AleaThoron
   
  FairyCat's Potions and Passions
  Kaleidoskop einer Realität
 
DISCLAIMER: Nichts davon gehört mir, nur die Geschichte selbst und die Fee namens Aislinn.
 
BETA: Ganz besonders lieber Dank geht an DeepWater, der es sich trotz seiner schweren Krankheit nicht nehmen ließ, mein erster Kritiker zu sein. Du darfst dich ganz fest geknuddelt fühlen.
 
 
It’s a Wonderful Life by Alea Thoron
 
Kaleidoskop einer Realität
 
 
Im gleichen Augenblick spürte Severus, wie seine Vision verschwamm, Farben ineinander verwischt wurden und diese begannen, sich wirbelnd um ihn zu drehen. Für einen Moment glaubte er, in einem Malstroem gefangen zu sein, aus dem es kein Entrinnen geben würde. Doch so plötzlich dieser auch entstanden sein mochte, so schnell war er auch wieder vorbei. Was übrig blieb, war ein entsetzliches Schwindelgefühl in seinem Kopf und der dadurch ausgelöste Brechreiz in seinem Magen.
 
Es dauerte einen Moment, ehe seine Augen sich an das schummrige Licht gewöhnt hatten. Dann jedoch keuchte er entsetzt auf.
 
Severus hasste diese Stadt — Mill Town, was für ein idyllischer Name — er hasste diese Straße, und ganz besonders hasste er dieses Haus. Und jetzt stand er genau hier, an dem einzigen Platz, an den er nach dem Krieg nie wieder hatte zurückkehren wollen — in der winzigen Küche seines Elternhauses in Spinner’s End.
 
Und dann weiteten sich seine Augen, während gleichzeitig ein Ausdruck voller Wärme und Liebe über sein Gesicht huschte. Am Herd stand seine Mutter Eileen, die sich immer wieder verstohlen über die Augen wischte und kaum hörbar vor sich hin weinte. Severus hatte seine Mutter sehr geliebt, auch wenn sie in vieler Hinsicht schwach gewesen war. Sie war das Einzige gewesen, was ihn in diesem Haus gehalten hatte.
 
Obwohl er wusste, dass sie ihn weder sehen noch hören konnte, ging er hinüber zu der jungen schmalen Frau mit den dunklen langen Haaren und berührte ganz sanft ihre Schulter, während er ganz tief ihren Duft einatmete. Sie sah auf, als ob sie seine Berührung gespürt hätte, und er konnte nicht widerstehen, auch die nackte Haut ihrer Hand anzufassen. Wie durch ein Wunder sah sie nun auf den Punkt, wo eben noch sein Finger hauchzart ihren Handrücken gestreift hatte. Ohne es zu wissen, hatte Aislinn ihm den größten Wunsch erfüllt, den er ganz tief in seinem Inneren vergraben hatte: Noch einmal seine Mutter sehen und berühren zu dürfen.
 
Unvermittelt hörte er, wie schwere Schritte die schmale Holztreppe herunterkamen. Einen Augenblick später erschien die hochgewachsene hagere Gestalt seines Vaters im Türrahmen. Severus schauderte bei diesem Anblick. Auch wenn die äußere Erscheinung dieses Mannes es nicht vermuten ließ, so wusste sein Sohn doch, wie viel Ausdauer und körperliche Kraft er aufbringen konnte, wenn es darum ging, seine Familie zu terrorisieren.
 
"Wo ist mein Essen?", knurrte er, während er sich schwer auf seinen angestammten Stuhl am Küchentisch fallen ließ.
 
"Ich bin noch nicht ganz fertig, Tobias", ertönte die leise und zittrige Stimme seiner Mutter, ohne dass sie sich zu ihrem Mann umgedreht hatte.
 
"Verdammt noch mal, Frau, wie oft habe ich dir gesagt, dass ich mein Essen will, wenn ich von der Arbeit in der Fabrik komme", brauste er auf. "Diese verdammten Säcke tragen sich nicht von allein."
 
"Ich weiß, aber ... Ich war heute beim Arzt" Wieder wurde seine Mutter von einem leisen Schluchzen geschüttelt, bevor sie sich mit angsterfüllten Augen herumdrehte.
 
Tobias Snape beäugte sie misstrauisch. "Was soll das? Für solchen Firlefanz schmeißt du mein schwerverdientes Geld zum Fenster ‘raus?" Seine Stimme nahm mit jedem Wort erneut an Lautstärke zu.
 
"Das Baby ...", flüsterte sie. "Das Baby, das du dir gewünscht hast ... Die Ergebnisse der Untersuchungen sind da ... Du bist nicht zeu... Ich kann ... keine Kinder ... bekommen."
 
Der jähzornige schwarzhaarige Mann mit der Hakennase sprang mit einer Geschwindigkeit auf, die Severus nicht für möglich gehalten hatte. "Du verdammte Missgeburt! Nicht einmal dazu bist du fähig! Das Einzige, was du kannst, ist, mit diesem verdammten Ding herumzufuchteln", brüllte er voller Wut, als er auch schon seine Faust mit unglaublicher Brutalität in ihr Gesicht schlug.
 
Eileen Prince stürzte schreiend mit einem dumpfen Aufschlag zu Boden, wobei sie mit voller Wucht mit dem Nacken gegen die Ecke des Küchentischs schlug. Der Schrei brach abrupt ab und Severus hörte, wie sowohl die Knochen seiner Mutter als auch unter ihr etwas Hölzernes mit einem lauten unverkennbaren Knacken zerbrachen. Dann war es plötzlich totenstill. Das einzige Geräusch, das nach wenigen Sekunden einsetzte, kam von dem Blut, das aus einer Wunde am Kopf seiner Mutter auf den Boden tropfte.
 
"Nein!!!", schrie Severus verzweifelt.
 
"Aber, Severus, du wusstest doch, dass sie sterben würde!", hörte er in diesem Moment die Stimme der kleinen Fee. "Du konntest sie auch in deiner Realität nicht retten. Warum also sollte es hier anders sein?"
 
Severus dachte an den zwölfjährigen schwarzhaarigen Jungen mit der großen Nase, der damals alles versucht hatte, um seine Mutter zu beschützen, und der trotzdem mit sechzehn kläglich an dieser Aufgabe gescheitert war. "Ich war immer überzeugt davon, dass sie am Leben geblieben wäre, wenn ich nicht existiert hätte und sie damit keine Veranlassung gehabt hätte, mich verteidigen zu müssen, als mein Vater damals derartig wütend auf mich einschlug, weil ich trotz seines Verbotes gezaubert habe", flüsterte er gebrochen.
 
