AleaThoron
   
  FairyCat's Potions and Passions
  Kapitel 05 — Beichte bei einem treuen Freund
 
DISCLAIMER: Ich verdiene kein Geld damit, habe jedoch genau den unglaublichen Spaß, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Alle agierenden Personen gehören JKR. Ich habe sie mir heimlich ausgeborgt, verspreche aber, gut auf sie aufzupassen und sie wohlbehalten und an Erfahrungen reicher und gereifter wieder zurückzugeben.
 
Beta: Deep Water — Mein ganz spezieller Dank gilt meinem Beta, der eigentlich mein Vater ist, und der es sich trotz seiner schweren Krankheit nicht nehmen ließ, mein erster Kritiker zu sein.
 
 
Coniunctio perpetua by Alea Thoron
 
 
 
Hermione schreckte zwei Stunden später wieder auf. »Au!« Obwohl der Sessel sehr bequem ausgesehen hatte, verspürte sie jetzt einen steifen Nacken, da sie zwischen der Armlehne und der Rückenlehne gehangen hatte, ohne sich bewegen zu können. Sie fühlte sich wie gerädert und fragte sich, wie sie in diesem Zustand Harry die Ereignisse der gestrigen Nacht schildern sollte, ganz zu schweigen davon, so Professor Dumbledore gegenüberzutreten.
 
Sie ließ ihre Schultern rollen, bis sich die Verspannungen einigermaßen gelöst hatten, während ihr Blick sich auf das Panoramafenster richtete, hinter dem jetzt die Sonne vom Himmel strahlte, die auch die letzten Nebelschleier aufgelöst hatte.
 
Sie wusste, was sie als nächstes zu tun hatte. Zwar hatte sie schon lange keine Angst mehr vor Feindseligkeiten oder dem Angriff mit Worten, und zumindest bei Harry machte sie sich auch überhaupt keine Sorgen, dass es zu einer wirklichen Konfrontation kommen würde. Ihm ihre Neuigkeiten beizubringen, sollte sich als nicht allzu schwierig erweisen.
 
Ihre großen Bedenken bezogen sich auf die anstehende Auseinandersetzung mit Professor Dumbledore. Ihr war durchaus bewusst, dass sich tief in ihrem Inneren in den letzten Monaten eine enorme Menge an Groll, Verbitterung und Vorwürfen angestaut hatte, und sie war nicht überzeugt davon, dass sie ihre Selbstbeherrschung würde bewahren können, während sie mit ihm diskutierte.
 
Ihre Augen fielen auf den Tisch, auf dem sie in der gestrigen Nacht ihr kleines Täschchen und all ihre Bücher abgelegt hatte. Mit voller Wucht kehrte die Erinnerung zurück, doch sie bemühte sich entschlossen, sie zu verdrängen. >Es wird Zeit, dass ich Harry suchen gehe<, dachte sie, räumte alles wieder in ihre Tasche hinein und machte sich auf den Weg zur Großen Halle, mit einem kurzen Abstecher in die Mädchentoilette im dritten Stock.
 
Als sie danach den Korridor im dritten Stock halb durchquert hatte, blieb sie plötzlich stehen und dachte nach. Es würde sich nicht einfach gestalten, Harry in diesem riesigen Schloss zu finden, da er nicht unbedingt in der Großen Halle sein musste. Wahrscheinlich wäre es vernünftiger, wenn sie nach Kreacher rufen würde, damit dieser sie zu Harry brachte. Wenn Kreacher den gestrigen Abend überlebt hatte und überhaupt auf ihren Appell reagieren würde. Kreacher war nicht ihr Eigentum, so dass er sie einfach ignorieren durfte. Sie hatte zwar am Grimmauldplatz ein besseres Verhältnis zu ihm bekommen, aber das bedeutete nicht, dass Kreacher sie immer noch tolerierte. Nun, die einzige Möglichkeit, dies herauszufinden, war, es einfach zu versuchen. »Kreacher!?«
 
Mit einem leisen Plopp erschien der uralte, bucklige Hauself mit einer großen, fleischigen Nase, die an eine Schnauze erinnerte, und sehr faltiger Haut. Aus seinen Fledermausohren wuchsen ganze Büschel aus weißem Haar, aber er war absolut sauber und trug ein Geschirrtuch in Slytherin-Farben ohne einen einzigen Fleck. »Miss Hermione hat nach Kreacher gerufen?«, fragte er mit einer nur angedeuteten Verbeugung.
 
