AleaThoron
   
  FairyCat's Potions and Passions
  Kapitel 19 — Reminiszenzen und Zukunftspläne
 
DISCLAIMER: Ich verdiene kein Geld damit, habe jedoch genau den unglaublichen Spaß, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Alle agierenden Personen gehören JKR. Ich habe sie mir heimlich ausgeborgt, verspreche aber, gut auf sie aufzupassen und sie wohlbehalten und an Erfahrungen reicher und gereifter wieder zurückzugeben.
 
Beta: Deep Water — Mein ganz spezieller Dank gilt meinem Beta, der eigentlich mein Vater ist, und der mich mit »Und wann schreibst Du endlich Deine eigene Geschichte?« erst dazu gebracht hat, diese Story Wirklichkeit werden zu lassen.
 
 
Coniunctio perpetuaby Alea Thoron
 
 
Kapitel 19 — Reminiszenzen und Zukunftspläne
 
Poppy Pomfrey setzte sich in den Sessel, den Severus gerade widerwillig grummelnd verlassen hatte. Sie zog ihren Zauberstab heraus und warf mit einem kurzen Wedeln nonverbal einen Zauber, der Hermiones Robe unter ihrem Körper hervorzog, direkt in die Arme von Poppy. Sie wollte sie gerade ordentlich zusammenlegen und auf das Fußende des Bettes werfen, als die kleine mit Perlen bestickte Handtasche, die Harry vorhin so krampfhaft gesucht hatte, aus irgendeiner Innentasche auf dem Boden landete. Dabei erklang ein so gewaltiges Rumpeln und Poltern aus ihrem Inneren, dass Poppy im ersten Moment glaubte, in einer großen Lagerhalle würden viele verschiedene Dinge durcheinanderpurzeln.
 
Poppy hob die Tasche vorsichtig auf und drehte sie gedankenverloren in den Händen. Zu ihrem Erstaunen war sie sehr leicht und machte zumindest von außen den Eindruck, dass gerade einmal ein Lippenstift und ein Taschentuch hineinpassen würden. Doch aus der Erfahrung von vorhin wusste sie, dass dies eine gewollte Täuschung war. Die kleine Tasche musste ganze Wagenladungen von Schätzen für eine sehr lange Flucht beinhalten. Dieses Mal schüttelte sie sie absichtlich leicht und wieder ertönte das laute Rumpeln. Das war also diese ominöse Tasche, von der Severus ihr erzählt hatte.
 
Da Poppy nach diesem ganzen Lärm ziemlich neugierig auf den Inhalt geworden war, öffnete sie sie einen Spalt. Im Inneren herrschte ein unheimliches Durcheinander, und einzelne Dinge waren nicht zu unterscheiden, wie sie mit einem einzigen Blick feststellte. Selbst als sie sie ganz öffnete, änderte sich daran nichts. Poppy schüttelte sprachlos den Kopf. Dieses Mädchen hatte offensichtlich einen hoch wirksamen nicht nachweisbaren Erweiterungszauber benutzt, den Poppy selbst oftmals selbst praktiziert hatte, um ihre Tasche zu vergrößern, wenn sie ihre komplette Medihexen-Ausrüstung irgendwohin mitnehmen musste.
 
Poppys Gedanken schweiften ab. Sie war erst zu dem Zeitpunkt hinzugekommen, als Severus bereits über der blutüberströmt auf dem Boden der Küche liegenden Hermione kniete. Sie hatte nicht viel mehr für das Mädchen tun können, als ein paar der mächtigsten Heilsprüche zu werfen, die die magische Welt jemals entwickelt hatte, obwohl sie genau wusste, dass diese gegen den schwarzmagischen Fluch nicht viel ausrichten konnten. Doch Severus hatte bereits voll konzentriert mit seinem Singsang begonnen, dem einzigen bekannten Gegenfluch, der die schrecklichen Wunden verschließen und den ansonsten unvermeidlichen Tod jetzt noch abwenden konnte.
 