"Nein, Severus, sie war niemals dafür ausersehen, lange zu leben. Es war keine Frage deiner Existenz oder Nicht-Existenz. Als Tobias Snape Monate nach der Hochzeit erfuhr, dass seine Frau eine Hexe war, veränderte er sich vollkommen. Aus dem liebevollen Mann, den deine Mutter geheiratet hatte, wurde innerhalb kürzester Zeit ein übellauniger und unbeherrschter Schläger.Dein Vater hasste Magie. Es war nicht deine Schuld, dass Eileen gestorben ist." Aislinn versuchte, das Mitleid aus ihrer Stimme herauszuhalten, da sie wusste, wie sehr er es verabscheute. Sie gab ihm noch einen Moment Zeit, damit er sich von diesem Bild und auch von seiner toten Mutter verabschieden konnte, ehe sie ihren Zauberstab mit einer kurzen Bewegung zum Schwingen brachte.
 
Wie schon vorher erlebte Severus, wie seine Vision plötzlich verschwamm, Farben ineinander verwischt wurden und diese begannen, sich wirbelnd um ihn zu drehen. Der Malstroem ergriff von ihm Besitz, bis er glaubte, keine Luft mehr bekommen zu können. Und wieder war es so schnell vorbei, wie es begonnen hatte. Als sich das Schwindelgefühl in seinem Kopf und der davon ausgelöste Brechreiz in seinem Magen gelegt hatten und seine Welt keine Purzelbäume mehr schlug, blickte er sich erstaunt um.
 
Ohne große Mühe erkannte er die Örtlichkeit wieder, an der er sich befand. Dies war Hogsmeade — allerdings das Dorf Hogsmeade aus einer Vergangenheit vor zwanzig Jahren, so, wie er es aus seiner Kinder- und Jugendzeit gekannt hatte, als er noch selbst Schüler in Hogwarts gewesen war. Er stand in einer Seitenstraße, nicht weit von der Eingangstür zum ‘Eberkopf’ entfernt, in dem schon damals Albus Dumbledores Bruder hinter dem Tresen gestanden hatte. Severus zuckte im nächsten Moment zusammen, als die Tür des Pubs plötzlich aufgerissen wurde. Ein um viele Jahre jüngerer Aberforth Dumbledore hielt eine vermummte Gestalt am Arm gepackt und beförderte diese ziemlich unsanft aus seinem Wirtshaus hinaus auf die Straße, wo sie im Dreck liegen blieb.
 
"Verschwinde und lass’ dich hier nicht mehr blicken! Eine solche Teufelsbrut wie dich oder deine zwielichtigen Kumpane brauchen wir hier nicht!", hörte Severus Aberforth grimmig zischen.
 
Der vermummte Mann rappelte sich auf, warf dabei Dumbledore einen mörderischen Blick zu und klopfte sich mit spitzen Fingern angewidert den Schmutz von seiner eleganten Robe. Schon bevor er sich herumdrehte, glaubte Severus ihn allein daran bereits zu erkennen. Dieser Mann gehörte einer der angesehensten, wenn auch nicht der reichsten Reinblüter-Familien der magischen Welt an. Er zeigte nach außen hin die kultiviertesten Manieren der Reinblüter, um jedoch mit der finanziellen Unterstützung und dem moralischen Wohlwollen seiner Familie seine Karriere als Todesser mit allen Mitteln — und Severus meinte wirklich mit allen Mitteln — nach vorn zu treiben.
 
Als er sich dann letztendlich herumdrehte, erkannte Severus ihn sofort an seiner Narbe auf der Wange wieder, die er sich bei seinem ersten Überfall auf eine Muggel-Familie eingehandelt hatte. Dies war DevlinWilkes, der in Hogwarts eine Klasse über ihm gewesen war. Sie waren niemals gut bekannt oder gar befreundet gewesen, da Wilkes — im Gegensatz zu Lucius — mit dem schmuddeligen Halbblüter nichts zu tun haben wollte.
 
Aberforth Dumbledore sah nicht mehr das dreckige Grinsen, das sich auf DevlinWilkes’ Gesicht auszubreiten begonnen hatte. Doch Severus sah es, und er wusste sofort, dass dies nichts Gutes bedeuten konnte. Teuflische Häme spiegelte sich dort wider und in seinen Augen glomm dieses wahnsinnige Glitzern, das von je her seine schlimmsten Verbrechen immer begleitet hatte. Severus beschloss, ihn im Auge zu behalten.
 
Nachdem Wilkes endlich seine vermutlich französische Designer-Robe vom Straßendreck befreit hatte, schätzte Severus sein Alter auf Anfang zwanzig, was bedeutete, dass er also längst seinen Abschluss in Hogwarts gemacht haben musste. Severus glaubte sich dunkel daran erinnern zu können, dass Wilkes nach seiner Graduierung, obwohl er es finanziell nicht nötig gehabt hatte, stundenweise in Hogsmeade in einer Buchhandlung am äußersten Rand des Dorfes angestellt gewesen war, die in einem besonderen Raum mit Altersbeschränkung eine große Auswahl an Büchern über die Dunklen Künste vertrieb.
 
Wilkes war — wie Severus selbst — einer der jungen Todesser gewesen, die mit allen Mitteln versucht hatten, sich in Voldemorts Rängen hochzudienen. Als Wilkes nun zum Apparieren ansetzte, dachte Severus nicht einen Augenblick nach, machte einen Satz nach vorn und griff nach dessen Robe. Er erwischte gerade noch seinen Ärmel, bevor ihn das vertraute Gefühl des Apparierens erfasste. Sie apparierten auf eine Anhöhe, die durch den beginnenden Sonnenuntergang in ein bizarres Zwielicht getaucht wurde.
 
"Mylord", hörte er Wilkes keuchen, während dieser vor Voldemort auf die Knie fiel und versuchte, den Saum seines Umhangs zu küssen. "ich bringe wichtige Informationen aus Hogsmeade ..."
 