Hermione lächelte erleichtert. »Oh, Kreacher, ich bin so froh, dass du da bist. Bist du verletzt? Geht es dir gut?«, fragte sie, während sie sich zu ihm herunterbeugte und sich einen Moment über Kreachers Farbwahl wunderte, bevor andere Gedanken diesen verdrängten.
 
Auf Kreachers verknittertem Gesicht zeichnete sich Staunen ab. Wieder einmal hatte ihn dieses muggelgeborene Mädchen völlig verblüfft. Kreachers gesamtes Weltbild hatte sich innerhalb eines Jahres vollkommen verändert. Er, der bis vor über einem Jahr keine Gelegenheit ausgelassen hatte, dieses Mädchen leise vor sich hinmurmelnd als Schlammblut zu bezeichnen, hatte seitdem erfahren, dass auch ein Halbblüter und eine Muggelgeborene ebenso viel Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen besaßen wie sein Master Regulus, der schließlich ein Reinblüter gewesen war.
 
Sollte es wirklich wahr sein, was die anderen Hauselfen in Hogwarts ihm über diese junge Frau erzählt hatten? Sicher, sie war bei vielen von ihnen mit ihrer seltsamen Organisation S.P.E.W. auf Unverständnis gestoßen, als sie versucht hatte, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern oder sie gar zu befreien. Und er musste auch zugeben, dass ein Teil der Elfen regelrecht Angst vor ihren Befreiungsversuchen gehabt hatte, als sie selbstgestrickte Sachen im Gryffindor-Gemeinschaftsraum versteckt hatte. Aber er hatte auch gehört, dass sie ihnen immer freundlich begegnet war.
 
Kreacher hatte in den letzten zwei Monaten den Berichten im Büro des Schulleiters gelauscht, wenn sein Schulleiter mit dem alten Schulleiter Dumbledore über die Fortschritte oder Misserfolge des Goldenen Trios diskutiert hatte. Er hatte selbst in der Letzten Schlacht beobachtet, wie Miss Hermione für seinen Master Harry gekämpft hatte. Es war, als würde er sie zum ersten Mal in seinem Leben wirklich sehen. In diesem Moment begriff Kreacher, dass er in ihr eine außergewöhnliche Persönlichkeit vor sich hatte, die nicht nur Respekt und Anerkennung verdiente, sondern gerade seine, Kreachers, uneingeschränkte Loyalität. Er lächelte sie vorsichtig an. »Nein, Miss, Kreacher geht es gut. Was kann Kreacher für Miss tun?«
 
»Ich bin auf der Suche nach Harry. Weißt du, wo er ist?«, fragte Hermione, die all die unterschiedlichen Gefühle beobachtet hatte, die sich auf Kreachers Gesicht widerspiegelt hatten, seit er ihrem Ruf gefolgt war.
 
»Oh, ja, Miss. Master Harry ist unten am See«, antwortete Kreacher.
 
»Würdest du mich zu ihm bringen?«, bat Hermione.
 
»Natürlich.«
 
Sie folgte Kreacher durch die Korridore des Schlosses bis zum geborstenen Eingangsportal. Die Doppeltüren waren von riesigen Händen aus den Angeln gerissen worden, so dass die ersten Sonnenstrahlen ungehindert in die Eingangshalle fallen konnten. Es versprach, ein sonniger und warmer Maitag zu werden.
 
Vor dem Schloss jedoch war nun das ganze Ausmaß der Verwüstung zu erkennen. Hermione schloss für einen kurzen Moment erschüttert die Augen und versuchte die schrecklichen Bilder des gestrigen Tages und der Nacht gewaltsam aus ihrem Kopf zu drängen, was ihr nur mit großer Mühe gelang.
 
Immer noch eilten Auroren geschäftig über die Ländereien, während die Überlebenden und andere Helfer, die vermutlich vom Ministerium geschickt worden waren, bereits an vielen Stellen mit ersten Aufräumarbeiten, dem Wiederaufbau des Schlosses und der Erneuerung der Banne um die Grenzen von Hogwarts begonnen hatten. Wenigstens würde Hogwarts danach wieder einigermaßen Sicherheit bieten.
 
