vor ihrem geistigen Auge formten sich ungewollt und ungefragt die Bilder ihrer eigenen Erlebnisse in Malfoy Manor. Um wie viel schlimmer mussten die Dinge sein, die diese Bedauernswerten hatten erleiden müssen. Als sie den Kopf hob, um Harry anzusehen, sah dieser Tränen in ihren Augen schimmern.
 
»Was kann der Orden dabei übernehmen?«, fragte Bill Weasley entschlossen, aufgerüttelt durch die furchtbaren Informationen des Amtierenden Zaubereiministers.
 
Kingsley sah Bill bedauernd an. »Dabei? — Nichts. Wir haben mehrere Gruppen aus jungen freiwilligen Nicht-Auroren des Ministeriums zusammengestellt, die allerdings sehr gute Noten in Verteidigung gegen die Dunklen Künste hatten, die die zum Teil äußerst verborgen liegenden Schlupfwinkel absuchen, von denen wir durch die Verhöre von in Azkaban sitzenden Todessern erfahren haben, und natürlich auch andere Stellen. Ich möchte, dass diese Angelegenheit ausschließlich in den Händen von Mitarbeitern des Ministeriums liegt, falls es bei den späteren Verhandlungen vor dem Zaubergamot zu Unstimmigkeiten hinsichtlich der Abläufe von Festnahmen kommen sollte. Wir müssen uns nicht auch noch juristische Probleme aufhalsen.
 
Doch es gibt etwas, was die Mitglieder des Ordens tun könnten. Wir, das heißt das Ministerium, müssen dafür sorgen, dass die Überlebenden der magischen Gemeinschaft wieder Hoffnung schöpfen. Die Zerstörungen im gesamten Land sind enorm, und das betrifft leider nicht nur die magischen Bezirke in den Großstädten, sondern auch ganze Städte und Dörfer in von Muggeln bewohnten Teilen Großbritanniens. Ich war erst heute Morgen selbst in einigen Stadtteilen in Muggel-London und in der Winkelgasse, um mir dort ein Bild über das Ausmaß der Schäden und des menschlichen Elends zu machen.« Man konnte ihm ansehen. dass ihn das Erlebte zutiefst erschüttert hatte.
 
»Aber was soll der Orden tun?«, fragte nun auch Dädalus Diggel, dessen Zylinder ihm gerade vom Kopf zu rutschen drohte, was er mit einem beherzten Griff eben noch verhindern konnte.
 
»Nun, wie ich schon sagte, wir müssen die Menschen wenigstens in Ansätzen über unsere Reformbemühungen informieren, müssen ihnen sagen, dass es keinen Sinn macht, jetzt aufzugeben, nachdem Voldemort endgültig besiegt wurde, müssen ihnen versichern, dass das Ministerium alles in seiner Macht Stehende unternehmen wird, um ihre vermissten Angehörigen zu finden und zu ihnen zurückzubringen. Ein Anfang, Informationen unter die Leute zu bringen, wurde bereits gemacht, wenn auch nicht dort, wo ich es bevorzugt hätte.« Er sah Harry dabei scharf an, der bereits zu ahnen begann, worauf Shacklebolt hinaus wollte. Er versteifte sich innerlich. Niemals würde er sich zu einer Marionette des Ministeriums machen lassen, und sei es auch für einen noch so guten Zweck. Dies war schon Rufus Scrimgeour nicht gelungen, es würde auch jetzt nicht funktionieren.
 
Kingsley Shacklebolt vermittelte inzwischen den nicht zu übersehenden Eindruck, als ob er sich bei dieser Aussage in seiner Haut nicht wirklich wohlfühlen würde. »Diejenigen unter uns, die den Menschen da draußen durch den Krieg oder ihre früheren und jetzigen Tätigkeiten bekannt sind, sollten sich mit dem Tagespropheten in Verbindung setzen. Damit erreichen wir viele der Überlebenden, können vielleicht ein wenig Hoffnung, Zuversicht und Vertrauen zurückgewinnen.« Er konnte jetzt niemandem mehr in die Augen schauen, was für ihn sehr ungewöhnlich war.
 