Zwei nicht maskierte Todesser stürzten sich im selben Moment auf ihn und rissen ihn an den Armen zurück. Severus erkannte in einem von ihnen ohne Schwierigkeiten den Mann wieder, der damals von seinem Master den Auftrag erhalten hatte, Marlene McKinnon und ihre Familie zu töten und von dem er nun glaubte, dass er sein Großvater sei. Er war groß und stattlich, hatte die gleichen schwarzen Haare und aristokratische Züge, in denen Hochmut und Stolz sich die Waage hielten. Ohne Zweifel gehörte er dem Inneren Zirkel Voldemorts an.
 
Und Severus sah die Familienähnlichkeit. Er erkannte gewisse Gesichtszüge seiner Mutter wieder. Doch dieser Mann hatte seine Mutter verstoßen, war damit mitverantwortlich für ihren Tod. Und er hatte sich gegenüber dem jungen Severus niemals offenbart, obwohl er gewusst haben musste, dass er sein Enkel war. Dafür erinnerte sich Severus jetzt wieder sehr gut an den harten, brutalen Griff und das gezischte Wort "Bastard!", als er ihn damals an den Haaren zurückgerissen hatte.
 
Wilkes schüttelte in diesem Moment energisch die Hände der beiden Todesser ab. Er warf ihnen einen hochmütigen Blick zu und strich dann theatralisch seine Designer-Roben glatt. Severus’ Großvater machte drohend einen Schritt auf ihn zu, doch Voldemort hob die Hand.
 
"Ahh, einer unserer jüngeren Mitstreiter", bemerkte er salbungsvoll. "Was hast du uns so Wichtiges zukommen zu lassen, dass du sogar eine Zusammenkunft des Inneren Zirkels unterbrichst, Devlin ...!?"
 
Severus schaute sich nun genauer um und erkannte, dass sie wirklich mitten in eine Versammlung des Inneren Zirkels geplatzt waren. Er sah Lucius, Bellatrix, Rabastan und Rodolphus Lestrange und viele mehr, die meisten Gesichter jedoch immer noch hinter ihren silbernen Todesser-Masken verborgen. Nun wusste er mit Bestimmtheit, dass auch sein ‘Großvater’ dem Inneren Zirkel Voldemorts angehört hatte.
 
Irgendetwas an dieser Situation kam Severus merkwürdig vertraut vor, auch wenn er nicht den Finger darauf legen konnte, was es war.
 
Wilkes warf sich merklich in die Brust. "Dumbledore ist in Hogsmeade und führt ein Vorstellungsgespräch mit einer Kandidatin für die zu besetzende Stelle des Wahrsage-Professors in Hogwarts."
 
Einige der Todesser begannen zu lachen, und Voldemort verlor einen Großteil seiner salbungsvollen Stimme, als er fragte: "Und für einen derartigen Humbug störst du unsere Versammlung?"
 
"Aber es ist Sibyll Trelawney," Beginnende Sorge zeigte sich in den Zügen von Wilkes und seine Stimme wurde ein wenig lauter und höher, als er nun Voldemorts Zauberstab auf sich gerichtet fand. Er wusste genau, dass er kurz davor stand, sich durch einen der Cruciatus-Flüche seines Masters auf dem Erdboden wiederzufinden. "eine Nachfahrin vonCassandra ...!"
 
Die ... Cassandra ...?", wisperte Voldemort und zog Wilkes im gleichen Augenblick von den Mitgliedern des Inneren Zirkels fort, um zu verhindern, dass ihre Unterhaltung von irgendjemandem belauscht werden konnte ...
 
In den nächsten Minuten durchlebte Severus eine Achterbahnfahrt der Gefühle aus Bestürzung, Abscheu und Entsetzen und verstand, warum ihm die Situation so vertraut vorgekommen war. DevlinWilkes gab den Teil von Sibyll Trelawneys Prophezeiung an den Dunklen Lord weiter, den Severus selbst damals im ‘Eberkopf’erlauscht hatte, bevor er von Aberforth Dumbledore überrascht und hinausgeworfen worden war.
 
"Aber ... Das kann nicht sein ...", flüsterte er fassungslos.
 
"Was, Severus?" Aislinn tauchte dermaßen aus dem Nichts vor ihm auf, dass er zusammenzuckte.
 
"Ich ... ich habe damals die Prophezeiung weitergegeben und damit ... Lily verraten, nicht Wilkes." Seine Stimme drohte zu brechen.
 
Die kleine Fee sah ihn stirnrunzelnd an. "Nun - da du niemals geboren wurdest, konntest du auch niemanden verraten oder irgendeine Prophezeiung oder was auch immer an Voldemort übermitteln. DevlinWilkes hat an deiner Stelle Dumbledore bespitzelt und diese Informationen an Voldemort preisgegeben. Lily und James Potter werden an Halloween 1981 sterben — auch ohne dein Zutun. Und Harry Potter wird als Waise bei seinen Muggel-Verwandten aufwachsen und mit elf Jahren nach Hogwarts kommen."
 
"Aber ..."
 
Severus kam nicht mehr dazu, seinen Satz zu beenden oder irgendwelche aberwitzigen Einwände zu erheben, denn seine Vision verschwamm erneut, Farben wurden wie schon vorher ineinander verwischt und wirbelten um ihn herum. Der Malstroem erfasste ihn, in seinem Kopf begann sich alles zu drehen und sein Magen versuchte, sich umzustülpen.
 
Als seine Welt und sein Körper sich wieder stabilisiert hatten, fand er sich mitten im Büro des Schulleiters von Hogwarts stehend wieder. Er knurrte verärgert. ‘Warum nicht den einfacheren Weg wählen, indem ich das Flohnetz zwischen meinem Wohnzimmer und Minervas Büro hätte nutzen können’, dachte er sarkastisch. Ein rascher Blick zeigte ihm jedoch, dass die Einrichtung des Raumes absolut nicht dem entsprach, was er noch wenige Stunden zuvor gesehen hatte. Zwar brannten in allen Lüstern Kerzen und ein noch nicht ganz fertig geschmückter Weihnachtsbaum - Albus hatte sich selbst übertroffen, denn dieser Kitsch verbreitete keinen Glanz, sondern ließ einzig und allein nur die Augen schmerzen — stand an seinem obligatorischen Platz, aber ...
 
Wenn Severus nicht durch seine jahrelange Spionage derartig meisterlich seine Gefühle unter Kontrolle zu halten vermocht hätte …
 
Dolores Umbridge saß an Minervas riesigem klauenfüßigem Schreibtisch, der noch aus Armando Dippets Tagen als Schulleiter in Hogwarts stammte. Sie hatte ihr krötenhaftes Gesicht mit den hervorquellenden runden Glubschaugen und dem breiten, schlaffen Mund dem Kamin zugewandt.
 
