AleaThoron
   
  FairyCat's Potions and Passions
  Kapitel 20 — Träume und Alpträume
 
DISCLAIMER: Ich verdiene kein Geld damit, habe jedoch genau den unglaublichen Spaß, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Alle agierenden Personen gehören JKR. Ich habe sie mir heimlich ausgeborgt, verspreche aber, gut auf sie aufzupassen und sie wohlbehalten und an Erfahrungen reicher und gereifter wieder zurückzugeben.
 
Beta: Deep Water — Mein ganz spezieller Dank gilt meinem Beta, der eigentlich mein Vater ist, und der es sich trotz seiner schweren Krankheit nicht nehmen ließ, mein erster Kritiker zu sein.
 
 
Coniunctio perpetuaby Alea Thoron
 
 
Kapitel 20 — Träume und Alpträume
 
Er hatte sich für seine Verhältnisse früh zurückgezogen, allerdings nicht, ohne noch einmal nach Hermione zu schauen. Sie hatte zum Glück fest geschlafen, als er leise die Tür geöffnet und sich regelrecht zu ihrem Bett hinübergeschlichen hatte. Er wusste, er sollte nicht hier sein — er hatteeigentlichüberhaupt kein Recht hier zu sein. Doch das immer stärker werdende Bedürfnis, sich selbst noch einmal davon zu überzeugen, dass es ihr wirklich wieder gut ging, war stärker als seine normalerweise so gestählte Willenskraft. Letztendlich war sein inneres Verlangen übermächtig geworden, bis er sich zuletzt sich selbst geschlagen gegeben und vor seiner Sehnsucht kapituliert hatte.
 
Hermione schlief tief und fest. Severus konnte nur vermuten, dass Poppy ihr mit einiger Überredungskunst wirklich ein paar Tropfen des purpurnen Trankes hatte einflößen können, den sie vorhin in Hermiones kleiner Handtasche entdeckt hatte. Nun, das war gut so, auf diese Art würde sie die furchtbaren Geschehnisse dieses Abends besser verarbeiten können.
 
Als er sich umgedreht hatte und zur Tür gegangen war, um das Schlafzimmer leise zu verlassen, hatte plötzlich Poppy vor ihm gestanden. Er war abrupt stehengeblieben, vollkommen bestürzt darüber, dass ausgerechnet sie ihn hier erwischt hatte, doch sie hatte nur den Finger auf die Lippen gelegt, um ihm zu bedeuten, dass er still sein solle. Poppy war ihm wie ein Schatten in sein Schlafzimmer gefolgt und hatte es sich in einem der Sessel am Fenster bequem gemacht. Es schien, als ob sie sich auf eine längere Verweildauer einrichten würde. Und er war sich absolut sicher, dass sie mit ihm nicht über das Wetter reden wollte. Da er schon vor langer Zeit gelernt hatte, dass Angriff die beste Verteidigung war, ergriff er die Flucht nach vorn.
 
»Nun?«, schnappte er. »Bist du jetzt endlich zufrieden?«
 
Ihr sentimentales Lächeln verhieß in seinen Augen nichts Gutes. »Nein, mein Junge. Wirklich zufrieden würde ich erst an dem Tag sein, an dem ich euch beide in einer Handfasting-Zeremonie verbunden sehe.«
 
Dieses Mal half auch jahrelanges Training nichts mehr: Sein Mund klappte auf, doch so sehr er sich auch dazu zu zwingen versuchte, es kam nicht ein Ton heraus. Niemals zuvor war er dermaßen sprachlos gewesen. Er schaute sie an, als könne er nicht glauben, was er gerade von der Frau, die für ihn wie eine Mutter war — und seine langjährige Vertraute — gehört hatte. Dies war einfach zu viel.
 
Endlich fand er seine Sprache wieder, um dann nur um so lauter zu knurren: »Bist du wahnsinnig, Poppy? Was, bitte, soll ich mit einem kleinen Mädchen?«
 
»Kleines Mädchen? Severus, mach die Augen auf, verdammt!« Poppy war aufgesprungen und stemmte ehrlich entrüstet die Hände in ihre Seiten. »Dieses ‘kleine Mädchen’, wie du sie nennst, ist die wohl brillanteste Hexe unseres Jahrhunderts und außerdem erwachsen. Sie hat ein Jahr auf der Flucht vor Voldemort überlebt. Ich habe sie nach der Schlacht um Hogwarts gesehen — das war kein ‘kleines Mädchen’, Severus! Dieser Ausdruck in ihren Augen …«
 
Dieses Mal brauste er auf. »Ich habe Augen im Kopf, Poppy! Mir ist vollkommen klar, dass sie kein kleines Kind mehr ist. Dieses letzte Jahr ist an uns allen nicht spurlos vorübergegangen. Ich weiß nicht viel darüber, was ihr in dieser Zeit zugestoßen ist, aber …« Er konnte nicht weitersprechen, da ihm die Erinnerung an die vagen Beschreibungen, die er sporadisch von Phineas Nigellus Blacks Portrait erhalten hatte, die Kehle zuschnürte. Die letzten Worte hatte er deshalb nur flüsternd herausgebracht, doch dann räusperte er sich, um — wie er hoffte — in relativ normalem Tonfall fortzufahren: »Sie mussten alle viel zu schnell erwachsen werden. Und trotzdem! Sie ist nur halb so alt wie ich, sie war meine Schülerin …«
 