»Wir sollen Interviews geben??? Im Tagespropheten???«, brachte Minerva McGonagall die ganze Sache äußerst entrüstet auf den Punkt. Sie sah aus, als ob sie Kingsley im nächsten Moment an die Gurgel springen wollte, wobei ein derartiges Verhalten vollständig von ihrer gewohnten Selbstbeherrschung und Steifheit abwich. Doch allein die Erwähnung dieser Zeitung musste selbst bei Professor McGonagall die Galle zum Überlaufen bringen. Auch die anderen Mitglieder des Phönixordens schauten völlig ungläubig und empört auf den Amtierenden Zaubereiminister. »Das kann nicht dein Ernst sein, Kingsley! Jeder von uns hat weitaus Besseres zu tun, als sich für Propagandazwecke ausgerechnet mit dem Tagespropheten abzugeben!«
 
»Das kannst du von mir nicht erwarten.« Arthur Weasley lehnte Kingsleys Ansinnen nachdrücklich ab, während seine Frau ihm zustimmend zunickte. »Ganz bestimmt nicht. Nicht mit diesem … Lügenblatt!«, setzte sie hinzu.
 
»Niemals!«, entfuhr es Hermione entschieden.
 
»Ich habe alles gesagt, was zu sagen war«, erklärte Harry.
 
»Wir brauchen in dieser Zeit handfeste Dinge, keine leeren Worte. Zu allererst muss Hogwarts wieder aufgebaut werden, damit die Kinder weiter zur Schule gehen können. Dies würde den Menschen dort draußen zeigen, dass es eine Welt nach Voldemort gibt, eine Welt, für die es sich zu kämpfen lohnt, eine Welt, in der unsere Kinder eine Zukunft haben, in Frieden lernen und leben dürfen. Hogwarts ist ein Sinnbild der magischen Gemeinschaft.« Noch nie hatte Harry Professor McGonagall dermaßen inbrünstig erlebt. Und er stimmte ihr aus ganzem Herzen zu.
 
Shacklebolt hatte sicherlich mit Ablehnung gerechnet, jedoch nicht mit diesem enormen Ausmaß, noch dazu, wo alle bei diesem Thema absolut einer Meinung zu sein schienen. Er hob abwehrend beide Hände. »Nun … aber …« Hilflos musste er erkennen, auf welche massive Ablehnung sein Vorschlag bei allen Ordensmitgliedern stieß.
 
»Ich muss zugeben, dass dieser Vorschlag nicht von mir kommt«, versuchte er sich aus der Affaire zu ziehen. Immer noch wand er sich unter der bei allen Anwesenden offensichtlichen Verärgerung. »Mein vor kurzem neu ernannter Pressesprecher war der Meinung, dass es eine gute Idee wäre.«
 
»Bei Merlins Bart, wer soll denn dieser neue Pressesprecher sein?«, mischte sich nun auch die ansonsten für ihre so ruhige Art bekannte Hestia Jones laut ein.
 
»Mr. Weasley … Percy Weasley.«
 
»Percy???!!!«, entfuhr es Arthur Weasley überrascht. Alle Anwesenden drehten sich zu Percy herum, der vorhin gemeinsam mit Shacklebolt gekommen war, und der Angesprochene wollte im ersten Moment am liebsten unter den Tisch kriechen, hob aber dann trotzig den Kopf.
 
»Nun … ja … es hat doch bei … bei Harry funktioniert! Sein Interview im Klitterer — ich dachte … nun, ich dachte …«, stammelte Percy, während hektische rote Flecken auf seinen Wangen erschienen.
 