"Ein wirklich bedauernswerter Zwischenfall", hörte er in diesem Augenblick eine Stimme sagen, die ihm sehr bekannt vorkam. Cornelius Fudge schüttelte mitleidig seinen Kopf, der aus dem Kamin schaute.
 
"Sehr bedauerlich!", versicherte Umbridge, wobei ihr Tonfall ihre Worte Lügen strafte. "Grangers Hauslehrerin, Professor McGonagall, ist gerade dabei, sie darüber zu informieren …"
 
"Dann ist sie wohl in den besten Händen und das Ministerium braucht sich nicht weiter mit der Angelegenheit zu befassen …", sagte Fudge sichtlich erleichtert. "Todesser — was für ein Humbug", setzte er abfällig hinzu.
 
"Nun — Potter wird immer unerträglicher und aufsässiger, wie er mit seinen letzten haltlosen Anschuldigungen eindeutig unter Beweis gestellt hat. Ich werde weiterhin ein wachsames Auge auf ihn und seine Bande haben müssen." Dolores Umbridge warf sich unmerklich in die Brust.
 
"Ich hatte gehofft, jetzt, nachdem Albus Dumbledore ihm nicht mehr solche Flausen in den Kopf setzt, sollte sich das gegeben haben?"
 
"Solange Mitarbeiter aus unseren eigenen Reihen immer noch Lügenmärchen verbreiten …" Umbridges kleinmädchenhafte Stimme biss sich mit dem lauernden Ausdruck auf ihrem Gesicht. Sie hatte mit einem Mal Fudges volle Aufmerksamkeit.
 
"Sie haben einen konkreten Verdacht, nicht wahr, Dolores?" Fudge beugte sich noch ein Stück weiter im Kamin nach vorn.
 
"Nicht mit Sicherheit, aber … Shacklebolt!"
 
"Hmm. Dann müssen wir alle noch ein wenig aufmerksamer sein. Glauben Sie, dass Sie die Lage hier unter Kontrolle haben?"
 
Umbridge winkte ab. "Keine Sorge, Minister, ich schaffe das schon. Dumbledore stellt nun keine Bedrohung mehr für Ihre Position dar und Potter halte ich unter Kontrolle." Ohne dass Fudge die Bedeutung bewusst wahrnahm, wanderte ihr Blick hinüber zu einer speziellen Schreibfeder, der man ihre Besonderheit nicht ansah, und sie lächelte verschlagen.
 
Severus hatte genug gehört. Jetzt musste er nur noch herausfinden, was Hermione und Minerva mit der Sache zu tun hatten. Als er sich umdrehte, um zur Tür zu gehen, blieb sein Blick auf einem der an der Wand hängenden Portraits hängen. Wie angewurzelt blieb er stehen. ‘Das konnte nicht …? Oder … doch!?’
 
Er keuchte unkontrolliert auf und war zum ersten Mal dankbar dafür, dass man ihn weder sehen noch hören konnte. An der großen Wand mit den Portraits der verstorbenen Schulleiter von Hogwarts hatte Severus ein Portrait von Albus Dumbledore entdeckt. Die Halbmondbrille, die blauen zwinkernden Augen und der lange weiße Bart ließen keinen Zweifel daran, dass dies der Schulleiter von Hogwarts aus Severus’ Professorenzeit war. Allerdings war dies nicht der Albus Dumbledore, den Severus so viele Jahre gekannt und der allein mit seiner Präsenz den ganzen Raum ausgefüllt hatte, nein, dieser Mann hatte kaum Ähnlichkeit mit dem mächtigen Zauberer, den Severus in Erinnerung hatte. Nicht nur seine Hand war schwarz verfärbt, sondern auch Teile seines Gesichtes, ganz besonders Wangen und Nase. Dieses Portrait ...
 
Dieses Portrait konnte nur bedeuten, dass seine Vermutung falsch gewesen war. Albus hatte den klobigen goldenen Gaunt-Ring erst Ende Juni 1996 in der Ruine des Hauses der Gaunts gefunden, also kurz vor Beginn des sechsten Schuljahres des Goldenen Trios, und war durch den Fluch auf dem Ring vergiftet worden. Da in der Ecke ein Weihnachtsbaum stand, musste sich Severus demzufolge jetzt in der Zeit kurz vor Weihnachten desselben Jahres befinden und nicht — wie er bisher angenommen hatte – in Hermiones fünftem Schuljahr. Dolores Umbridge musste nach Albus’ Tod durch ihre Verbindungen im Ministerium und zu Fudge, der immer noch an der Macht war, die Position der Schulleiterin von Hogwarts an sich gerissen haben. Das alles konnte nichts Gutes bedeuten.
 
Er eilte zur Tür und ließ sich von der Treppe nach unten tragen. So schnell ihn seine Füße trugen, hetzte er mit wehenden Roben direkt vom siebten in den ersten Stock, wo sich Minervas ehemaliges Verwandlungsbüro befand. Sobald er die Tür zum Büro geöffnet hatte, hörte er ein leises Wimmern.
 
Als er seine Augen in Richtung dieses Wimmern wandte, um dem Geräusch auf den Grund zu gehen, sah er das Goldene Trio vor Minervas Schreibtisch auf drei Besucherstühlen sitzen. Die beiden Jungen hatten eine leise vor sich hin schluchzende Hermione in ihre Mitte genommen; Harry Potter hatte tröstend den Arm um Hermiones Schulter gelegt, während sich die Finger ihrer rechten Hand fest um die Hand von Ron Weasley klammerten.
 
Severus’ Herz zog sich schmerzhaft zusammen, ohne dass er etwas dagegen unternehmen konnte. Auch wenn er es ihr nie offen gezeigt hatte — er hatte Hermione noch nie weinen sehen können. Wie schon so oft in den letzten acht Monaten — ‘Waren es wirklich schon acht Monate, die sie verheiratet waren?’ — konnte er sich nur mit Mühe davon abhalten, auf sie zuzugehen und sie in die Arme zu schließen.
 