»Ja, und?«, unterbrach sie ihn. »Das ist doch nicht wirklich der Punkt, Severus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass einer von euch beiden irgendetwas davon als Problem oder gar Hinderungsgrund sehen würde.« Poppy schüttelte allein bei dem Gedanken daran vehement den Kopf. »Halte mich bitte nicht für völlig naiv. Komm schon, warum wehrst du dich wirklich gegen die Vorstellung an eine engere Beziehung zu ihr?«
 
Immer noch stand er mit dem Rücken zu ihr, da er hoffte, dass ihr auf diese Weise die wechselnden Gefühle in seinem Gesicht verborgen blieben. Hatte er wirklich geglaubt, sie auch nur einen Augenblick täuschen zu können? Sie hatte schon immer in ihm lesen können wie in einem offenen Buch. Und in den letzten Stunden war dies wohl auch nicht allzu schwer gewesen. Er seufzte innerlich, da er begriff, dass nun jeder Fluchtweg versperrt war. »Du weißt ganz genau, wie ich zu anderen Menschen stehe oder — besser gesagt — sie zu mir. Du kennst meinen Ruf. Ich bin nur ein Monster …«
 
Poppy packte ihn hart am Arm und drehte ihn zu sich herum. »Jetzt ist es aber wirklich genug, Severus! Du bist kein Monster! Du bist ein Kriegsheld! Ich will so etwas nie wieder von dir hören! Und Hermione würde dir für solche Reden das Fell über die Ohren ziehen. Vielleicht solltest du sie selbst einmal fragen, ob es sie interessiert, was andere Menschen von dir halten. Sie mag dich — wenn du mich fragst sogar sehr — und ich denke, dass du das ganz genau weißt.« Sie war jetzt richtig wütend.
 
Severus riss sich los, ging zum Fenster, und starrte hinaus in die Dunkelheit. »Du verstehst nicht! Was glaubst du, wird geschehen, wenn sie sich wirklich mit mir, einem Ex-Todesser, einlassen würde. Wie lange würde es deiner Meinung nach dauern, bis man sie unter Beschuss nehmen und gegen sie zu Felde ziehen wird oder sogar noch schlimmeres geschieht.« Er stützte sich schwer auf den Fenstersims ab.
 
Sie warf einen langen Blick auf seine sich gequält am Fenster abstützende Gestalt. Langsam ging Poppy zu ihm hinüber und tat dann etwas, was sie sich seit Jahren nicht mehr getraut hatte zu tun: Sie schloss ihn von hinten sanft in die Arme und drückte ihn an sich, als wäre er immer noch ein kleiner Junge. »Merlin, Severus, du musst nicht alles immer so pessimistisch sehen, Junge. Warum willst du Hermione nicht selbst entscheiden lassen, ob sie bereit ist, dieses Risiko einzugehen oder nicht? Und ich glaube sogar, dass sie die Entscheidung unbewusst längst getroffen hat.«
 
Er drehte sich herum und sah sie mit hochgezogener Augenbraue fragend an. »Wie meinst du das, Poppy?«
 
Sie ließ ihn los. »Ich habe mit ihr gesprochen, Severus. Sie ist im Moment ziemlich durcheinander, was wohl in Anbetracht der Umstände auch kein Wunder ist. Doch was ich heraushören und während unserer Unterhaltung sehen konnte, hat mich davon überzeugt, dass sie sehr viel für dich empfindet. Wenn ich mich nicht allzu sehr täusche, dann hat sie schon vor einer Weile damit begonnen, ihre Gefühle zu hinterfragen. Abgesehen davon — sich vor einen anderen Menschen zu werfen, um den Fluch, der für ihn bestimmt ist, mit dem eigenen Körper abzufangen — so etwas tut man nur, wenn man den Anderen um keinen Preis verlieren will.« Sie versuchte, den Blick seiner schwarzen Augen einzufangen, doch er drehte den Kopf ab, als ob er dies ahnte und ihr keinesfalls die Gelegenheit geben wollte, darin zu lesen.
 
»Nun, dann habe ich möglicherweise die Aussicht auf ein paar interessante Gespräche unter Freunden, Poppy, aber es wird niemals eine Vermählung nach magischem Brauch oder auch nur auf Muggelart geben«, antwortete er lahm. Er wollte nichts davon hören, wollte sich keine Hoffnungen machen, die dann doch nur wie Seifenblasen zerplatzen würden.
 
Genau zu diesem Ergebnis schien auch Poppy gerade gekommen zu sein, wie ihre nächsten Worte bewiesen. »Du willst es gar nicht sehen, oder?« In ihrer Stimme schwang die gesamte Enttäuschung mit, die sie in diesem Moment empfand und sie presste für einen Augenblick frustriert die Lippen zusammen.
 
Er drehte sich so furios herum, dass seine Roben wie in Hogwarts um seinen Körper wirbelten und funkelte sie nun herausfordernd an, als wolle er sie provozieren. »Was glaubst du eigentlich? Nein! Ich! Will! Es! Nicht! Sehen! Und — was auch immer du gesehen haben willst, vergiss es einfach! Hör endlich auf, mir damit in den Ohren zu liegen. Das ist dein Wunschtraum, nicht meiner. Ich bin nicht bereit, mit dir weiter darüber zu diskutieren und meine Zeit zu verschwenden.«
 
Poppy ließ ernüchtert die Schultern hängen. Sie wusste aus langjähriger Erfahrung im Umgang mit ihm, dass mit ihm in diesem Zustand kein vernünftiges Gespräch mehr zu führen war. Ein paar Minuten später zog eine nicht gerade glückliche Poppy von dannen, nicht ohne jedoch noch einen ihrer gefürchteten wissenden Blicke auf ihn abzuschießen. Er entledigte sich seiner Roben und auch seiner Drachenlederstiefel, legte sich, so wie er war, auf das Bett und verschränkte die Arme unter dem Kopf.
 