Niemals zuvor hatte sie vermutet, dass sie jemals miterleben könnte, dass er mit einer solch verzweifelten Hingabe und unter Aufbietung all seiner Kräfte um das Leben eines anderen Menschen kämpfen würde, obwohl sie immer gehofft hatte, dass er sich tief in seinem Inneren noch einen Teil seines Selbsts bewahrt hatte. Als wäre es erst gestern gewesen, erinnerte sie sich an den kleinen elfjährigen Jungen in ihrem Krankenflügel, der gleich in den ersten Tagen des Schuljahres zu ihr gebracht worden war und der nun nicht nur verbal um sich schlug. Sie hatte nie vergessen, wie viele Monate sie selbst gebraucht hatte, um das Vertrauen eines Kindes zu gewinnen, dessen kleiner schmächtiger Körper unzählige bereits vernarbte, jedoch auch sehr frische Spuren von Gewalt aufgewiesen hatte. Die blutunterlaufenen Striemen, die ihrer Meinung nach von einem Gürtel stammen mussten und kreuz und quer über seinen gesamten Rücken verliefen, hatten sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt.
 
Erst nachdem sie damals mühsam sein Vertrauen hatte gewinnen können, durfte sie — allerdings nur hinter den fest geschlossenen Türen des Krankenflügels — auch die andere Seite seines Wesens erleben, die er vermutlich schon lange hinter Rücksichtslosigkeit und Härte verbarg, da diese von den zumeist reinblütigen Mitschülern seines eigenen Hauses erwartet wurde. Es war ihm damals nichts anderes übrig geblieben, als sich diese Eigenschaften mit der Zeit anzutrainieren, nachdem sein oftmaliges Weinen ihm bei James Potter und seinen Freunden bereits den Spitznamen ‘Schniefelus’ eingebracht hatte und die Slytherins, die auf ihn ohnehin schon allein wegen seiner halbblütigen Abstammung und seines ärmlichen Aussehens herabblickten, ihn dafür um so mehr verachteten.
 
Poppy erinnerte sich noch gut daran, dass es ausgerechnet ein Lucius Malfoy gewesen war, der zu dieser Zeit bereits in seinem sechsten Jahr war, der sich ohne eine für Poppy ersichtliche Motivation des schmuddeligen kleinen Halbblüters angenommen hatte. Wie sehr hatte sie sich ausgerechnet über dessen Motivationgetäuscht. Lucius hatte schon zu der damaligen Zeit Severus’ Neugier auf alles Magische und ganz besonders auf alles, was mit Dunkler Magie zusammenhing, gesehen und das enorme Potential des störrischen und trotzigen Jungen erkannt. Sie hatte später vermutet — und diese Vermutung hatte sich leider bestätigt — dass Malfoys Aufmerksamkeit schon damals absolute Berechnung gewesen war, die darin bestanden hatte, Severus später auf die Dunkle Seite zu ziehen, was ihm spätestens nach dessen Bruch mit Lily Evans mit Leichtigkeit gelungen war. Auch wenn beide Malfoys in späteren Jahren für ihren Jungen zu Freunden geworden waren, hatte Poppy Lucius nie verziehen. Sie seufzte schwer, als sie wenigstens halbwegs in die Gegenwart zurückkehrte.
 
Sie sah auf die immer noch reglos auf dem Bett liegende Gestalt des Mädchens, nein, der jungen Frau. Erneut fiel ihr die hässliche rote Narbe an ihrem Hals auf. Jetzt war eine gute Gelegenheit, sich darum zu kümmern, noch dazu, wo sie im Moment sowieso zur Untätigkeit und zum Warten verurteilt war.
 