In diesem Moment nahm Hermione ihre andere Hand hoch, um sich mit einem von Weasleys großen karierten Taschentüchern ihre Tränen abzuwischen und Severus erschauerte. Ihr gesamter Handrücken war von Katzenfell bedeckt, und als sie den Kopf wandte, sah er auch auf ihrer Wange eine weitere große, behaarte Stelle. ‘Aber ich habe doch alle als Gegenmittel notwendigen Zaubertränke gebraut?’ dachte er erschüttert. Ganz tief in der hintersten Ecke seiner Erinnerungen vergraben blitzte kurz das Abbild einer kleinen Fee namens Aislinn auf und das Katzenfell und Albus’ Portrait ergaben plötzlich einen Sinn ...
 
Doch so schnell die Erscheinung auch aufgetaucht war, genau so schnell verdrängte er sie wieder. Stattdessen begann er, eindringlicher in ihrem Gesicht zu forschen. Obwohl dies hier seiner Schätzung nach erst fünf Jahre zurücklag, konnte er erkennen, dass Hermione anders aussah, als er sie für die damalige Zeit in Erinnerung hatte. Sie sah schlecht aus, und das erkennbar nicht nur, weil sie weinte. In ihr eigentlich junges Gesicht hatten Falten begonnen, sich an Stellen einzugraben, an denen diese in ihrem Alter noch gar nicht vorhanden sein sollten. Er konnte beinahe körperlich spüren, wie enorm verhärmt sie war, so, als würde sie die Last der ganzen Welt auf ihren eigenen Schultern tragen. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst, leichenblass, mit riesigen Augen, die in Tränen schwammen.
 
Minerva McGonagall, die sich gerade verstohlen eine Träne aus dem Auge wischte, kam um den Schreibtisch herum, legte Hermione die Hand auf die Schulter und drückte diese sanft.
 
"Auch wenn das Ministerium davon überzeugt zu sein scheint, es sei ein Unfall gewesen, so bin ich doch der Meinung, dass Sie die Wahrheit erfahren mussten. Kingsley Shacklebolt ist ein großes Risiko eingegangen, als er mir von den wahren Umständen berichtet hat. Es tut mir so furchtbar leid, Miss Granger. Ich wünschte ..." Sie konnte nicht mehr aussprechen, was sie sich wünschte, da Hermione von einem neuen Weinkrampf geschüttelt wurde. Minervas Blick hing voller Mitleid auf dem tränenüberströmten Gesicht des jungen Mädchens, das an der Schwelle zum Erwachsensein stand.
 
Severus war ratlos. Er konnte sich nicht vorstellen, was Hermione dermaßen aus der Fassung gebracht haben sollte. Und das schlimmste daran war, dass er sich auch nicht an eine einzige Situation erinnern konnte, in der Albus das komplette Goldene Trio in ihrem sechsten Schuljahr in das Büro des Schulleiters gerufen hatte. Potter allein — ja, wie er allerdings erst im Nachhinein erfahren hatte. Die beiden anderen waren niemals anwesend gewesen, wenn Albus seine wenigen ausgewählten Bröckchen an Informationen an Harry Potter weitergegeben hatte.
 
In diesem Moment versuchte Hermione schwankend aufzustehen. Der Weasley-Junge griff stützend nach ihrem Arm, als sie das Gleichgewicht zu verlieren drohte und hielt sie auch weiterhin fest an sich gedrückt, als sie dann wirklich stand. Auch Potter erhob sich, allerdings für einen jungen Mann reichlich schwerfällig.
 
Doch bevor er auch nur einen Schritt machen konnte, hielt ihn Minerva an der Schulter zurück. "Ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, im Voraus irgendetwas über die Pläne unserer Feinde in Erfahrung zu bringen. Sorgen Sie dafür, dass Miss Granger über Weihnachten hier in Hogwarts bleibt, Potter. Es ist auf jeden Fall sicherer", bat sie ihn leise und sehr eindringlich. "Auch wenn wir es nicht sicher wissen können — wir müssen davon ausgehen, dass dies nicht das Ende sein wird und Er auch nach ihr sucht."
 
Potter nickte nur, während er finster die Lippen zusammenpresste. Mit einem letzten Blick in Minervas Gesicht folgte er den beiden anderen zur Tür.
 
Severus blieb einen Moment lang wie angewurzelt mitten in Minervas Büro stehen und starrte Harry Potter fassungslos hinterher. Nur wenige Schritte von ihm entfernt hinkte der Junge-der-überlebt-hatte neben seinen beiden Freunden unbeholfen in Richtung Tür. Erst als die drei bereits den Korridor erreicht hatten, überwand er seine mentale Starre und folgte dem Goldenen Trio mit gerunzelter Stirn.
 
Die drei Freunde waren inzwischen beinahe am Ende des langen Korridors angekommen, der zu den Treppen führte, die sie zum Gryffindor-Turm bringen würden, doch noch immer konnte er Hermiones Schluchzen hören, das auch noch in seinen Ohren nachklang, nachdem Hermione schon längst im Gryffindor-Turm angekommen sein musste.
 
Erneut hatte sich Severus’ Herz dabei schmerzhaft zusammengekrampft und er wünschte sich, sie in die Arme nehmen und trösten zu können. Und in diesem Augenblick gestand er sich selbst zum ersten Mal ein, dass sie schon damals — mit achtzehn — eine gewisse Anziehungskraft auf ihn ausgeübt hatte. Ihre Intelligenz und ihr Wissensdurst, aber auch ihre grenzenlose Loyalität ihren Freunden gegenüber hatten dafür gesorgt, dass Severus schleichend und unbewusst immer mehr für sie eingenommen worden war.
 
Und es gab noch etwas, was ihm insgeheim Bewunderung abgerungen hatte: Hermione Granger war bereits in ihrer Schulzeit in Hogwarts eine der Wenigen gewesen, die ihm — trotz massiver Anfeindungen dafür — offen Respekt entgegengebracht und dies auch von anderen eingefordert hatte, egal wie er sie behandelt hatte. Sie war die Einzige unter den Schülern, die ihn immer verteidigt hatte, die Einzige, die immer mit Vehemenz darauf gedrungen hatte, dass man ihm auch in seiner Abwesenheit den Titel ‘Professor’ nicht vorenthielt.
 
Allerdings hatte er niemals damit gerechnet, dass sie eines Tages so weit gehen würde, ihn mit Hilfe einer — wie er anfänglich vermutet hatte — fingierten Ehe aus Azkaban zu holen. In seinen Augen war es ein Schachzug gewesen, der jedem Slytherin zur Ehre gereicht und den er von einer Gryffindor nie erwartet hätte. ‘Das Ministerium auf diese Art und Weise auszumanövrieren ...’
 