Wie hatte er nur das Offensichtliche offensichtlich werden lassen können, wie hatte er in der Öffentlichkeit solch ein Benehmen an den Tag legen können? Er hatte sich nach dem Angriff einen Teufel darum geschert, welches Bild er in den Augen der Anderen abgab. Blitzschnell hatte er seinen Zauberstab aus Hermiones Robe gerissen, hatte augenblicklich damit begonnen, den Gegenfluch zu singen. Die Blutbäche, die aus den Wunden rannen, das röchelnde Geräusch ihres Atems, Poppy, die plötzlich an seiner Seite auftauchte und die stärksten Heilsprüche warf, die sie kannte — das alles verschmolz zu einer einzigen verschwommenen Erinnerung, wurde zu einer Einheit und rückte dann bei seinem eigenen verbissenen Kampf um ihr Leben in den Hintergrund.
 
Ihn, der normalerweise seine Geheimisse hütete wie seinen Augapfel, hatte es nicht im Geringsten interessiert, dass die Umstehenden sehen konnten, dass Angst und Verzweiflung ihn trieben. Wie viel seiner offenkundigen Gefühle von ihnen mit der wirklichen Ursache in Übereinstimmung gebracht worden war, konnte er nicht genau sagen. Die meisten Anwesenden waren vermutlich davon ausgegangen, dass er sich um Hermione kümmerte, weil sie seine ehemalige Schülerin war und er Schuldgefühle wegen der Tatsache empfand, dass der schwarzmagische Fluch, der ihn hätte treffen sollen und doch sie getroffen hatte, von ihm selbst entwickelt worden war, wie alle nur zu gut wussten.
 
Doch die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Keine einzige Sekunde seines verzweifelten Kampfes hatte mit dem von ihm geschaffenen Dunklen Fluch, dessen Opfer sie anstelle von ihm geworden war, zu tun, geschweige denn mit eventuellen Schuldgefühlen oder dem Coniunctio perpetua, der sie beide verband. Nein, der wahre Grund dafür war in seinen Augen sehr viel verwerflicher: Er fühlte sich zu ihr hingezogen, auch wenn er dies nicht einmal unter den schrecklichsten Folterungen durch Voldemort vor einem anderen Menschen zugegeben hätte. Erst in diesem furchtbaren Moment, im Angesicht des Todes, als er auf dem Boden kniete und einen aufgrund der Schwere der Verletzungen beinahe aussichtslosen Kampf um ihr Leben führte, konnte er es wenigstens vor sich selbst zugeben, dass — wenn sie sterben würde — sein Leben einen großen Teil des Sinnes verlieren würde.
 
Und genau deswegen machte er sich selbst Vorwürfe, hielt seine Motivation für unmoralisch. Er konnte nicht wegdiskutieren, dass sie seine ehemalige Schülerin war, nur halb so alt war wie er und das Leben noch vor sich hatte. Es würde ein Leben im gleißenden Licht der Öffentlichkeit sein und ohne die mächtigen Schatten einer dunklen Vergangenheit, die ihn ohne Zweifel sein gesamtes weiteres Leben begleiten würden. Selbst wenn er nicht zu einer langjährigen Haftstrafe in Azkaban verurteilt werden würde — womit er im Moment wohl kaum rechnen durfte — so würde die noch so leise Andeutung irgendeiner Art von Beziehung zwischen ihnen, und sei es sogar nur eine Geschäftsbeziehung, sofort dazu führen, dass nicht nur ihr hervorragender Ruf darunter leiden würde, sondern sie vielleicht sogar in Lebensgefahr geriet. Niemals würde er ihr das antun können.
 
Abgesehen davon würde eine solch bezaubernde und brillante Hexe wie sie sich niemals auf einen Ex-Todesser und Ex-Spion einlassen. Er war weder gutaussehend, noch hatte er den Ruf, besonders umgänglich oder gar freundlich zu sein — was er ihr als Lehrer wohl nur zu eindeutig bewiesen hatte — noch war er in irgendeiner Form für ein weibliches Wesen anziehend. Lily hatte eine Ausnahme gebildet, und bis zum heutigen Tag hatte er nicht herausgefunden, was sie an ihm gefunden hatte. Er hatte einer Frau nichts zu bieten, außer seinem brillanten Geist.
 
Das Einzige, was ihm in der Zukunft bleiben würde, war Bewunderung aus der Ferne.
 
Er zog die Arme unter seinem Kopf hervor und ließ ihn dann schwer in die Kissen zurücksinken. Es war müßig, sich darüber Gedanken zu machen. Nur ein Wunschtraum, nichts, was irgendwann Wahrheit werden konnte. Und wann hatte es sich ein Severus Snape zuletzt erlaubt, irgendwelchen Träumen nachzujagen!
 
Ungewollt kamen die Bilder zurück, eine Erinnerung, die er nur zu gern ausgeblendet hätte und die sich trotz aller Versuche nicht vertreiben ließ. Es war kurz vor seinem siebzehnten Geburtstag gewesen, als er zum letzten Mal geglaubt hatte, dass er sich einen Traum erfüllt hatte.
 