»Verdammt, als ob du nicht schon genug Schaden angerichtet hättest!«, entfuhr es Hermione leise zischend. Allerdings hatte sie anscheinend doch nicht so leise gesprochen, wie sie gehofft hatte, denn diesmal drehten sich alle Köpfe in ihre Richtung. Sie erstarrte in der Bewegung und konnte gleichzeitig fühlen, wie ihr die Hitze in die Wangen kroch. Hilflos zuckte sie mit den Schultern. »Ist doch wahr!«, verteidigte sie sich.
 
Percy rutschte in seinem Stuhl noch eine Etage weiter nach unten, während bis auf Ginny alle anderen Weasleys sie reichlich missbilligend betrachteten. »Er hat es doch nur gut gemeint«, versuchte Mrs. Weasley Hermione vorsichtig zu beschwichtigen. »Schließlich wussten wir damals noch nicht …«
 
»Gut gemeint??? Ich weiß nicht, was daran ‘gut gemeint’ gewesen sein soll!« Hermione konnte sich nicht länger beherrschen und unterbrach Mrs. Weasley abrupt. Sie spürte immer mehr Ärger in sich aufsteigen, bis sie kurz vor der Explosion stand. Wie konnten sie auch nur versuchen, Percys Verrat als freundliche Geste hinzustellen. Was wäre gewesen, wenn Professor McGonagall, Madame Pomfrey und die anderen nicht so schnell reagiert hätten. Im besten Fall würde Severus jetzt in Azkaban sitzen, im schlechtesten … nein, daran wollte Hermione nicht einmal denken.
 
»Miss Granger, ich glaube, Sie sollten nach oben gehen und Jemanden holen. Und — lassen Sie sich bitte Zeit dabei«, ließ sich plötzlich Professor McGonagalls jetzt wieder ruhige Stimme vernehmen. Es schien, dass sie genau erkannt hatte, dass ihre ehemalige Schülerin kurz davor stand, die Beherrschung zu verlieren. Mit diesem Manöver hoffte sie, Hermione wenigstens für kurze Zeit aus der Schusslinie zu bringen. »Wir werden in der Zwischenzeit diese spezielle Angelegenheit klären.«
 
Hermione sah, wie Kingsley Shacklebolt gereizt die Lippen zusammenkniff und ein hartes »Hmpf« ausstieß, als er begriff, wen Minerva McGonagall holen ließ. Sie erhob sich widerstrebend, jedoch nicht, ohne noch einen bohrenden Blick auf sämtliche Weasleys und auch auf Shacklebolt abzuschießen. »Ja, Professor«, antwortete sie leise und verließ langsam die Küche.
 
Mit bleiernen Füßen, die sich bei jedem Schritt immer schwerer anfühlten, stieg sie die Treppe empor. Sie konnte nicht verhindern, sich einzugestehen, dass sie Angst hatte — nicht vor Severus, nein, ganz bestimmt nicht — sondern vor dem, was dort unten in der Küche vor sich gehen würde. Sie begann sich zu fragen, welche unliebsamen Überraschungen sie nachher erwarten würden, inwieweit Professor McGonagall die Lage unter Kontrolle haben würde, wenn sie Beide die Küche betreten würden. Vorsichtig öffnete sie die Tür zur Bibliothek.
 
Poppy Pomfrey und Severus Snape schienen in eine lebhafte Diskussion verwickelt zu sein, als Hermione hereinkam. Madame Pomfrey lächelte sie sofort strahlend an, während Severus wie üblich nur eine Augenbraue hochzog.
 