Obwohl — wenn er ehrlich war, hatte Hermione ihn überrascht. Die magische Handfastening-Zeremonie im Ministerium, zu der er in Ketten vorgeführt worden war, war nicht so verlaufen, wie die Offiziellen es geplant oder vorgesehen hatten. Hermione hatte als Erstes gegen alle Widerstände darauf bestanden, dass man ihm die Fesseln abnahm und hatte dann ihren Zauberstab gezogen, um seine schmutzige Azkaban-Häftlingskleidung in eine Stoffhose und ein Seidenhemd — beides selbstverständlich schwarz — zu verwandeln. Sie hatte während der gesamten Zeremonie seine Hand gehalten, was ganz gewiss nicht der geforderten Tradition entsprach, und er hatte ein Kribbeln gespürt, das er sich nicht erklären konnte.
 
Severus hielt einen Augenblick wie erstarrt den Atem an. Seine Erinnerungen an die magische Handfasting-Zeremonie waren zum Großteil verschwommen und betäubt wie durch einen verunglückten Imperturbatio-Zauber. Vermutlich hatte sein Verstand sich auf diese Weise dagegen gewehrt, weil dies für ihn die letzte erdenkliche Erniedrigung gewesen war. Wenn er jedoch jetzt genauer darüber nachdachte, so glaubte er sich dunkel an das wütende Zischen mehrerer Mitglieder des Magischen Gerichtshofes während einiger Passagen der Eidesformel erinnern zu können. Doch die Bedeutung dessen war für ihn auch jetzt noch nicht greifbar.
 
Auch nachdem sie mit ihm in ihr neues, gemeinsames Zuhause — ein ‘Safehouse’ unter einem Fidelius-Zauber, wie er verwundert feststellen musste — appariert waren, hatte sich ihr Verhalten ihm gegenüber nicht verändert. Nicht ein einziges Mal in den letzten acht Monaten hatte sie ihn spüren lassen, dass sie aus Mitleid gehandelt hätte. Ganz im Gegenteil. Aus irgendeinem ihm selbst unerklärlichen Grund hatte sie nicht nur darauf bestanden, dass sie diese Ehe vollzogen, sondern war immer darauf bedacht, dass sie alle Entscheidungen gemeinsam trafen. Es war absolut nicht so, dass Hermione nicht alles versucht hatte, eine richtige Ehe zu führen, wie er zugeben musste. Aber er hatte ihr nicht geglaubt, nicht glauben können ...
 
Aus dem Augenwinkel nahm er plötzlich eine Bewegung wahr. Er fuhr herum, seinen Zauberstab bereit zum Angriff — und ließ ihn dann innerlich aufatmend wieder sinken, nachdem sein Adrenalin-Pegel wieder auf Normalmaß zurückgekehrt war. ‘Aislinn!’ Bis vor wenigen Augenblicken hatte er die kleine Fee beinahe völlig vergessen gehabt. Jetzt schwebte sie direkt vor ihm in der Luft, ihren winzigen Zauberstab fest umklammernd.
 
Severus fühlte, wie die Anspannung langsam von ihm abfiel. Doch das in den letzten Minuten Gesehene ließ ihn nicht so einfach los. Noch immer mit seinen Gedanken bei Hermione, sprach er das laut aus, was ihn schon die ganze Zeit beschäftigte. "Was ist hier los? Warum weint Hermione? Und weswegen hat Minerva das Goldene Trio in ihr Büro gerufen?"
 
Tieftraurige Augen blickten ihm entgegen. "Nun — Miss Granger hat gerade von ihrer Hauslehrerin erfahren müssen, dass ihre Eltern vor ein paar Stunden von Todessern ermordet wurden ..." antwortete Aislinn leise.
 
"Nein, das kann nicht sein!", unterbrach Severus sie. "Der Dunkle Lord machte erst Jagd auf die Grangers, als Hermione mit ihren beiden Freunden ins Ministerium eingedrungen war — um sie aus ihrem Versteck zu locken. Und zu diesem Zeitpunkt musste er feststellen, dass keine Spur von ihnen zu finden war. Hermiones Eltern leben! Ich habe erst vor wenigen Tagen mit ihnen gesprochen ..."
 
Die winzige Fee schüttelte mitleidig den Kopf. "In deiner vormaligen Realität — ja. Aber du scheinst vergessen zu haben, dass sich die Voraussetzungen für deren Existenz geändert haben könnten. Du hast dir genau das vor wenigen Stunden gewünscht, Severus, weißt du nicht mehr?" Als er sie nur sprachlos anstarrte, fuhr sie fort. "Ich habe nichts weiter getan, als deinen Wunsch zu erfüllen."
 
"Mein Leben kann nicht so wichtig sein ...!", begehrte er auf.
 
Die kleine Fee schaute ihn ungläubig an. "Hast du nicht gehört, was Professor McGonagall sich wünschte? Du warst der Spion für den Orden, der Einzige, der es mit dem Okklumens Voldemort aufnehmen konnte. Wie oft hast du Menschenleben gerettet, in dem du Albus Dumbledore vor anstehenden Überfällen auf Muggelgeborene, Halbblüter oder Ordensmitglieder gewarnt hast?"
 
"Und wie viele davon habe ich wirklich retten können?", brauste er auf. "Hannah Abbott wird mir auf Ewigkeit dankbar sein!" 
 
Aislinn sah den tiefen Schmerz in seinen Augen. "Kingsley und seine Auroren kamen zu spät, Severus. Es war nicht deine Schuld", antwortete sie beschwörend.
 
Er schnaubte nur.
 
Sie versuchte es deshalb auf andere Art. "Du hast das Portrait von Albus Dumbledore gesehen, Severus. Niemand war in der Lage, die Auswirkungen dieses mächtigen schwarzmagischen Fluches auch nur für wenige Wochen aufzuhalten. Er starb nur ein paar Tage, nachdem er den Ring angesteckt hatte." Aislinn sah ihn an. "Er war nicht mehr in der Lage, Harry Potter genügend Informationen über Tom Riddle zu übermitteln, was sich später in der Letzten Schlacht auswirken sollte."
 
Severus runzelte die Stirn. Er konnte dies kaum glauben. Albus hätte ganz bestimmt eine Möglichkeit gefunden, anderweitig Hilfe zu bekommen. Severus bezweifelte ungemein, dass der alte Schulleiter allein auf seinen dunklen Tränkemeister angewiesen gewesen wäre. Damals war es für Albus wahrscheinlich einfach nur bequem gewesen, sich an Severus’ Kenntnissen über die Dunklen Künste und an deren entsprechenden Gegenmitteln bedienen zu können. Und doch sprach sein binnen kurzer Zeit eingetretener Tod irgendwie gegen diese Theorie ...
 