Kurz nach der Letzten Schlacht — nachdem auch Severus so gut wie möglich versorgt gewesen war — hatte sie mit Bill Weasley gesprochen, der mit seinen umfangreichen Kenntnissen geholfen hatte, verschiedene Dunkle Flüche zu brechen, mit denen die Todesser während der Kampfhandlungen um sich geworfen hatten. Dabei war die Unterhaltung auch auf Hermione, ihre hässliche rote Narbe und den Aufenthalt des Goldenen Trios in Shell Cottage gekommen.
 
Er hatte ihr erzählt, dass ihre Wunde durch ein silbernes Messer verursacht worden war, das aus dem Besitz von BellatrixLestrange stammte. Als Fluchbrecher hatte er schon beim ersten Blick auf die Verletzung damals sofort vermutet, dass dieses Messer mit Dunklen Flüchen belegt sein musste. Diese Vermutung war bestätigt worden, nachdem seine Frau, Fleur, sehr große Schwierigkeiten schon allein damit gehabt hatte, die Blutung zu stillen. Er hatte sich noch in der selben Nacht das Silbermesser vorgenommen, seine besonderen Fähigkeiten eingesetzt und vier verschiedene Dunkle Flüche gefunden und gebrochen, die für besonders extreme Schmerzen beim Opfer und eine schlechte Heilung der von solchen Messern verursachten Wunden verantwortlich zeichneten. Er hatte nebenbei auch herausgefunden, dass einer der Flüche eine Behandlung von Verletzungen mit Diptam behinderte, so dass dies erst nach mehreren Monaten zu keinen Komplikationen führen würde. Um auf der sicheren Seite zu sein, hatte Fleur auch nach dem Brechen des Fluches darauf verzichtet, die verbliebenen Spuren sofort zu behandeln. Doch bevor es dazu hatte kommen können, hatten die Drei Shell Cottage schon wieder verlassen.
 
Nun, Severus hatte ihr vorhin die Phiole mit Diptamessenz, die er von Potter bekommen hatte, in Verwahrung gegeben. Jetzt war also der richtige Zeitpunkt dafür gekommen, die hässliche rote Narbe endlich zu behandeln. Sie suchte die Taschen ihrer Robe nach dem kleinen Fläschchen ab und behandelte dann vorsichtig die Narbe, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden war.
 
Sanft strich sie Hermione eine Strähne braunen Haares aus der Stirn, griff dann nach dem feuchten Handtuch und wischte ihr vorsichtig über Wangen und Stirn. Sie schüttelte immer noch den Kopf darüber, welches enorme Risiko diese Frau einzugehen bereit gewesen war. Obwohl Hermione zu diesem Zeitpunkt bereits sicher gewusst hatte, dass Severus viele Jahre auf der Seite des Lichts gekämpft hatte, musste ihr klar gewesen sein, dass der sehr stolze und oftmals störrische Severus Snape, der niemanden an sich heranließ, ihr gegenüber vermutlich keinerlei Dankbarkeit für die Rettung seines Lebens erkennen lassen würde. Auch wenn er nach einer gewissen Zeit des stillen Nachdenkens schlussendlich ganz anders darauf reagiert hatte, wer und welche Umstände sein Leben gerettet hatten, hätte Poppy vorher ihren Kopf darauf verwettet, dass er Hermione — sobald er wieder die Kraft dazu hätte — ohne zu zögern als geringste Bestrafung für ihr Handeln ins nächste Jahrhundert hexen würde. Sie hätte diese Wette sang- und klanglos verloren. Erneut sah sie die bemerkenswerte Szene in der Küche vor sich.
 