Hermione mochte gar nicht darüber nachdenken, wie es in London oder anderen Landesteilen aussah. Sie hatte mit Hilfe der Manipulation durch den Vielsafttrank in der Gestalt von Bellatrix Lestrange auf ihrem Weg zu Gringotts die fast menschenleere Winkelgasse gesehen, hatte die Unmenschlichkeit gegenüber Muggelgeborenen im Ministerium hautnah miterlebt und hatte deshalb eine ungefähre Vorstellung von den Gräueltaten, die Voldemort mit seinen Todessern und seinen anderen Verbündeten verübt haben musste. Wobei sie sich vollkommen dessen bewusst war, das dies nur ein kleiner Ausschnitt aus der Hölle gewesen war.
 
Sie erreichten den See, wo Hermione unter einer großen Weide am Ufer Harry entdeckte, der gedankenverloren auf die winzigen Wellen starrte, die sich am Ufer kräuselten. Sie wusste nicht, worüber er nachdachte, aber es konnte nichts Angenehmes sein, da seine Schultern verkrampft nach vorn gezogen und seine Hände zu Fäusten geballt waren. »Harry!«, sprach ihn Hermione vorsichtig an, sobald sie nahe genug herangekommen war, worauf dieser wie ertappt zusammenzuckte und sich herumdrehte. Sein Körper straffte sich augenblicklich, sein Gesicht, das im ersten Moment noch vollkommen düster gewirkt hatte, hellte sich schlagartig auf. Er stürzte auf Hermione zu und zog sie in eine feste Umarmung, sobald er sie greifen konnte.
 
»Himmel, Hermione, wo warst du? Ist alles in Ordnung mit dir?« Er sah besorgt aus.
 
»Ja, mir geht es gut, Harry. Was ist mit dir?«, antwortete Hermione zwar wahrheitsgemäß, allerdings der ersten Frage ausweichend. Sie sah, wie seine sorgenvoll gerunzelte Stirn sich langsam glättete.
 
»Alles in Ordnung.« Doch der Ausdruck in seinen Augen strafte seine Worte Lügen. »Ron und Ginny sind mit den anderen Weasleys in das ‘Safehouse’ ihrer Großtante Muriel zurückgekehrt.«
 
>Aha, das erklärt es<, dachte Hermione. Aber auch sie selbst fühlte einen weiteren Stich. Sie hatte tief in ihrem Inneren trotz allem für ein paar Momente gehofft, dass Ron über seine letzten Worte noch einmal nachgedacht hatte. Doch Hermione wusste aus trauriger Erfahrung, dass Ron wahrscheinlich nicht einmal bemerkt hatte, wie verletzend seine Worte geklungen hatten, und welche Aussage er ohne Worte getroffen hatte.
 
Sie zuckte, äußerlich ungerührt, um weiteren Nachfragen zu entgehen, mit den Schultern. »Sie werden wissen, wie sie am Besten mit dem Tod von Fred umgehen können. Und auch mit der furchtbaren Tatsache, dass Mrs. Weasley …« Sie wagte es nicht, diesen Satz zu vollenden. Diese Erinnerungen waren einfach zu frisch, die Zeit hatte bisher noch nicht ausgereicht, sie zu verarbeiten. Aus diesem Grund wandte sich Hermione lieber einem Thema zu, bei dem sie sich auf gefühlsmäßig sichereres Terrain begab. »Abgesehen davon muss ich sowieso dringend mit dir reden, Harry, und zwar allein, ohne Ron, ohne Ginny.«
 
Harry schaute sie leicht irritiert an. »Was um alles in der Welt ist los?« Hermione wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als ihr Magen laut zu knurren begann. Harry grinste nur. »Hast du schon gefrühstückt? Ich jedenfalls bin am Verhungern. Schließlich haben wir im letzten halben Jahr nicht viel bekommen.«
 
»Nein, hab’ ich nicht. Allerdings glaube ich nicht, dass es eine gute Idee wäre, in die Große Halle zu gehen.« Sie konnte ein Schaudern nur mit Mühe unterdrücken.
 
Auch Harry fühlte sich bei dieser Vorstellung unwohl. Doch dann kam ihm ein Gedanke. »Was, wenn wir hier essen. Und wir können auch beim Essen reden.« Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sich Harry an Kreacher, der immer noch in einiger Entfernung stand. »Kreacher, kannst du uns etwas zu Essen besorgen und hier herausbringen?«
 
Kreachers Gesicht strahlte glücklich auf und unter vielen tiefen Bücklingen, so dass er mit seiner Schnauzennase beinahe den Boden berührte, und einem »Sofort, Master«, dem noch eine weitere, ebenso tiefe Verbeugung folgte, verschwand er eilends mit einem Plopp, um nur wenige Augenblicke später vollbeladen zurückzukehren.
 