»Hermione — ich darf Sie doch Hermione nennen — ich möchte Ihnen für alles danken, was Sie für Severus getan haben. Ich bin so glücklich.« Poppy war aufgestanden und nahm Hermione ohne weitere Umstände in die Arme und drückte sie fest an sich. »Sie wissen gar nicht, wie glücklich Sie mich gemacht haben, mein Kind. Dass Severus am Leben ist, ist für mich das schönste Geschenk.«
 
Zum ersten Mal in ihrer langjährigen Bekanntschaft mit Poppy Pomfrey konnte Hermione Tränen in den Augen der anderen Frau sehen, die normalerweise durch nichts zu erschüttern war. »Aber — ich habe doch gar nichts Besonderes getan!«
 
»Nichts Besonderes getan? — Hermione, Severus hat mir erzählt, was Sie wirklich in der Heulenden Hütte für ihn getan haben. Ich stehe für immer in Ihrer Schuld. Und widersprechen Sie mir nicht!«, setzte sie hinzu, als Hermione dazu ansetzte, »Severus ist mein Junge, und ich bin mehr Familie für ihn, als seine eigene es jemals gewesen ist. Seitdem er das erste Mal als Elfjähriger, gezeichnet von Flüchen, die ihm James Potter und seine Freunde auf den Hals gehetzt haben, in meinen Krankenflügel gebracht wurde, habe ich mich um ihn gekümmert. Und du bist besser auch ganz still, mein Junge. Ich kann auch hinten sehen!«
 
Severus Snape verzog ertappt das Gesicht und Hermione grinste belustigt. Wie ein kleiner Junge zurechtgewiesen zu werden, war sicherlich nicht das, was einem Mann wie Severus Snape oft passierte. Dann jedoch erinnerte sie sich an ihren Auftrag. »Professor McGonagall hat mich gebeten, Sie zu holen. Sie ist im Augenblick gerade damit beschäftigt, die Mitglieder des Ordens mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass Sie am Leben sind.«
 
»Na, darum beneide ich sie nicht — ehrlich nicht«, murmelte Poppy vor sich hin. »Ich kann nur hoffen, dass sie wenigstens vernünftig genug ist und sich im Eifer des Gefechts nicht dazu hinreißen lässt, Ihre Rolle dabei zu erwähnen. Sie haben sich damit sicherlich keine Freunde gemacht, Hermione.«
 
Nachdenklich betrachtete                Hermione die Matrone von Hogwarts. »Nun, das habe ich auch nicht erwartet. Als ich den Zauber warf, habe ich damit auch entschieden, dass seine Feinde auch meine Feinde sein werden«, gab sie offen zu.
 
»Oh, Kind!« Madame Pomfrey keuchte entsetzt auf. »Ist Ihnen denn eigentlich nicht bewusst gewesen, welche Konsequenzen auf Sie zukommen könnten?«
 
»Doch, natürlich. Das erinnert mich übrigens daran: Unser Amtierender Zaubereiminister schien nicht gerade erbaut darüber zu sein, als er begriff, wer Ihnen Unterschlupf gewährt hat. Kann es sein, dass Sie ihn mit irgendetwas verärgert haben?« Hermione hatte nicht einmal geahnt, wie ironisch sie selbst sein konnte. Sie sah Severus nun mit hochgezogener Augenbraue an, eine beinahe perfekte Imitation seines eigenen Verhaltens.
 
»Ich vermute, er hat die Sache mit dem auf wundersame Weise verschwundenen Zauberstab ziemlich übel genommen«, antwortete Poppy schelmisch grinsend, bevor Severus auch nur reagieren konnte. »Er hat mir sowieso kein Wort davon geglaubt und es hat mich stark gewundert, dass er nicht Severus von seinem Krankenlager hochgescheucht hat, damit er das Bett in aller Ruhe auseinandernehmen konnte. Sie müssen wissen, Kingsley Shacklebolt hat schon zu Albus’ Zeiten Severus niemals wirklich getraut. — Leider«, seufzte sie dann.
 
»Und dann haben Sie mir ausgerechnet ihn als Verbündeten empfohlen?« Einen Moment lang war Hermione regelrecht entsetzt, doch sie fand die Antwort auf ihre eigene Frage, noch bevor Poppy Pomfrey irgendetwas erwidern konnte. »Ja, natürlich: Er ist der Einzige vom Orden, der im Ministerium wirklich Einfluss hat.«
 
Poppy nickte nur.
 