Schon die ersten Minuten in der Küche von Potters Haus hatten ihr gezeigt, zu welcher Sanftheit und Zärtlichkeit er in Wirklichkeit fähig war. Sie hatte mit staunenden Augen gesehen, dass sein Finger die Behutsamkeit eines Schmetterlingsflügels besaß, als er die grellroten Narben mit Diptamessenz behandelte. Er schien vollkommen vergessen zu haben, wo er sich befand und dass er nicht allein mit Hermione war. Erst nach und nach hatte sich ihr selbst endlich die volle Bedeutung des Ausdruckes auf seinem Gesicht erschlossen. Dieser entsprach nicht dem eines Mannes, der es nur auf das Zurückzahlen einer Lebensschuld angelegt hatte. Severus mochte dieses Mädchen, daran bestand für sie überhaupt kein Zweifel. Die Besessenheit, mit der er ihre Verletzungen versorgte, und seine offensichtliche Angst, dass er nicht schnell genug gehandelt hatte, gaben Poppy ein Stück Hoffnung zurück. Vielleicht würde daraus eines Tages sogar Liebe erblühen — sie wünschte es für ihn so sehr. Diesen Ausdruck auf seinem Gesicht hatte sie nur einmal in ihrem Leben bei ihm gesehen, damals bei der kleinen Evans.
 
Ja — Lily Evans. Seit Severus’ erstem Schuljahr hatte Poppy die schon vor Hogwarts bestehende Freundschaft zwischen ihrem Jungen und diesem muggelgeborenen Mädchen beobachtet. Sie war glücklich für ihn gewesen, dass er wenigstens einen Menschen außer ihr hatte. Sie hatte miterlebt, wie sich — zumindest von seiner Seite aus — diese Freundschaft über die Jahre hinweg ganz langsam in Liebe verwandelte. Und sie hatte Lily Evans voller Sorge nicht aus den Augen gelassen, da eine innere Stimme sie warnte, dass Lily diese Gefühle nicht mit gleicher Intensität erwiderte. Doch dann kamen dieser verhängnisvolle Tag und dieses eine im Zorn ausgesprochene furchtbare Wort. Poppy wusste, dass Severus es ausgesprochen hatte, als er von seinen vier niederträchtigsten Widersachern in Hogwarts bis auf die Knochen blamiert worden war, erniedrigt wie noch nie in seinem Leben. Und doch hatte dieses eine Wort sein Leben für immer verändert, hatte es beinahe zerstört.
 
Severus hatte alles versucht, um sich bei Lily zu entschuldigen, egal auf welche Art. Doch sie hatte jeden seiner Versuche abgeblockt, eine Aussprache herbeizuführen, hatte selbst alle Briefe ungeöffnet zurückgeschickt. Von diesem Tag an hatte sich Severus dramatisch verändert. Er hatte sich dermaßen zurückgezogen, dass selbst Poppy nicht mehr wirklich an ihn herangekommen war. Er schloss sich immer mehr seinen Slytherin-Hausgenossen an, nahm immer mehr von ihrem hässlichen Gedankengut in sich auf.
 
Hatte er schon früher Dunkle Magie faszinierend gefunden, so war er nun davon geradezu besessen. Als er nach den schrecklichen Ereignissen, die seine Mutter damals das Leben gekostet hatten, nach den Winterferien in seinem siebten Schuljahr nach Hogwarts zurückgekehrt war, hatte sie ihn kaum noch wiedererkannt. Ein paar Wochen später hatte sie zu ihrem Entsetzen feststellen müssen, dass er das Dunkle Mal trug. An diesem Tag war für Poppy eine Welt zusammengebrochen.
 
Sie hatte Lily Evans erst nur dafür verachtet, mit welcher Überheblichkeit und Selbstherrlichkeit sie mit Severus umgegangen war, mit welcher Unerbittlichkeit sie ihren Freund aus Kindertagen einfach fallenließ. Doch dann war aus Verachtung Hass geworden, nachdem Poppy in Severus’ sechstem Jahr auch noch feststellen musste, dass Lily sich mit seinen … ja, man konnte sie so nennen … Erzfeinden eingelassen hatte; und als sie dann auch noch ausgerechnet den selbstherrlichen und überheblichen James Potter heiratete, war das Maß voll gewesen. Sie hatte Lily nicht den Tod gewünscht, nein, so weit wäre sie nie gegangen. Allerdings konnte Poppy auch nicht von sich behaupten, dass dieser Tod ihr sehr nahe gegangen war. Poppy hatte die sicherlich furchtbaren Auswirkungen dieses Mordes auf die magische Welt und auf den Kampf gegen Voldemort nicht unterschätzt, aber persönlich … nun, das stand auf einem anderen Blatt Pergament.
 