Flashback
 
Severus war für die Winterferien aus Hogwarts nach Hause gekommen. Schon als sie ihn vom Bahnhof Kings Cross abgeholt hatte, hatte seine Mutter ihn an der Schulter zurückgehalten und gewarnt, dass die Laune seines Vaters noch miserabler war als üblicherweise. Sie hatte leider nicht übertrieben. Sein Muggel-Vater hatte Streit gesucht, wie er in dem Moment feststellen musste, als er das heruntergekommene Haus betreten hatte. Zu der ersten verbalen Auseinandersetzung war es bereits kurz nach seiner Ankunft in Spinner’s End gekommen.
 
Er hatte am nächsten Morgen, dem Tag vor Heiligabend, so schnell wie möglich sein Elternhaus verlassen, nicht jedoch, ohne mit seiner Mutter in der Küche zu frühstücken, während sein Vater stockbetrunken in seinem Bett gelegen hatte. Den gesamten Tag hatte er damit zugebracht, ziellos durch die Gegend zu streifen, wobei er es tunlichst vermied, dem Haus der Evans zu nahe zu kommen. Seine eigenen Hausgenossen in Slytherin hatten sich beinahe gegenseitig damit überboten, ihm süffisant grinsend unter die Nase zu reiben, dass James Potter dort Weihnachten verbringen würde. Es war ein offenes Geheimnis in Hogwarts, dass Lily und sein Erzrivale planten, sich am ersten Weihnachtstag zu verloben.
 
Doch schon da hatte Severus wenig Glück gehabt. Ausgerechnet Petunia, missmutig und schlecht gelaunt wie immer, war ihm über den Weg gelaufen. Sie hatte ihn von oben bis unten abfällig gemustert, so dass er sich wie eine Kakerlake unter dem Mikroskop fühlte. Dann jedoch hatte sie etwas gesagt, was er niemals vergessen hatte. »Ich habe dich niemals gemocht, Severus, und ich werde dich niemals mögen, doch gegen dieses schleimige arrogante Potter-Bürschchen, dessen Zunge fast auf dem Boden schleift, wenn er meine ach so tolle Schwester auch nur aus der Ferne sieht, bist du nicht mit Gold aufzuwiegen.«
 
Ihr Gesicht hatte sich voller Abscheu verzerrt, als sie über ihren zukünftigen Schwager sprach. Erneut schaute sie ihn an, als wäre Severus nur ein lästiges Insekt. »Dummer Narr! Du hättest sie haben können!«, fauchte sie, drehte sich um und ging. Wenigstens war sie so gnädig gewesen, ihm einen ihrer verächtlichen Kommentare zu seinem schmuddeligen und ärmlichen Äußeren oder der anstehenden Verlobung zu ersparen. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass der heutige Tag sein bisheriges Leben, wie er es gekannt und seit frühester Kindheit gehasst hatte, für immer verändern würde.
 
An diesem Abend waren die schrecklichsten Befürchtungen, die er schon seit vielen Jahren hegte, allerdings tief in sich verborgen hatte, Wirklichkeit geworden — das Schicksal in Gestalt seines grausamen Muggel-Vaters hatte seinen langen Arm ausgestreckt und mit brutaler Gewalt zugeschlagen. Severus hatte immer gewusst, dass seine Mutter, solange er selbst in Hogwarts war, schutzlos den Attacken seines brutalen Vaters ausgeliefert war. Als Severus an diesem Abend nach Hause kam, war seine geliebte Mutter tot, sein abscheulicher Muggel-Vater, der Mörder seiner Mutter, auf der Flucht vor der Muggel-Polizei, und Poppy Pomfrey, der einzige Mensch, dem er außer seiner Mutter und ehemals Lily jemals vertraut hatte, weit weg in Hogwarts.
 
Da er erst in zweieinhalb Wochen volljährig werden würde und aus diesem Grund außerhalb von Hogwarts nicht zaubern durfte und Apparieren somit ausgeschlossen war, hatte er das Auto seines Vaters genommen, das noch immer vor der Tür stand und das dieser Bastard in seinem volltrunkenen Zustand wohl nicht mehr hatte starten können, und war Hals über Kopf nach Malfoy Manor geflohen. Er hatte Lucius Einladung, Weihnachten dort zu verbringen, angenommen und nicht nur diese.
 
Nun war niemand mehr da, ihm seine hochfliegenden Zukunftspläne auszureden. Seine Mutter, die zwar selbst reinblütig gewesen, jedoch wegen ihrer Heirat mit einem Muggel von ihrer Familie verstoßen worden war, hatte ihn all die Jahre vor Voldemort und seinen Anhängern gewarnt. Sie hatte die Gewalt und den Hass verabscheut, mit der die Todesser gegen ihre Widersacher vorgingen, war eine entschiedene Gegnerin der von ihnen propagierten Anschauungen gewesen. Obwohl sie selbst Dunkle Magie praktizierte und auch ihrem Sohn schon früh vieles davon mit gutem Gewissen nahegebracht hatte, war sie — anders als ihre eigenen Eltern — niemals den Versprechungen Voldemorts erlegen, sondern hatte ihren Sohn immer davor zu bewahren versucht.
 
Und auch Lily war durch seine eigene Schuld aus seinem Leben verschwunden.
 
Doch der Einfluss der Familie Malfoy war stark und nun auch ungeniert. Noch vor dem Ende des alten Jahres hatte Severus alle jemals in seine Richtung ausgesprochenen Warnungen aus seinem Bewusstsein verbannt und war Lucius gefolgt, der ihn in den Kreis der Todesser einführte. Diese Aufnahmezeremonie, die sich für Severus als unerwartet grausam herausstellte, und die gleichzeitig auch seine erste Begegnung mit Voldemort war, war die körperlich schmerzhafteste Erfahrung seines siebzehnjährigen Lebens gewesen, an die ihn das Dunkle Mal auf seinem linken Unterarm für immer erinnern würde.
 