Aislinn beobachtete Severus sehr genau. Sie konnte förmlich die düsteren Gedanken greifen, die durch seinen Kopf schossen. ‘Wenn er doch nur nicht immer das Schlechteste über sich selbst denken würde!’ Innerlich aufseufzend machte sie sich bereit, weitere Überzeugungsarbeit leisten zu müssen, doch seine nächste Frage kam ihr zuvor.
 
"Was ist mit Potter geschehen?", fragte er plötzlich. "Dieses Humpeln ..."
 
Den Ausdruck auf Aislinns Gesicht konnte er nur als niedergeschlagen bezeichnen. "Oh, ja ... Harry—"
 
Sie schwieg eine geraume Weile und Severus glaubte schon, dass er gar keine Antwort mehr erhalten würde.
 
Doch dann seufzte sie schwer auf. "Das ist ein Überbleibsel aus seinem ersten Schuljahr, Severus."
 
Severus runzelte die Stirn.
 
"Du warst nicht da, als Quirrell ihn mit seinem Fluch im Quidditch-Match aus großer Höhe vom Besen geworfen hat. Albus Dumbledore konnte zwar im letzten Moment verhindern, dass der Junge dabei getötet wurde, aber er wurde schwer verletzt. Poppy Pomfrey hat zwar alles versucht, war letztendlich jedoch machtlos. Irgendetwas in diesem Fluch bewirkte, dass auch die Heilzauber und -tränke nur wenig helfen konnten und die gesamte magische Behandlung nicht wie gewünscht ansprach."
 
Ihre leise ausgesprochenen Worte hatten sich wie ein Stein auf seinen Magen gelegt. Mit Schaudern dachte er an die Prophezeiung. ‘Quirrells Fluch, der unter anderem auch eine wirksame Behandlung verhinderte und schwere Verletzungen, die permanente Auswirkungen auf Potters Leben haben würden ... Und nicht nur auf sein Leben!’
 
Aber die kleine Fee redete bereits weiter. "Ja ... sie haben den Stein der Weisen gerettet und — wie du dich selbst überzeugen konntest — Harry hat auch die Konfrontation mit Voldemort in seinem vierten Schuljahr überlebt, und er wird erneut gegen Voldemort antreten, aber ..."
 
"Was ‘aber’ ...!!!?", fragte er angespannt.
 
"Wie ich sagte: Albus Dumbledore starb zu früh. Er war nicht mehr in der Lage, Harry genügend Informationen über Tom Riddle zu vermitteln, was sich später auf die Schlacht um Hogwarts auswirken sollte."
 
‘Die Horkruxe ...!!!’ Doch er konnte den Gedanken nicht zu Ende führen, da ihn eine neue Woge aus Übelkeit erfasste, als seine Vision zum dritten Mal verschwamm. Einen Moment glaubte er, es dieses Mal nicht schaffen zu können, sich auf den Beinen zu halten, doch es ging schneller vorbei, als er befürchtet hatte.
 
Lautes Stimmengewirr und gedämpfte Musik umgaben ihn, und als er mühsam die Augen öffnete, fand er sich vor den weit geöffneten Flügeltüren wieder, die den Eingang zum Ballsaal von Malfoy Manor bildeten, wo allem Anschein nach ein rauschendes Fest in vollem Gange war. Elegant gekleidete Gäste standen angeregt plaudernd um eine Tanzfläche herum, auf der sich mehrere Paare zu den Klängen der Orchestermusik wiegten. Unbewusst zogen sich Severus’ Mundwinkel zu einem leichten Lächeln nach oben, als er an die vielen behaglichen Stunden dachte, die er selbst im Laufe der Jahre auf Malfoy Manor verbracht hatte.
 
Sein Blick fiel auf eine der zahlreichen gemütlichen Sitzecken des riesigen Ballsaales nicht weit von seinem Standort entfernt. Dort hatten es sich einige Damen mit Elfenwein sichtlich komfortabel gemacht, während ihre Ehemänner mit Old Ogden’s anstießen und sich angeregt unterhielten. Er erkannte Miranda Goyle, deren Ehemann Gifford und Thorfinn Rowle, der lässig an einer der antiken Säulen lehnte.
 
Mit dem Rücken zu Severus stand eine nur spärlich bekleidete Frau — offensichtlich eine Dienerin - obwohl Severus sich nicht daran erinnern konnte, auf Malfoy Manor bei einem seiner Besuche jemals andere Diener als Hauselfen gesehen zu haben. Sie hatte lange rote Haare, die ihr fast bis zur Taille reichten, und balancierte ein Tablett mit Gläsern voller Elfenwein und Feuerwhiskey. Als sie sich halb herumdrehte, um Rowle zu bedienen, gefror ihm schlagartig das unmerkliche Lächeln im Gesicht und seine Augen weiteten sich vor Entsetzen.
 
Nur wenige Schritte von ihm entfernt stand Ginevra Molly Weasley, in deren Augen nackte Angst geschrieben stand. Ihre Hände zitterten so sehr, dass die Gläser auf dem Tablett leise klirrten. Sie war barfuß, hatte extrem an Gewicht verloren und trug einen eisernen Kragen um den Hals. Das Kleid - wenn man dieses Nichts überhaupt ein Kleid nennen konnte - wurde nur durch wenige Bänder zusammengehalten und offenbarte mehr ihre nackte Haut als dass es sie verbarg. Hatte er erst geglaubt, dass diese Kluft ein sehr merkwürdiges Muster aufwies, so sah er nun, dass ihr gesamter Körper mit schlecht oder gar nicht verheilten Striemen übersät war.
 
Die Erkenntnis traf Severus wie ein Schlag in die Magengrube. ‘Voldemort hat gewonnen!’
 
In diesem Moment strauchelte Ginevra leicht, woraufhin ein lautes Klirren zu hören war. Eines der Gläser mit Feuerwhiskey kippte über den Rand des Tabletts, ergoss seinen Inhalt über Thorfinn Rowles Roben und zerbarst auf dem Fußboden. Rowle, dessen unberechenbare Wesensart Severus nur allzu gut kannte, verlor im selben Augenblick die Beherrschung, holte aus und schlug ihr mit voller Wucht seine Faust ins Gesicht.
 