In all den Jahren hatte Poppy es als ihre eigene schlimmste Strafe empfunden, dass sie mit niemandem jemals darüber hatte reden dürfen. Sie hatte immer geschwiegen, wenn die Rede auf die Potters im Allgemeinen und auf Lily im Besonderen gekommen war. Und oftmals hatte sie dies ziemlich viel Kraft gekostet, wenn sie untätig der Begeisterung, nein, es war nahezu Verzückung, über ihre Person hatte lauschen müssen. Allerdings würde niemand jemals für ihren Standpunkt Verständnis haben, ganz im Gegenteil. Jeder andere in der magischen Gemeinschaft würde in einer solchen Einstellung ein Sakrileg sehen.
 
Schon bald nachdem Severus in die Reihen Voldemorts aufgenommen worden war, hatte er schmerzhaft begreifen müssen, dass er den falschen Weg beschritten hatte. Lilys Ermordung und seine eigene tragische Rolle dabei waren nur noch das i-Tüpfelchen gewesen, das ihn zu seiner stillschweigenden, vor aller Augen verborgenen Umkehr veranlasste. Doch dass nicht einmal sie — ausgerechnet sie selbst — dies bemerkt hatte, dass sie bis zuletzt geglaubt hatte, dass er zu den treuesten Anhängern Voldemorts zählte — es beschämte sie zutiefst.
 
Dass Severus sich inzwischen ein klein wenig persönliches Glück verdient hatte, stand für Poppy außer Zweifel. Und jetzt war da diese junge Frau, die wohl mächtigste Hexe dieses Jahrhunderts. Wenn ihre alten Augen sie nicht völlig getäuscht hatten, dann glaubte sie, auch in Hermiones Gesicht und Verhalten Verständnis und wachsende Zuneigung für ihren Jungen entdeckt zu haben. Sie würde Severus nicht nur intellektuell ebenbürtig sein.
 
Plötzlich hörte sie ein leises Stöhnen, das sie aus ihren Gedanken riss. Als sie aufschaute, flatterten Hermiones Augenlider und ihre linke Hand bewegte sich leicht über die Bettdecke.
 
»Hermione!«, flüsterte Poppy. »Hermione, kannst du mich hören?«
 
Hermione versuchte, ihre Augen zu öffnen, aber es schien, als wären sie mit einem Dauerklebefluch zugeklebt. Sie fühlte sich, als ob sie vom Hogwarts-Express überrollt worden wäre und wusste nicht, was ihr mehr wehtat: Ihre Seite, der Bauch oder ihr Kopf. Ihre Hand tastete über irgendetwas Weiches. Im Moment konnte sie sich beim besten Willen nicht daran erinnern, was eigentlich geschehen war. Dann spürte sie eine Hand auf ihrer und hörte ihren Namen flüstern.
 
»Hermione!«
 
Es war Poppy Pomfreys Stimme, wie Hermione befremdet erkannte. Poppy … Was machte Poppy hier? Und warum lag sie selbst hier? Was um Merlins willen war denn passiert? Hermione verspürte immer noch das schmerzhafte Pochen in ihrer Seite und hinter ihrer Stirn, versuchte allerdings trotzdem erneut, die Augen zu öffnen. Doch ihre Lider flatterten nur, was ihr ein gequältes Stöhnen entlockte.
 
Dann, im nächsten Moment, explodierte hinter ihren geschlossenen Lidern eine Kaskade aus Bildern und all die Erinnerungen an diesen Abend stürzten mit Gewalt auf sie ein: Die Bibliothek … Madame Pomfrey … Severus’ und ihre ineinander verschränkten Hände vor der Küchentür … Der Angriff … Severus! Oh Merlin … Severus!!!
 