Flashback Ende
 
Severus drehte sich im Bett ächzend auf die Seite und versuchte krampfhaft, seinen Geist vor den Erinnerungen zu verschließen, was ihm jedoch nur in Ansätzen gelang. Zu heftig waren die lange aufgestauten Gefühle über ihn hereingebrochen. Für einen kurzen Moment glaubte er, wieder Naginis Giftzähne in seinem Nacken zu spüren und zuckte unter einem kurzen, heftigen Schmerz zusammen. Wie hatte er nur so dumm sein können.
 
Da er jetzt damit begonnen hatte, ehrlich zu sich selbst zu sein, konnte er als Entschuldigung für seine damalige Dummheit nicht einzig und allein den mörderischen Hass auf seinen Muggel-Vater anführen. Es gab keinerlei Rechtfertigung dafür, auch nicht sein eigenes Ego. Er hatte damals ganz fest darauf vertraut, dass er im Kreise der Todesser das Ansehen, den Respekt und die Anerkennung erhalten würde, die ihm die restliche magische Welt in seinen eigenen Augen immer versagt hatte. Und ja — er hatte sehr schnell einen rasanten Aufstieg in den Inneren Zirkel Voldemorts geschafft, nicht zuletzt wegen seiner langjährigen Freundschaft zu Lucius und seiner unglaublichen Fähigkeiten als ‘Giftmischer’, die sein Master sehr schnell zu schätzen gelernt hatte.
 
Doch was er wirklich in dieser Gemeinschaft vorfand, waren Menschen, die sich nicht als Menschen, sondern als grauenvolle Monster gebärdeten. Zwar durfte er nun seine favorisierte Dunkle Magie nicht nur lernen, sondern auch anwenden, aber die geäußerten Anschauungen und die unaussprechbaren Grausamkeiten, die er nicht nur als unbeteiligter Zuschauer miterleben musste, waren nicht der Zweck, warum er das Dunkle Mal genommen hatte, sondern stießen ihn ab und ließen ihn sich selbst verabscheuen und zuletzt hassen. Seine schlimmsten Alpträume in unzähligen Nächten handelten davon, dass eine gefolterte Muggelgeborene, die verkrümmt vor ihm auf dem Boden lag, Lilys Gesicht trug und ihn mit Lilys Augen ansah.
 
Er hatte geglaubt, sich einen Traum zu erfüllen. Heute wusste er, dass er sich niemals in seinem ganzen Leben folgenschwerergeirrt hatte. Er war sehenden Auges in sein Verderben gerannt. Es hatte sich als ein Alptraum ohne Ende entpuppt und war doch erst der Beginn einer mehr als zwanzigjährigen Hölle gewesen.
 
Severus seufzte schwer. Diese düsteren Gedanken würden ihm nicht dabei helfen, zur Ruhe zu kommen. Und doch war Ruhe jetzt das, was er am meisten brauchte. Er benötigte am Morgen einen klaren Kopf, da er es nicht nur den anderen überlassen sollte, eine Verteidigungsstrategie auszuarbeiten. Auch wenn seine Hoffnung nicht allzu groß war, als freier Mann leben zu dürfen, so wollte er dennoch nicht den Anschein erwecken, dass er einfach so aufgab. Das Einzige, was er deshalb tun konnte, war, jetzt endlich zu schlafen, um Kraft für den demnächst anstehenden Kampf zu sammeln, den Kampf um seine Zukunft.
 
Gerade als er noch einmal aufstand, um sich endgültig für die Nacht zurechtzumachen, ertönte ein leises, recht zaghaftes Klopfen an seiner Schlafzimmertür. Er zog seinen Zauberstab, versuchte, so gut wie möglich Deckung zu finden und ließ die Tür mit einem Ruck aufspringen, so dass sie gegen die Wand knallte. Obwohl er mit vielem — einschließlich eines Angriffes — gerechnet hatte, war die Identität seines nächtlichen Besuchers eine enorme Überraschung für ihn.
 
»Ich habe hier etwas, das Ihnen gehört, Professor.« Die Stimme des Jungen-der-Voldemort-zweimal-überlebt-hatte klang ruhig und gelassen, als hätte er eine derartige ‘Begrüßung’ erwartet. Harry Potter machte einige wenige Schritte in den Raum hinein auf ihn zu und reichte Severus dann ein kleines Fläschchen mit einer silbrigen Flüssigkeit, von der ein starkes Leuchten ausging.
 
Grüne Augen musterten ihn so intensiv, als ob sie bis tief in sein Innerstes vordringen wollten. Ernsthaftigkeit und absolute Ehrlichkeit sprachen aus seinem Blick, als er kaum hörbar hinzusetzte: »Danke — für alles!«
 
Damit drehte er sich herum und verschwand genauso leise, wie er gekommen war. Wäre nicht die Phiole in seiner Hand als greifbarer Beweis gewesen, Severus hätte geglaubt, von einer Halluzination heimgesucht worden zu sein.
 
Nachdem er die Tür leise wieder geschlossen hatte, stellte er die Phiole mit seinen Erinnerungen, die er Harry Potter während der Schlacht um Hogwarts überlassen hatte, nachdenklich auf dem Nachttisch ab und ging ins Bad. Erst als er wieder im Bett lag, die Arme unter dem Kopf verschränkt, erlaubte er seinen Gedanken, zurück zu der Begebenheit von vorhin zu wandern. Harry Potter hatte eine Größe bewiesen, die ihm Severus über all die Jahre abgesprochen hatte. Er mochte seinem Vater äußerlich wie aus dem Gesicht geschnitten sein, doch nichts von dem, was heute geschehen war, entsprach James’ Charakter.
 