Hermione hatte diese Szene mit äußerst widersprüchlichen Gefühlen beobachtet. Einerseits wusste sie, dass ein Hauself ‘seiner’ Familie — oder in diesem Fall seinem Master — unter allen Umständen durch sein Verhalten Respekt zeigen wollte, andererseits war sie die Vorreiterin von S.P.E.W. und dieser Anblick von in ihren Augen kriecherischem Benehmen ließ alles in ihr revoltieren. Doch sie war sich inzwischen darüber im Klaren, dass sie schon vor langer Zeit bei diesem ihr so wichtigen Projekt hoffnungslos gescheitert war. Mit einem stummen Seufzer schluckte sie ihren unausgesprochenen Gedanken herunter.
 
Kreacher breitete unterdessen unter den weit ausladenden Zweigen der Weide eine weiße Tischdecke und eine Liegedecke aus und deckte den imaginären Tisch mit allen vorstellbaren Köstlichkeiten. »Kreacher hofft, dass alles zu Masters Zufriedenheit ist.«
 
Harry nickte überwältigt. »Danke, Kreacher, das ist viel mehr als ich erwartet habe.«
 
Kreacher strahlte bei den Worten seines Masters erneut auf.
 
Die beiden setzten sich unter die Weide und begannen voller Genuss zu essen. Es schien eine Ewigkeit her zu sein, seit sie eine richtige Mahlzeit bekommen hatten, obwohl sie Shell Cottage erst vor wenigen Tagen verlassen hatten. Die letzten zehn Monate waren in vieler Hinsicht traumatisch gewesen. Nicht nur, dass sie oftmals nicht gewusst hatten, woher sie die nächste Mahlzeit nehmen sollten, sie waren psychisch angespannt und immer auf dem Sprung gewesen. Sie alle drei hatten durch die Strapazen nicht nur viel an Gewicht verloren, auch ihr Nervenkostüm hatte schwer gelitten.
 
Harry beobachtete Hermione unter gesenkten Lidern. Ihre Hände, die schon immer schmal mit langen Fingern gewesen waren, waren jetzt geradezu mager. Nun, sie hatten alle Drei lange Zeit nicht genügend zu essen bekommen, aber Hermione schien darunter ganz besonders gelitten zu haben. Unter ihren Augen lagen tiefe Ringe und die Narbe an ihrem Hals, die von den Folterungen durch Bellatrix Lestrange zurückgeblieben war, stach in dem sonst so blassen Teint rot hervor. Wie viele Strapazen hatte seine beste Freundin auf sich genommen, um ihm zu helfen, Voldemort zu vernichten! Sie war diejenige gewesen, auf die er sich in jeder Situation hatte verlassen können, anders als Ron, wie er zugeben musste, der sie beide im Stich gelassen hatte — obwohl er gerade noch im rechten Moment von Reue getrieben zurückgekommen war.
 
Mit einem innerlichen Seufzer wandte er seine Aufmerksamkeit dann ausschließlich seinem Frühstück zu. Nach den ersten Bissen in seinen dick mit Butter bestrichenen und mit vier Lagen Schinken belegten Toast, den er genüsslich kaute und schluckte, schaute Harry jedoch Hermione fragend an. »Worüber wolltest du mit mir reden, Hermione?«
 
Hermione stellte den Teller mit Rührei auf der Tischdecke ab, legte ihre angebissene Scheibe Toast daneben und schaute verlegen auf der Suche nach den richtigen Worten auf ihre Hände. >Das Beste wird sein, wenn ich gleich mit der Sprache herausrücke.< »Professor Snape ist am Leben«, ließ sie die erste Bombe platzen.
 