Alle Schmerzen waren mit einem Schlag vergessen und ihre Augen rissen wie von selbst auf. Nackte Panik spiegelte sich darin. »Sev… Severus …!!!«, keuchte sie heiser und voller Angst.
 
»Pscht, Hermione! Ganz ruhig!«, hörte sie Madame Pomfrey leise antworten. »Hab’ keine Angst. Severus ist unverletzt und es geht ihm gut — dank dir.«
 
Poppy duzte sie. Das war das erste, was Hermione auffiel. Die Worte jedoch drangen nicht wirklich in ihr Bewusstsein. Eine Hand erschien in Hermiones Gesichtsfeld und sie konnte sehen, wie diese ihr vorsichtig die Haare aus ihrem Gesicht strich. Es war dieselbe Hand, die sie vorhin schon gestreichelt hatte.
 
Hermione hörte in ihrer Erinnerung wieder das gezischte hasserfüllte »Verräter!« und ihren eigenen panischen Schrei. »Wo ist er? Was ist geschehen? Ich erinnere mich, dass wir angegriffen wurden …« Langsam begann ihr ihre Stimme wieder zu gehorchen. Sie klang nicht mehr so furchtbar heiser, obwohl es ihr an Lautstärke fehlte, da sie glaubte, ihr Kopf könne ansonsten explodieren.
 
Poppy nahm ihre Hand in die ihrige. »Er ist in der Küche, Hermione. Kingsley wollte ihn sprechen. Er wollte ihm selbst sagen, was er beim Ministerium für ihn erreichen konnte, welche Entscheidung getroffen wurde.«
 
Augenblicklich versuchte Hermione, sich aufzurichten, um ihre Beine aus dem Bett schieben zu können und aufzustehen. Doch ihre Kräfte versagten ihr den Dienst und die Schmerzen wurden beinahe unerträglich, so dass sie mit einem lauten Stöhnen in die Kissen zurücksank. Sie wimmerte vor Schmerz.
 
Poppy Pomfrey hatte sofort nach ihr gegriffen, um sie daran zu hindern, sich zu bewegen, hatte jedoch nicht mit Hermiones starkem Willen gerechnet. Es bedurfte einiger Kraft, um sie wieder in die Kissen zu drücken. »Nein, ich ordne an, dass du liegen bleibst, Kind. Du kannst im Moment gar nichts tun, außer dich auszuruhen und wieder gesund zu werden.«
 
»Es tut so weh«, hauchte Hermione, der ungewollt vor Schmerz die Tränen aus den Augen liefen. »Was ist mit mir geschehen?«
 
Poppy griff nach einer Phiole mit einem starken Schmerztrank und entkorkte sie. »Hier, Kleine, das hilft wenigstens erst einmal gegen die Schmerzen.« Vorsichtig flößte Poppy Hermione den Inhalt der Phiole ein, während sie angespannt in ihr Gesicht sah. »Besser?«
 
Hermione fühlte, wie die Schmerzen in ihrer Seite und ihrem Bauch nachließen; ihr Kopf jedoch dröhnte nach wie vor erbärmlich. Sie verzog gequält das Gesicht.
 
»Kopfschmerzen?«
 
Sie konnte nicht nicken, sah aber, wie Poppy den nächsten Trank entkorkte. Kurz nachdem sie diesen ebenfalls geschluckt hatte, ließen endlich die Kopfschmerzen nach, bis sie ganz verschwanden. Endlich konnte sie wieder klar denken. »Was ist geschehen, Madame Pomfrey?«
 
»Poppy, Hermione, und du!« Poppy Pomfrey sah sie nun offen an und begann, ihr all die Geschehnisse nach dem völlig überraschenden Angriff zu erzählen, die Hermione entweder aus ihrem Gedächtnis verloren hatte oder bei denen sie schon nicht mehr bei Bewusstsein gewesen war. Immer noch streichelte sie dabei sanft ihre Hand.
 