Der Meister der Zaubertränke fand in dieser Nacht noch lange keinen Schlaf.
 
*'*'*'*'*
 
Hermione war von dem leisen Geräusch einer sich öffnenden Tür aufgewacht. Im ersten Moment glaubte sie, sich getäuscht zu haben, doch dann hörte sie kaum wahrnehmbare Schritte, die zu ihrem Bett kamen. Ein schwacher Lichtschein fiel aus dem Korridor in ihr Schlafzimmer, so dass sie gerade noch in der Lage war, durch ihre zu einem schmalen Spalt verengten Augenlider Severus zu erkennen, der sich langsam zu ihr herunterbeugte. Hermione stellte sich tief schlafend, beobachtete Severus jedoch heimlich weiter.
 
Noch nie zuvor hatte sie einen so entspannten Gesichtsausdruck bei ihm gesehen, nicht einmal während ihrer vielen ungezwungenen Gespräche in der Bibliothek. Ihr dämmerte, dass er sich unbeobachtet fühlte, weil er davon ausging, dass sie schlief, und er deshalb seine Maske nicht brauchte. Seine Haare waren nach vorn gefallen, so dass sie nun sein Gesicht umgaben. Hermione musste sich beinahe mit Gewalt davon abhalten, ihre Hand zu heben, um ihm das Haar zurückzustreichen oder sie sanft an seine Wange zu legen. Ihre Hand unter der Bettdecke zuckte bereits, als sie mit Mühe die Kontrolle über ihre Gefühle wiedergewann.
 
Im schwachen Kerzenschein, der aus dem Korridor hereinfiel, konnte sie erkennen, dass er die Hand ausstreckte, und für einen kurzen Moment erweckte es den Anschein, dass er sie streicheln wollte. Wie ein Blitz schoss ihr eine Erinnerung durch den Kopf: Schon in ihrer Schulzeit in Hogwarts hatten sie seine schmalen Hände mit den schlanken Fingern fasziniert, wenn er im Unterricht Zutaten für Zaubertränke zerschnitt oder in einem Mörser zerstieß. Einen Augenblick hoffte sie, er würde sie wirklich berühren, doch er zuckte zurück, als hätte er sich verbrannt. Dann trat er abrupt einen Schritt zurück. Er warf ihr einen langen Blick zu, bevor er sich umdrehte und zur Tür ging.
 
Nachdem sich die Tür hinter ihm mit einem leisen Klick geschlossen hatte, richtete Hermione sich auf ihren Ellbogen auf und starrte die nun geschlossene Tür an. Sollte Poppy wirklich Recht gehabt haben? Severus hatte nach ihr gesehen, was an sich schon ungewöhnlich war. Dass scheinbar niemand mit gezogenem Zauberstab hinter ihm gestanden und ihn dazu gezwungen hatte, war in ihren Augen noch außergewöhnlicher. Konnte es wahr sein? Empfand er etwas für sie? Erwiderte er ihre Gefühle?
 
Noch niemals zuvor hatte sie sich wirklich erlaubt, ihre eigenen Gefühle zu analysieren. Sie war sich absolut sicher, dass sie ihn mochte. Trotz seines oftmals beleidigenden Verhaltens ihr gegenüber in Hogwarts hatte sie ihn immer respektiert und bereits damals bewundert. Sie hatte im Unterricht häufig Mühe gehabt, ihre Augen von seinen feingliedrigen Händen loszureißen. Nicht nur einmal hatte sie sich in ihrem letzten Jahr in Hogwarts dabei ertappt, dass sie sich wünschte, seine Hände mögen ihr Gesicht so zärtlich berühren, wie er in jenen Momenten nach seinem Zauberstab griff. Sie hatte sich selbst für diese Gedanken jedesmal mental auf die Finger geklopft, allerdings war es ihr nie gelungen, diese Vorstellung aus ihrem Kopf zu verbannen. Doch seit ihrem Kuss in der Bibliothek dachte sie immer häufiger daran, wie es wäre, wenn …
 
>Ich habe Angst um ihn ausgestanden, ich sorge mich um ihn, um seine Zukunft, aber ich weiß, dass ich auch Teil dieser Zukunft sein möchte. Ist das … Liebe?<, fragte sie sich. Wenn sie ehrlich war, und das wollte sie jetzt sein, hatte sie für Ron nie so empfunden, oder besser gesagt, nicht mehr, seit er sie im Wald der Quidditch-Weltmeisterschaft einfach im Stich gelassen hatte. An diesem Tag war etwas in ihr zerbrochen, irgendetwas, das auch seine spätere Rückkehr und seine offensichtlich ehrliche Reue nicht wieder hatten kitten können. Sein Verhalten vor ein paar Tagen hier am Grimmauldplatz und sein Verrat an ihrem Vertrauen hatten nur noch den letzten Anstoß gegeben. Sie hatte eigentlich zu diesem Zeitpunkt bereits für sich selbst entschieden, dass es keine gemeinsame Zukunft für sie geben würde.
 