Harry ließ vor Schreck beinahe seinen Toast fallen. »Waaaas?«
 
»Professor Snape lebt, Harry.«
 
»Das kann nicht sein. Ich habe ihn selbst sterben sehen. Er war tot. Tot
 
Hermione hob ihre Augen und schaute Harry an. »Er war nicht tot, Harry. Er hat noch gelebt, als wir gingen. Glaub’ mir, ich habe mir deshalb schon genug Vorwürfe gemacht. Obwohl ich ihn — genau wie du — für tot gehalten habe, als wir ihn zurückgelassen haben.«
 
Harry sah sie mit offenem Mund an, klappte ihn jedoch zu, als er sich dessen bewusst wurde. »Woher weißt du das?«
 
»Ich bin gestern Nacht aus dem Schloss gerannt, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. All diese Schreie, der Anblick unserer toten Freunde, all das. Ich bin, ohne es bewusst darauf anzulegen, in der Heulenden Hütte gelandet. Dort habe ich ihn gefunden. Er lebte noch, obwohl seine Lebenszeichen sehr schwach waren. Als ich eine Phiole fand und begriff, dass er ein Gegengift geschluckt haben musste, habe ich alles versucht, um ihn am Leben zu halten, damit ich ihn zu Madame Pomfrey bringen konnte und …«
 
»Halt! Stopp! Was heißt … ‘alles’?«, unterbrach Harry sie mit gerunzelter Stirn.
 
Doch Hermione sah nur betreten zu Boden und schwieg.
 
»Ich kenne dich lange genug, Hermione, wenn du so etwas sagst, dann steckt da etwas dahinter, was ich eigentlich gar nicht hören will. Was hast du wirklich getan? Ich will die ganze Geschichte, Hermione!«, setzte Harry eindringlich nach.
 
Oh nein, er wollte es ganz sicher nicht erfahren. Aber in den letzten Monaten hatte er lernen müssen, sich dem Unvermeidlichen zu stellen und seinem Schicksal die Stirn zu bieten. Früher wäre er über ihre Aussage einfach hinweggegangen, entweder, weil er gar nicht so genau zugehört hätte, was sie zu sagen hatte, oder, weil er unangenehme Dinge bequemerweise zu verdrängen pflegte — Hausaufgaben zum Beispiel. Und er glaubte zu wissen, dass er etwas Unwillkommenes in Erfahrung bringen würde. Jetzt jedoch — nach all den Monaten auf der Flucht und seinen Erfahrungen mit Snapes Erinnerungen gestern Nacht — war das anders.
 
»Hermione …?!!!«
 
Hermione schluckte hart. Sie hatte gehofft, dass Harry nicht ganz so aufmerksam sein würde, dass er sich so verhalten würde, wie sie ihn immer gekannt hatte. Aber auch ihn hatte das letzte Jahr verändert; er war erwachsen geworden. Sie wusste in diesem Moment, dass sie es erklären musste, dass sie erzählen musste, welche Maßnahmen sie abgesehen von den Zaubertränken getroffen hatte, wie groß das Wagnis sein würde, das sie eingegangen war. Ein Risiko nicht für sie selbst, sondern für Professor Snape.
 
Sie atmete erst einmal tief durch, um sich ein wenig zu beruhigen und auch, um die richtigen Worte zu finden. »Also gut, Harry, du bekommst die ganze Wahrheit zu hören.« Sie strich sich mit der Hand müde durch die ohnehin verwurschtelten Haare und schaute auf den See. »Du kennst mein kleines Perlentäschchen, in dem ich unser Zelt untergebracht hatte.«
 
Harry nickte bejahend, auch wenn Hermione das nicht sehen konnte.
 
»Ich habe darin alles untergebracht, was ich für nützlich hielt. Da ich nicht wusste, was uns erwarten würde, habe ich damals auch eine ganze Reihe von Zaubertränken eingepackt, die ich mit einem Stasiszauber versehen hatte. Zwei davon, einen Blutbildungstrank und einen Stärkungstrank, habe ich Professor Snape verabreicht, um ihn zu stabilisieren.« Sie hielt inne und blickte jetzt Harry wieder an.
 
In ihren Augen sah Harry jedoch noch etwas anderes. »Das ist nicht alles, oder?«, bohrte er leise nach.
 
»Nein«, antwortete sie ebenso leise. »Ich muss dir noch etwas beichten, Harry. Ich habe am Grimmauldplatz ein Buch aus der Bibliothek der Blacks eingesteckt. Darin waren Zaubersprüche, die uns vielleicht im Kampf gegen V-Voldemort hätten helfen können.« Aus der Innentasche ihrer Roben zog sie ihre kleine Tasche und öffnete sie. »Accio Das magische Begreifen des magisch Unbegreiflichen!« Das Buch flog augenblicklich in ihre Hand und sie reichte es Harry hinüber. Damit würde auch die zweite Bombe ihr Ziel finden.
 