»Du hast dich dazwischengeworfen«, sagte Poppy zuletzt leise.
 
»Ich habe was?«, fragte Hermione ungläubig nach.
 
»Du hast dich vor ihn geworfen, hast ihn mit deinem eigenen Körper vor den Fluch beschützt.« Poppy schüttelte innerlich immer noch den Kopf über Hermiones Mut. Typisch Gryffindor. Dieses Mädchen war einfach sagenhaft.
 
Hermione konnte es nicht wirklich glauben. Obwohl — wenn sie nur richtig darüber nachdachte, dann war es die einzige Möglichkeit gewesen, Severus das Leben zu retten. Severus hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Zauberstab bei sich gehabt. Er war vollkommen schutzlos gewesen, ohne jegliche Möglichkeit, sich selbst zu verteidigen. Allerdings — auch das war nicht ganz richtig. Severus war nicht völlig hilflos gewesen, denn er beherrschte mit Sicherheit nonverbale Magie, und das wahrscheinlich besser als viele andere. Er war nur nicht auf diesen Angriff vorbereitet gewesen, genauso wenig wie sie. Und sie hatte eindeutig zu langsam reagiert.
 
»Und Severus ist nicht verletzt?«, fragte Hermione atemlos.
 
Poppy lächelte. »Nein, Hermione, er hat nicht einen Kratzer. Trotzdem — es war Wahnsinn, was du getan hast!«, setzte sie hinzu.
 
»Wahnsinn? — Nein, P-Poppy, ich hatte keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, was ich tat, aber …«
 
Hermione begann sich ganz vorsichtig aufzusetzen, was ihr mit Poppys Unterstützung auch gelang. Diese schob ihr mehrere Kissen in den Rücken, so dass sie sich bequem dagegenlehnen konnte. Ihre Schmerzen waren so gut wie verschwunden, nur ein leichtes Pochen war noch zurückgeblieben. Nachdenklich erinnerte sich Hermione an den Augenblick, als dieser irrsinnige Angreifer Severus attackiert hatte. Sie hatte zu dem Zeitpunkt nur erkannt, dass sie umgehend handeln musste, dass sie die Einzige war, die Severus jetzt noch schützen konnte. Sie hatte einfach nur Angst gehabt, Angst um ihn, nicht um sich selbst. Was war nur mit ihr los? War das Liebe, was sie fühlte?
 
»Ich habe in dem Moment überhaupt nicht darüber nachgedacht. Ich … ich wollte … ich hatte einfach Angst … Angst, ihn zu verlieren«, gab sie stockend und kaum hörbar zu.
 
Poppys Augen hatten die ganze Zeit auf Hermiones Gesicht verweilt. Sie hatte ihre extreme Verunsicherung, die Anspannung und Angst und auch die nicht laut gestellten Fragen dort gesehen, hörte das Zittern in ihrer Stimme und beobachtete nun, wie das Mädchen in innerem Aufruhr ihre Hände knetete. »Du … magst ihn«, stellte sie leise fest.
 
Erst jetzt hob Hermione ihre Augen und starrte sie voller Panik an. »Ist das so offensichtlich? Oh Merlin, die anderen …!«, flüsterte sie schockiert.
 
Poppy konnte nur nicken. »Nun, ich weiß nicht, wieviel die anderen mitbekommen haben, Hermione. Aber ich habe Augen im Kopf, Kleines. Schließlich habe ich euch beide in der Bibliothek erlebt. Abgesehen davon — das, was du in der Küche getan hast, das riskiert man nicht, wenn einem der Andere gleichgültig ist.«
 
Hermione senkte den Kopf, so dass ihre Haare nach vorn fielen und ihr Gesicht verbargen. »Ich habe wirklich keine Ahnung, wann oder warum das passiert ist, aber meine Gefühle … sie stehen vollkommen Kopf. Ich könnte es nicht ertragen, wenn ihm irgendetwas zustößt.«
 