Gegen ihren Willen gähnte sie. Sie verspürte jetzt eine enorme Müdigkeit, die vermutlich nicht zuletzt auf den Zaubertrank zurückzuführen war, den Poppy ihr aufgenötigt hatte. Nachdenklich ließ sie sich in die Kissen zurücksinken. Es machte wenig Sinn, sich mitten in der Nacht den Kopf zu zerbrechen. Vermutlich wäre es besser, wenn sie jetzt versuchen würde, wieder weiterzuschlafen, da sie wahrscheinlich ihre gesamte Kraft für die nächsten Tage benötigen würde, wenn ihr wacher Verstand für die Ausarbeitung einer Verteidigungsstrategie gebraucht werden würde.
 
Hermione kuschelte sich erneut in ihre Decke und döste langsam wieder ein. Allerdings reichte die Dosis des Traumlosschlafes, den ihr Poppy Pomfrey vorhin verabreicht hatte, nicht aus, um zu verhindern, dass sie doch nur in einen unruhigen Schlaf verfiel.
 
*'*'*'*'*
 
Er wurde abrupt aus dem Tiefschlaf gerissen. Mit der Zielsicherheit eines Mannes, dessen Überleben von seinen Reflexen abhing, schnappte er blitzschnell nach seinem Zauberstab, der immer in Reichweite auf dem Nachttisch lag, und richtete diesen direkt auf das Herz des vermeintlichen Angreifers. Doch da war niemand. Er sprang im selben Augenblick hoch, als furchtbare Schreie durch die Dunkelheit hallten. Einen kurzen Moment brauchte er, um sich zu orientieren, bevor er begriff, dass diese Schreie aus dem Schlafzimmer im ersten Stock, wo Hermione schlief, gekommen waren. Ohne zu zögern stürzte er los, rannte eine Treppe hinunter und riss die Tür zu ihrem Zimmer auf.
 
Es war stockdunkel, bis auf den schwachen Lichtschein der Kerzen, der aus dem Korridor in das Schlafzimmer fiel. Hermione kniete, ohne irgendetwas wirklich wahrzunehmen, mit weit aufgerissenen Augen im Bett. Tränen strömten unaufhaltsam ihre Wangen hinunter und ihr Körper wurde von heftigen Schluchzern geschüttelt. Mit drei Schritten hatte er die Distanz zu ihrem Bett überbrückt, riss sie in seine Arme und drückte sie fest an seine Brust. »Hermione! Wer … was ist passiert?«
 
Er hielt sie voller Besorgnis eng an sich gepresst, liebkoste mit einer Hand mit kreisenden Bewegungen sanft ihren Rücken, während er seine andere Hand an ihre Wange gelegt hatte und mit dem Daumen vorsichtig und sehr zärtlich die Kontur ihres Wangenbeines nachfuhr. Riesige Augen starrten ihn an, und er konnte anhand des Ausdruckes in ihnen ohne große Anstrengung erkennen, dass Hermione noch immer in einer Alptraumwelt aus Horror und Todesangst gefangen war und ihn in Wirklichkeit gar nicht wahrnahm. Unter seiner streichelnden Hand konnte er fühlen, wie sich ihr gesamter Körper wie unter einem Cruciatus-Fluch verkrampfte und schüttelte.
 
Hermione schlang in ihrem für sie nicht wahrnehmbaren Dämmerzustand die Arme um ihn. Ohne wirklich zu wissen, was sie tat, kuschelte sie sich in die ihr angebotene Wärme und Geborgenheit, die sie nur bei ihren Eltern kennengelernt hatte. Eine Welle aus Trost schwappte über sie hinweg und sie tauchte wie eine Ertrinkende darin ein. Ihr Vater oder ihre Mutter mussten hier sein, auch wenn sie nicht verstand, wie dies möglich sein sollte. Ihre Eltern waren doch in Australien, obwohl sie sich im Moment nicht daran erinnern konnte, warum. Sie versuchte, noch näher an die Quelle dieser wundervollen Gefühle heranzukrabbeln. >Australien … Warum Australien? ... Todesser … Der Dunkle Lord … Die Letzte Schlacht! ... Oh, Merlin! Severus! Und — sie klammerte sich gerade mit aller Macht an Severus fest.<
 
Severus beobachtete, wie sie ganz langsam — sehr langsam — ihrer Umwelt wieder gewahr wurde. Der Schleier über ihren Augen begann sich zu lichten, und er konnte spüren, wie sich ihre Hände, die sich auf seinem Rücken in sein Hemd gekrallt hatten, langsam lösten und über seinen Rücken strichen. Sie hob den Blick und schaute ihn mit einem Ausdruck in ihren Augen an, den er nicht deuten konnte und lieber auch nicht deuten wollte.
 
»Was ist passiert?«, wiederholte er seine Frage von vorhin noch einmal. Erst dadurch schien sie wirklich wieder in die Gegenwart zurückzukehren. Doch sie ließ ihn seltsamerweise nicht los.
 
»Malfoy Manor …« Hermione konnte den Namen des Herrenhauses kaum aussprechen. Ihre Stimme gehorchte ihr nur unzureichend, so dass es nur ein heiseres Flüstern war, mit dem sie die Worte herauspressen konnte. Die schrecklichen Geschehnisse dieses Abends hatten vermutlich dafür gesorgt, dass all die furchtbaren Qualen, die Schmerzen und Erniedrigungen, die sie in Malfoy Manor hatte durchleben müssen, wieder an die Oberfläche gespült worden waren.
 
Allein diese beiden Worte hatten ausgereicht, damit Severus sie noch fester in seine Arme schloss und an sich drückte. »Alles ist gut. Du bist hier in Sicherheit«, flüsterte er. Er konnte nur erahnen, was in Hermiones Kopf gerade vorgegangen sein musste. Severus schloss gequält die Augen.
 