Mit einem leidenden Gesichtsausdruck, so, wie er immer auf ein Buch blickte, in dem er lesen sollte, rang er sich endlich dazu durch, sich in sein Schicksal zu ergeben und den Wälzer zu nehmen; dann schaute er sie fragend an.
 
»Seite 1247, Harry, lies es besser selbst.«
 
Und Harry las.
 
Als er den Kopf wieder hob, war sein Gesicht leichenblass und seine Lippen, die ebenfalls alle Farbe verloren hatten, bebten, so dass er kaum die Worte formulieren konnte. »Merlin, Hermione, was hast du gemacht? Das kann nicht dein Ernst sein. Das hast du nicht wirklich getan, oder?«
 
»Es war die einzige Möglichkeit«, flüsterte sie.
 
Harry musste sich nach vorn beugen, um ihre Antwort überhaupt verstehen zu können. Dabei klappte das Buch zu und rutschte von seinem Schoß.
 
»Ich konnte nicht zulassen, dass er wirklich stirbt. Die Zaubertränke allein haben nicht ausgereicht. Er starb mir regelrecht unter den Händen weg. Sollte ich einfach zusehen?« Ihre Stimme wurde lauter und lauter. »Wir haben schon so viele verloren, Fred, Remus, Tonks, Colin und so viele andere, ich konnte es nicht ertragen, noch jemanden zu verlieren, nur weil ich vielleicht nicht bereit bin, ein Risiko einzugehen.«
 
»Risiko? Hast du Risiko gesagt? Er wird dich umbringen, wenn er das herausfindet. Es ist Snape! Snape! Kein Schoßhündchen!« Auch seine Stimme wurde lauter. »Wieso bist du überhaupt auf die Idee gekommen, diesen Zauberspruch zu lernen?«
 
»Professor Snape, Harry«, antwortete Hermione vorwurfsvoll. >Er wird es nie lernen<, dachte sie resignierend. »Und — ich weiß, mit wem ich es zu tun habe. Das brauchst du mir nicht zu erklären.« Erst jetzt bemerkte Hermione, dass sie angefangen hatte, sich mit Harry zu streiten und senkte ihre Stimme. »Um deine Frage zu beantworten: Ich habe den Zauberspruch bewusst gelernt, um im Notfall gegen V-Voldemort eine letzte Möglichkeit zu haben, dein Leben zu retten.«
 
Harry vergrub bis in die Grundfesten erschüttert seinen Kopf in seinen Händen. Was seine langjährige beste Freundin getan hatte, überstieg alles, was er sich jemals hätte vorstellen können. Er hatte immer gewusst, dass in Hermione mehr schlummerte, als er erfassen konnte, aber er hatte niemals geahnt, wie weit sie gehen würde, um ihre Freunde zu schützen — um Voldemort zu vernichten.
 
Obwohl, wenn er darüber nachdachte:Dies war die einzig mögliche Konsequenz gewesen. Hermione war ein absolut logischer Mensch, und sie war muggelgeboren. Sie hatte sich mit genau dieser Logik klar gemacht, was mit ihr und all den anderen Muggelgeborenen geschehen würde, wenn Voldemort wirklich an die Macht käme. Hatten andere Muggelgeborene vielleicht noch irgendeine Chance auf ein Überleben unter der Herrschaft eines von Voldemort geführten Terrorregimes, so gab es für Hermione keine Aussicht. Sie würde — wenn sie Glück hatte — sterben, schon allein deshalb, weil sie die beste Freundin von Harry Potter war. Über das, was hätte geschehen können, wenn sie kein Glück hatte, wollte Harry gar nicht erst nachdenken.
 
»Es tut mir leid, Hermione«, sagte Harry, entsetzt über seine eigene Dummheit. »Es tut mir so furchtbar leid. Ich hätte niemals so reagieren dürfen.« Er beugte sich hinüber, zog sie in seine Arme und wiegte sie wie ein Kind.
 
Hermione weinte nicht, aber die Umarmung tat ihr trotzdem unheimlich gut. Sie hatte so ein unbestimmtes Gefühl, dass Harry gerade eben die logischen Schlussfolgerungen gezogen hatte, die sie selbst schon vor über einem Jahr hatte ziehen müssen. Er schien zu verstehen, warum sie einige Dinge so entschieden hatte, wie sie es getan hatte.
 