Ginny verlor das Gleichgewicht und stürzte mit einem Aufschrei zu Boden. Blut lief nicht nur aus einem großen Riss aus ihrer aufgeplatzten Lippe über ihr Kinn herunter, sondern auch an ihrem Arm und der Hüfte, wo sie in die Scherben der anderen Gläser gefallen war. Noch bevor sie sich wieder aufrappeln konnte, trat ihr Rowle mitleidlos mit seinem schweren Stiefel in die Rippen und Severus hörte, wie ihre Knochen knackten.
 
"Du verdammte Blutsverräter-Sklavin! Nicht einmal zum Servieren taugst du!", brauste er auf.
 
Severus wollte, als Rowle mit der Faust ausholte, zwei schnelle Schritte nach vorn machen, um ihn aufzuhalten, fühlte sich jedoch von einer unsichtbaren Kraft zurückgehalten, was ihn daran erinnerte, dass er nicht in den Lauf des Geschehens eingreifen konnte und für die Augen und Ohren Anderer nicht vorhanden war. Er konnte nur hilflos mitansehen, was geschah. Rowles nächste Worte ließen ihn jedoch regelrecht erstarren.
 
"Du solltest froh sein, dass dein großmütiger Herr dich überhaupt hier dienen lässt, oder willst du so enden wie deine Freundin unten in ihrer Zelle in den Kerkern?", zischte Rowle, während Ginny nur noch leise vor sich hin wimmern konnte.
 
‘Was meint er damit?’ Severus drehte sich zu der Sitzgruppe am Hauptkamin des Ballsaales herum, während sein Verstand bereits auf Hochtouren arbeitete. Was er dort erblickte, lieferte den letzten Beweis für seine schlimmsten Befürchtungen. Er sah Voldemort im Kreise seiner loyalsten Todesser sitzen, darunter Lucius Malfoy und DevlinWilkes. Wilkes — der die Prophezeiung an Voldemort verraten hatte und der nun Severus’ Platz im Inneren Zirkel eingenommen hatte.
 
Sein letzter Blick streifte noch Narcissa Malfoy, die sich abgewandt und offensichtlich die Szene beobachtet hatte, deren stummer und hilfloser Zeuge Severus gerade geworden war. In ihrem Gesicht spiegelten sich nur schlecht vorborgen Mitgefühl und Bedauern wider. Er sah, wie sie aufstand und langsam in Ginevras Richtung ging. Wenige Sekunden später begriff Severus, was Rowle mit seinen Worten angedeutet hatte und rannte durch die Flügeltüren hinaus.
 
Der Weg durch die Korridore in die Kerker war ihm noch nie so unendlich lang vorgekommen und seine Panik steigerte sich ins Unermessliche, als sich eine der Zellentüren öffnete und Rodolphus Lestrange mit einem Grinsekatzen-Lächeln herauskam, während er seine Hose schloss. Severus entdeckte auf dessen Roben und an seinen Händen frische Blutflecken, die Lestrange mit einem gemurmelten "Evanesco!" entfernte, um dann gut gelaunt in Richtung der Treppen davonzugehen.
 
Severus entriegelte die Tür, die Rodolphus gerade verschlossen hatte, und öffnete sie. Nichts hatte ihn auf den Anblick vorbereitet, der sich seinen Augen bot. Er stieß einen markerschütternden Schrei aus und fiel neben der wie leblos auf dem Boden liegenden Gestalt auf die Knie.
 
"Neiiiin!", schrie er völlig verzweifelt. Das konnte — nein, das durfte nicht sein! Severus merkte nicht einmal, wie ihm selbst Tränen die Wangen hinunterliefen.
 
In einer riesigen Blutlache auf den kalten Steinen des Kerkers lag seine Hermione. Sie war nackt und bewusstlos, und ihr linker Fußknöchel hing weit nach oben gezogen immer noch in einem magisch verschlossenen Ring an einer der Ketten, die von der Decke herabgelassen waren. Ihre buschigen Locken lagen verklebt in ihrem eigenen Blut wie eine Halo um ihren Kopf.
 
Ältere und kaum oder schlecht verheilte karmesinrote Narben von Verbrennungen und sehr präzise gesetzten Schnitten — Bellatrix’ Werk, wenn er richtig vermutete — und ganz frische blutige Striemen — Rodolphus letztes Verbrechen — zeugten von einer wochen- vielleicht sogar monatelangen Folter; die Finger ihrer rechten Hand schienen gebrochen worden zu sein und waren schief zusammengewachsen.
 
Das Einzige, was er von ihrem Gesicht sehen konnte, war ihre rechte Wange — ebenso schmutzstarrend wie der Rest ihres Körpers und voller Tränenspuren. Als er sich umblickte, um nach irgendetwas zu suchen, mit dem er ihr helfen konnte, sah er in einer Ecke die Peitsche liegen, die Rodolphus wohl achtlos dorthin geworfen hatte, nachdem er mit ihr fertig gewesen war. Nur am Rande nahm er die unterschiedlichen von der Decke hängenden Ketten und die ordentlich auf einem Tisch an der Wand aufgereihten Folterinstrumente wahr. Welche Hölle! Und er konnte hier genau nichtstun.
 
"Hermione!", stöhnte er außer sich vor Schmerz und Erschütterung.
 
Als er vorsichtig ihren Oberkörper hochnahm und dabei ihren Kopf abstützte, entfuhr ihr ein leises, heiseres Stöhnen, obwohl sie immer noch tief bewusstlos war. Vorsichtig drehte er ihren Kopf zu sich herum und entdeckte dabei das Katzenfell auf ihrer Wange. Dies war nicht seine Hermione, sondern das Mädchen, das er in Minervas Büro über den Verlust ihrer Eltern hatte weinen sehen. Trotzdem hielt er die junge Frau krampfhaft an sich gedrückt, als ob er sie damit vor allem retten und ihr helfen könnte.
 
Er schloss die Augen in der Hoffnung, dass, wenn er sie wieder öffnen würde, sich seine jetzige Realität wieder in die Welt zurückverwandeln würde, die er kannte. Doch als er sie erneut öffnete, hatte sich nichts verändert. Er kniete immer noch auf den kalten harten Steinen der Zelle in Malfoy Manor mit einem weiteren unschuldigen Opfer des Dunklen Lords in seinen Armen.
 
"Aislinn!!!"
 
 
To be continued ...
 
 
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