Hermione überlegte kurz. »Dann wäre es vielleicht besser, wenn ich Ihren Zauberstab wieder in Verwahrung nehme, bis wir sicher wissen, dass Professor McGonagall Shacklebolt von der Wahrheit überzeugt und alle da unten auf unsere Seite gebracht hat.«
 
»Nein!!!« Severus Antwort kam scharf und entschieden.
 
Sie konnte seine Reaktion sogar verstehen. Für jeden Zauberer und jede Hexe war es unvorstellbar, freiwillig auf ihren Zauberstab zu verzichten. »Ich habe ein mulmiges Gefühl bei der Sache, Severus«, sagte sie eindringlich. »Bitte…«
 
»Ich denke nicht, dass das nötig sein wird«, antwortete Severus griesgrämig.
 
Hermione erkannte sehr schnell, dass sein Knurren nichts mit ihr persönlich zu tun hatte, sondern dass er seinen Zauberstab in Wirklichkeit nur absolut ungern erneut aus der Hand geben wollte, und sei es auch nur für kurze Zeit. Sie konnte es nachfühlen, denn sie wusste genau: Ein Zauberer ohne Zauberstab fühlte sich vollkommen nackt. Um wie viel schlimmer musste es für ihn sein, der ein Leben lang hatte auf der Hut sein müssen.
 
»Da bin ich allerdings ganz anderer Meinung«, mischte sich plötzlich Madame Pomfrey resolut ein. »Ich halte das für eine sehr gute Idee. Zumindest, bis wir uns sicher sind. Komm, Severus, lass’ uns auf Nummer Sicher gehen, gib ihn ihr. «
 
Severus versuchte erfolglos, sie in Grund und Boden zu starren. Es half ihm dabei auch nicht sonderlich, dass Hermione bereits die Hand ausgestreckt hatte und wartete.
 
»Nun mach’ schon, Severus!«, entfuhr es Poppy genervt.
 
Mit unübersehbarer Gereiztheit beugte sich Severus Snape der knappen Mehrheitsentscheidung und reichte Hermione extrem widerwillig und ohne ein Wort seinen Zauberstab. Sie nahm ihn und steckte ihn wieder in die Innentasche ihrer Roben, dorthin, wo er schon einmal sicher vor den Blicken Anderer verborgen gewesen war.
 
»Gehen wir«, knurrte er verärgert.
 
»Ich begleite euch, werde aber vor der Tür stehen bleiben«, sagte Poppy, sehr zu Hermiones Erleichterung. Ihre Angst wurde mit jeder weiteren vergehenden Minute immer stärker. Ja, sie hatte Vertrauen zu ihrer Professorin, und doch, sie wusste nicht, was dort unten ablief. Mit extrem gemischten Gefühlen lief sie hinter Severus her, der schon fast die Treppe erreicht hatte.
 
Als sie ihn endlich eingeholt hatte, konnten sie alle bereits hier auf dem Treppenabsatz im ersten Stock das lautstarke Stimmengewirr aus der Küche vernehmen. Die Neuigkeit von Snapes Überleben hatte, wie es schien, eine erbittert geführte verbale Auseinandersetzung zwischen seinen Befürwortern und Gegnern ausgelöst. Hermione konnte die einzelnen Stimmen nicht den jeweiligen Parteien zuordnen oder die Worte verstehen, die durch die Küchentür schallten, ahnte jedoch anhand der Lautstärke, dass sich dort wohl tumultartige Szenen abspielen mussten.
 
»Oh, wie sehr sie sich freuen, dass ich lebe«, hörte sie Severus sarkastisch murmeln.
 