Ihre Stimme klang gedämpft, als sie weitersprach. »Ist schon gut, Harry. Ich verstehe dich, aber ich weiß, worauf ich mich eingelassen habe. Trotzdem, danke, dass du dir Sorgen machst.«
 
»Du bist meineFreundin und engste Vertraute; da ist dasdoch das Mindeste.« Er ließ sie los, richtete sich wieder auf und warf ihr noch einen langen, nachdenklichen Blick zu. Dann begann er endlich weiter zu essen. Auch Hermione nahm ihren Teller wieder hoch und stocherte in ihrem jetzt kalten Rührei herum.
 
Sie lächelte schief, auch wenn er das nicht sah. »Er ist im Krankenflügel bei Madame Pomfrey. Sie weiß zwar, dass ich ihn zu ihr gebracht habe, allerdings hat sie keine Kenntnis davon, dass ich diesen Zauberspruch auf ihn geworfen habe. Ich habe ihr außerdem das Versprechen abgenommen, dass sie ihm nicht sagt, wer ihn gerettet hat.«
 
Harry schüttelte nur seinen Kopf. Skepsis verdüsterte sein Gesicht. »Und du glaubst, dass das funktioniert? Er ist verdammt clever, sonst hätte er nicht zwanzig Jahre lang Voldemort ausspionieren können. Ich würde mich nicht unbedingt darauf verlassen, dass er es nicht von allein herausbekommt.«
 
Hermione zuckte mit den Schultern. »Ich hoffe es zumindest. Andererseits, ich kann es nicht mehr ändern, egal was geschieht. Wie dem auch sei, es gibt noch ein weiteres Problem«, erklärte sie angespannt.
 
Harry verdrehte die Augen. »Warum habe ich eigentlich angenommen, dass mit der Vernichtung von Voldemort die ganze Geschichte ein Ende hat?«
 
»He, Ironie steht dir nicht.« Sie zog ihn spielerisch am Ohr. »Nein, mal im Ernst. Was glaubst du, was passieren wird, wenn das Ministerium davon erfährt, dass Professor Snape noch am Leben ist?« Hermione allein wusste, wie viel für sie von dieser Antwort abhing. Sie versuchte, ihren Gesichtsausdruck so neutral wie möglich zu halten.
 
In Harrys Gesicht begann es zu arbeiten. Er öffnete und schloss seinen Mund mehrmals hintereinander. Hermione konnte regelrecht hören, wie sein Gehirn bei dieser Vorstellung zu rattern begann. »Um Himmels willen, nicht Azkaban, alles, nur nicht Azkaban!«, keuchte er letztendlich.
 
Hermione fühlte, wie ihr ein Stein vom Herzen fiel. Harry hatte, wie sie es insgeheim erhofft hatte, seine Meinung über Severus Snape wirklich revidiert. Die wenigen Erinnerungen, die er gesehen hatte, hatten für ihn Professor Snape in einem anderen Licht erscheinen lassen. »Bist du ebenfalls der Meinung, dass wir ein Problem haben?«
 
»Oh ja. Hast du schon einen Plan?«
 
»Ich habe mit Madame Pomfrey gesprochen. Sie hatte die Idee, Kingsley Shacklebolt zu unserem Verbündeten zu machen. Er hat die besten Beziehungen ins Ministerium. Wer weiß, wer der nächste Zaubereiminister wird. So ungern ich dies auch zugebe, wir müssen bereits jetzt damit beginnen, die Denkweise und die Überzeugungen des Ministeriums und der Öffentlichkeit im Sinne von Professor Snape zu manipulieren. Ich möchte es nicht einfach darauf ankommen lassen. Shacklebolt könnte dabei eine entscheidende Rolle spielen.«
 
Harry hatte während Hermiones Ausführungen immer wieder genickt. »Aber weder du noch ich haben ein enges Verhältnis zu Shacklebolt«, gab er zu bedenken.
 
»Nein, aber Professor Dumbledore.« Sie sah Harry erwartungsvoll an.
 
»Na toll, aber Dumbledore ist nur ein Portrait.«
 
»Und dieses Portrait hängt im Büro des Schulleiters, oder, ich nehme an, jetzt, im Büro der Schulleiterin, und … im Ministerium«, gab sie triumphierend zurück.
 