Bis heute hatte er sich nicht dazu überwinden können, von ihr selbst in Erfahrung zu bringen, was an jenem Abend und in jener Nacht, in denen das Trio in Malfoy Manor gefangen gehalten worden war, im Einzelnen geschehen war, was gerade Hermione dort hatte durchleiden müssen. Allerdings konnte er sich sehr genau vorstellen, welche hämische Freude es Bellatrix bereitet haben musste, ihre berüchtigten Foltermethoden ausgerechnet an Hermione, dem Gehirn des Goldenen Trios und in Bellatrix’ Augen dem ‘wertlosen Schlammblut’, anwenden zu können.
 
Severus war überzeugt davon, dass irgendjemand Hermione irgendwann zum Sprechen bringen musste. Er wusste aus eigener Erfahrung, dass solche Traumata nur dann wirklich zu verarbeiten waren, wenn derjenige, dem diese Grausamkeiten widerfahren waren, mit einem anderen Menschen, der zuhören und verstehen konnte, über die Geschehnisse sprechen würde. Wie dankbar war er selbst dafür, dass er Albus gehabt hatte, der all die Jahre an seiner Seite gewesen war und geduldig zugehört hatte, wenn er, Severus, kurz vor dem Zusammenbruch stand, weil er den Horror kaum mehr ertrug. Doch er hatte das Gefühl, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt bei Hermione war und er selbst seiner Meinung nach wohl nicht die geeignete Person.
 
Nachdem er davon erfahren hatte, dass die drei in Gefangenschaft geraten waren, war er in den beiden folgenden Tagen — ohne dass er gewagt hatte zu hinterfragen, warum dies so war, und von seinem Umfeld völlig unbemerkt — ein weiteres Mal durch die Hölle gegangen. Erst als die Carrows ihm zwei Tage später — nach ihrem Summoning durch den Dunklen Lord nach Malfoy Manor — berichteten, dass die gesamte Familie Malfoy und auch Bellatrix auf brutalste Art und Weise durch Voldemort höchstpersönlich in irrsinniger Raserei dafür fast zu Tode gefoltert worden waren, dass sie das ‘Goldene Trio’ hatten entkommen lassen, war er ein wenig ruhiger geworden. Er hatte nur mit halbem Ohr zugehört, als Alecto hämisch die sichtbaren Verletzungen von Narcissa und Lucius beschrieb, die sie aufgrund ihres Reichtums und ihrer gehobenen Stellung im Inneren Zirkel noch nie gemocht hatte. Severus nannte dies insgeheim schlicht und ergreifend — Neid.
 
Doch er hatte sofort aufgehorcht, als sie sich hasserfüllt in den schillerndsten Farben auszumalen versuchte, wie Bellatrix ‘dieses dreckige Schlammblut’ gefoltert haben mochte. Bellatrix selbst, immer noch rasend vor Wut über den Hauselfen, der sich erdreistet hatte, sich ‘seiner Familie’ in den Weg zu stellen und den erklärten Erzfeind des Dunklen Lords zu befreien, hatte jedem einen Fluch auf den Hals gehext, der es gewagt hatte, nach den Vorkommnissen in jener Nacht zu fragen. Diese blumigen Beschreibungen hatten seine Sorge nicht gerade verringert, da er ganz genau wusste, wozu eine Bellatrix Lestrange fähig war, wenn sie zur Hochform auflief.
 
Er war zu der damaligen Zeit und auch bis zum heutigen Tag davon ausgegangen, dass seine panische Angst darin begründet lag, dass mit der Gefangennahme von Harry Potter die Erfüllung der Prophezeiung und somit die Vernichtung Voldemorts in weite Ferne gerückt war. Doch jetzt musste er sich eingestehen, dass er sich selbst belogen hatte. Sicher, auch diese Überlegungen hatten eine Rolle gespielt, doch nun verstand er endlich, dass sich seine wahren Ängste um Hermione gedreht hatten. Er musste schon damals mehr für sie empfunden haben, als er sich bis heute eingestanden hatte.
 
»Denk’ nicht mehr daran.« Er bemerkte nicht einmal, dass er sie schon zum zweiten Mal duzte. Seine schwarzen Augen tauchten für die Unendlichkeit in ihre braunen ein. Wenn er sich etwas wünschen dürfte, dann, sie nie wieder loslassen zu müssen. Die Nähe und Wärme ihres an ihn gepressten Körpers ließ ihn Regionen an seinem eigenen spüren, von denen er geglaubt hatte, dass sie längst abgestorben waren. Ihre Hände auf seinem Rücken schoben sich immer höher, bis sie abrupt verschwanden und plötzlich in seinem Gesichtsfeld wieder auftauchten.
 
Sie strich ihm eine vorwitzige Haarsträhne aus dem Gesicht, vergrub ihre Hände in seinen Haaren und zog seinen Kopf zu sich herunter. Keinen Augenblick unterbrach sie den Blickkontakt, als sie sich vorbeugte und ihn ganz sanft auf den Mund küsste. Nur einen Moment später spürte er, wie sie vorsichtig mit ihrer Zunge über seine Lippe strich, bis er ihrer unausgesprochenen Aufforderung nachgab und den Kuss vertiefte.
 
Keiner von beiden bemerkte, wie eine leise vor sich hin lächelnde Poppy Pomfrey eine mit offenem Mund die Szene betrachtende Minerva McGonagall am Arm fasste und von der Tür wegzog.
 
 
 
Fortsetzung folgt
 
 
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