Hermione verspürte in ihrem Herzen einen brennenden Schmerz bei diesen Worten. Sie konnte nicht anders: Sie griff instinktiv nach seiner Hand und drückte sie sacht. Als sie zu ihm aufschaute, traf sie ein angespannter Blick aus tiefschwarzen Augen, in denen für einen ganz kurzen Augenblick Schmerz und Hoffnungslosigkeit standen. Doch dieser Moment war so schnell wieder vorbei, dass Hermione sich nicht sicher war, ob sie sich beides nicht nur eingebildet hatte. Der Blick, den Poppy Pomfrey auf ihre ineinander verschlungenen Finger warf, blieb ihren Augen ebenfalls verborgen, sonst hätte sie mit Leichtigkeit entdecken können, wieviel Wohlwollen, Dankbarkeit und schiere Seligkeit darin lag.
 
Ohne dass Hermione seine Hand losließ, stiegen sie die beiden Treppen zur Küche hinunter, während Madame Pomfrey ihnen folgte.
 
Dann jedoch konnte Hermione plötzlich eine der Stimmen ihrem Besitzer zuordnen. »Jetzt ist Schluss!«, brüllte Harry über den tosenden Lärm hinweg, der augenblicklich erstarb. »Sie sind hier bei mir zu Gast und ich lasse nicht zu, dass Sie so über ihn reden. Ohne ihn hätten wir nicht die leiseste Chance gehabt, diesen Krieg zu gewinnen. Severus Snape mag in den Augen der Menschen viele Fehler begangen haben, doch in Wirklichkeit ist es doch nur Eines, das Sie dermaßen aufgebracht reagieren lässt: Dass ausgerechnet der Mann, den Sie verachtet, wenn nicht sogar gehasst haben, einer der größten Helden dieses Krieges ist. Auch wenn ich Sirius und Remus wirklich gemocht habe und meinen Vater nie kennenlernen durfte, ich schäme mich für die Art und Weise, wie mein Vater und seine Freunde mit Professor Snape umgegangen sind. Verdammt, jedes Wort von mir im Klitterer war ernst gemeint. Und ja, ich wiederhole es noch einmal: Wären die Umstände andere gewesen, ich wäre unglaublich stolz darauf, ihn zum Vater zu haben!« Nach diesen Worten breitete sich eine tödliche Stille aus.
 
Für einen Moment, der wie eine Ewigkeit schien, hatte Hermione den Atem angehalten. Noch niemals zuvor hatte sie Harry derartig wütend erlebt. Doch die Worte ihres besten Freundes erfüllten sie auch mit unbeschreibbarem Stolz. Sie wandte ihren Blick erneut Severus zu, der wie sie den Atem angehalten hatte und sie nun vollkommen ungläubig anstarrte.
 
»Verstehen Sie nun, Severus? Das ist der wirkliche Junge-der-lebt«, flüsterte sie.
 
Ohne auf eine Antwort zu warten, drückte Hermione langsam und vorsichtig die Klinke herunter und öffnete die Tür einen Spalt, um in die Küche hineinspähen zu können. Ihr Blick fiel teils auf bleiche, aber auch auf hektisch gerötete extrem angespannte Gesichter, auf Menschen, die nicht in der Lage zu sein schienen, das eben Gehörte ohne das Gefühl von Fassungslosigkeit oder Zorn zu verarbeiten. Die meisten schauten bestürzt und wie im Schock auf die leere und ziemlich ramponierte Tischplatte mit den kreuz und quer verlaufenden Einkerbungen, die viele kleine fleißige Hauselfenhände im Laufe der Jahre auf ihr hinterlassen hatten. Kreacher musste seine vorbereiteten Köstlichkeiten während ihrer Abwesenheit aufgrund der heftigen Spannungen irgendwo in Sicherheit gebracht haben.
 
Die Erste, die sich einigermaßen fing, war Minerva McGonagall. Sie hob den Kopf und schaute Hermione an. »Kommen Sie herein. Die Katze ist aus dem Sack.« Sie klang erschöpft und angespannt, ihre Hände zitterten unkontrolliert.
 