Harry riss die Augen auf. »Du hast Recht, er hat dafür gesorgt, dass er auch im Ministerium präsent ist. Wenn — ja, wenn Voldemorts Todesser nicht etwas dagegen unternommen haben. Aber, wie willst du überhaupt da hineinkommen?«
 
»Madame Pomfrey hat mir angeboten, das Flohnetz ins Büro zu öffnen.« Sie schaute ihn spitzbübisch an.
 
Harry schüttelte nur noch ungläubig den Kopf. »Du hast auch an alles gedacht, oder?«
 
»Was bleibt mir denn übrig, ich muss doch für euch beide mitdenken.« Sie seufzte theatralisch, lächelte dabei jedoch. Im selben Augenblick allerdings verlor sich dieses Lächeln, und sie wurde vollkommen ernst. Diese wenigen Worte, die sie so flapsig ausgesprochen hatte, erinnerten sie mit Gewalt wieder an Ron. Hermione war sich darüber klar, dass ihr eine harte Auseinandersetzung mit ihm bevorstand. Anders als bei Harry hatte sie bei Ron die Vermutung, dass dieser seine Meinung über Professor Snape nicht verändert hatte. Sie befürchtete, dass er für ihn die übergroße Fledermaus aus den Kerkern war und auch blieb.
 
Harry bemerkte ihren Stimmungsumschwung sofort. Er ahnte, was sie bewegte. »Was wirst du Ron sagen?«
 
»Erst einmal wahrscheinlich nichts«, antwortete sie gedankenverloren. »Ich will erst einmal sehen, wie er darauf reagiert, wenn er erfährt, dass Professor Snape am Leben ist. Dann werde ich mich entscheiden, was ich zu tun habe. Aber lassen wir Ron ‘mal beiseite. Er ist sowieso nicht hier. Kommst du mit zu Professor Dumbledore?«
 
>Sie klingt irgendwie verbittert<, dachte Harry. >Verdammt, Kumpel, da wirst du Probleme bekommen.< Laut sagte er: »Natürlich komme ich mit.«
 
Hermione hob den Kopf und schaute ihn offen, aber sehr eindringlich an. »Ich muss dich warnen, Harry. Es wird dir wahrscheinlich nicht gefallen. Ich hatte im letzten Jahr trotz allem ziemlich viel Zeit zum Nachdenken, und ich bin mir absolut sicher, dass mir Dumbledore mehr als ein paar Erklärungen und Rechtfertigungen schuldet.«
 
Harry war darüber verunsichert, wovon Hermione wirklich sprach, aber die Entschlossenheit in ihren Augen ließ für ihn keinen Zweifel aufkommen, dass Hermione ihre Warnung ernst meinte. »Ich komme mit«, antwortete er fest. »Aber erst will ich zu Ende essen.«
 
Hermione verdrehte die Augen, zuckte jedoch erschrocken zusammen, als neben ihr ein Plopp ertönte. Eine der Hauselfen von Hogwarts war direkt neben ihr appariert. Mit einer tiefen Verbeugung erklärte sie: »Madame Pomfrey schickt Tripsy. Sie bittet Miss Granger, sofort in den Krankenflügel zu kommen.«
 
»Was ist passiert?« Hermione war kreidebleich geworden. Ihr Herz schlug vor Angst bis zum Hals. War eine unerwartete Komplikation eingetreten? Sollten all ihre Anstrengungen wirklich umsonst gewesen sein? War Professor Snape dabei, den Kampf um sein Leben zu verlieren, obwohl sie über ihre eigene Grenze weit hinausgegangen war, um ihn zu retten?
 
»Madame hat Tripsy nur aufgetragen, Miss Granger zu suchen und sie sofort in den Krankenflügel zu schicken. Madame hat Tripsy keinen Grund dafür genannt«, antwortete die kleine Elfe entschuldigend.
 
Im nächsten Augenblick sprang Hermione auf und rannte in Richtung Schloss. Harry folgte ihr, ohne auch nur einen letzten Gedanken an das abgebrochene Frühstück zu verschwenden. >Snape.<
 
 
 
Fortsetzung folgt ...
 
  Besucher: 1 Besucher (9 Hits)  
 
=> Willst du auch eine kostenlose Homepage? Dann klicke hier! <=