Hermione öffnete nun die Tür ganz und schob sich vorsichtig herein. Sie blickte über ihre Schulter und sah, dass Severus ihr folgte und neben sie trat. Auf das, was sich in den nächsten Sekunden ereignete, hatte niemand von ihnen in irgendeiner Form vorbereitet sein können. Alles geschah so schnell, dass keiner der Anwesenden die Möglichkeit hatte, in das weitere Geschehen einzugreifen.
 
»Verräter!«, zischte eine hasserfüllte Stimme. »Sectumsempra!« Ein Stuhl polterte zu Boden und eine dunkle geduckte Gestalt hielt einen Zauberstab direkt auf Professor Snapes Brustkorb gerichtet.
 
»Nein!«, schrie Hermione, riss ihren Zauberstab heraus und warf sich mit voller Wucht gegen Severus. Sie schaffte es, ihren Körper schützend vor seinen zu werfen, bevor der Aufprall sie beide zu Boden riss. Ihr »Protego!« kam einen Sekundenbruchteil zu spät, um den schwarzmagischen Fluch noch abwehren zu können.
 
Gleichzeitig hallten mehrere »Expelliarmus!« durch den Raum und sämtliche Ordensmitglieder stürzten sich zeitgleich auf den Angreifer, der unter einem Knäuel von Körpern regelrecht begraben wurde. Schreie gellten durch die Küche und Kommandos wurden gebrüllt. Es dauerte in Wirklichkeit nur Sekunden, bis der gesamte Horror vorbei und der rothaarige Angreifer überwältigt war. Mehrere starke Männer waren dazu nötig, ihn festzuhalten und doch gelang es ihm kurzzeitig, wenigstens einen Arm loszureißen. Dabei schob sich unbeabsichtigterweise sein linker Ärmel nach oben und der Arm wurde entblößt. Auf dem Unterarm war das bereits im Verblassen befindliche Dunkle Mal immer noch deutlich zu erkennen.
 
»Percy!«, flüsterte Mrs. Weasley mit einem Blick voller Entsetzen auf ihren drittältesten Sohn. »Percy! Nein, nicht du!« Ihre Augen glitten fassungslos zwischen dem Dunklen Mal auf seinem Arm und seinem Gesicht hin und her. »Das kann nicht sein! Neiiiin!!!«, schrie sie dann voller Verzweiflung und brach in den Armen ihres Mannes haltlos schluchzend zusammen.
 
Nur Bruchteile von Sekunden später spuckte Percy aus und traf Kingsley Shacklebolt mitten ins Gesicht. »Muggel-Freunde und Blutsverräter allesamt«, schrie er höhnisch. »Verdammt sollt ihr sein.«
 
Erschüttertes Schweigen folgte diesen Worten, unterbrochen von einem stöhnenden Röcheln.
 
Hermione hatte noch gefühlt, wie sie ein Stoß traf, der ihren Körper hart gegen Severus’ Körper prallen ließ, bevor sie beide zu Boden stürzten. Für den Bruchteil einer Sekunde stand die Welt still, als ihr Blick tief in obsidianschwarze Augen eintauchte, in denen blankes Entsetzen und eisige Angst zu lesen waren, Augen, die sie gefangen nahmen und ein Versprechen gaben. Einen Moment glaubte sie, das Prickeln von Magie an ihrem Schulterblatt zu spüren. Sie hob langsam die Hand und schmiegte sie um seine Wange. Wärme durchflutete sie, als seine Finger ihre umschlossen, bis plötzlich ein furchtbarer Schmerz durch ihren Körper schoss.
 
»Severus …«
 
Dann umfing sie willkommene Dunkelheit.
 
»Hermione!«, flüsterte eine heisere Stimme, aus der der absolute Horror klang, und die Harry unzweifelhaft als die von Severus Snape identifizierte.
 
 
 
Fortsetzung folgt …
 
 
 
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