Doch Poppy schob den Finger unter ihr Kinn und hob vorsichtig ihren Kopf an. »Ich vermute stark, dass du mit deinen Gefühlen aus Sympathie und Anziehung nicht alleine stehst. Wie du weißt, habe ich mit Severus in der Bibliothek gesprochen. Niemals zuvor habe ich meinen Jungen so ausgeglichen, ja, beinahe glücklich gesehen.«
 
Hermione sah sie erstaunt an. »Er war bestimmt nicht glücklich, Poppy. Er kann nicht glücklich sein, schon allein, weil er hier sein muss, ausgerechnet hier, in Harrys Haus.«
 
Doch Poppy lächelte verschmitzt. »Das mag vielleicht am Anfang so gewesen sein. Ich vermute, er ist davon ausgegangen, dass Harry Potter ihn zwar dulden, ihm allerdings das Leben zur Hölle machen würde. Doch glaub’ mir, inzwischen ist er in dieser Hinsicht positiv überrascht worden, und er hat außerdem in dir jemanden gefunden, mit der er ein nach seinen Vorstellungen vernünftiges Gespräch führen kann.«
 
»Hat er das wirklich gesagt?«, fragte Hermione ungläubig.
 
»Nun, jetzt, nach der Vernichtung des Dunklen Lords, darf er das endlich zugeben.« Die Medihexe zwinkerte ihr verschwörerisch zu. »Allerdings habe ich ihn dafür ein klein wenig … in die Enge treiben müssen, um es aus ihm herauszukitzeln. Was glaubst du, wie effektiv selbst noch so winzige Daumenschrauben sein können.«
 
Hermione begann zu lachen, als sie sich das bildhaft vorstellte, verzog jedoch vor Schmerz das Gesicht und griff sich sofort an die Seite. »Aua. Ich darf nicht lachen. Das ist der Preis dafür, dass ich den Fehler begangen habe, nicht schnell genug zu reagieren.« Sie lächelte schief über sich selbst. »Sind die Wunden sehr schlimm?«, fragte sie nun doch.
 
Die Matrone der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei schaute sie aufmerksam an. »Ich denke nicht, dass es großen Sinn macht, dir die Wahrheit zu verschweigen. Es hat sehr schlecht um dich gestanden. Der Fluch hat dich voll getroffen, hat deine gesamte linke Seite bis weit über den Unterbauch tief aufgeschnitten. Du hast enorm viel Blut verloren. Wäre Severus nicht gewesen …« Sie sprach nicht weiter, doch Hermione begann langsam zu erahnen, was Poppy sagen wollte.
 
»Er hat mein Leben gerettet, nicht wahr?«, flüsterte Hermione fassungslos.
 
Poppy nickte glücklich. »Und glaub’ mir, das hatte nichts mit der Begleichung irgendeiner Lebensschuld zu tun. Ich habe den Ausdruck auf seinem Gesicht gesehen, als er um dein Leben gekämpft hat und ich habe ihn hier in diesem Sessel sitzen sehen. In ihm tobt das gleiche Gefühlschaos wie in dir. Er ist nur viel weniger als du dazu bereit, dies zuzugeben.« Sie lächelte verschmitzt. »Aber ich arbeite daran.«
 
Hermione sah das Funkeln in ihren Augen und grinste frech. »Dann besteht also die Aussicht, dass ich eines Tages einen brillanten, wenn auch nicht sehr umgänglichen Freund habe.«
 
Poppy begann schallend über ihre Bemerkung zu lachen. »Nun, den … Freund solltest du bereits sicher haben«, sagte sie mit einem Augenzwinkern.
 
Hermione sah sie eindringlich an. »Was war das da gerade für eine Kunstpause, Poppy, willst du damit etwa andeuten …?«
 
Die ältere Frau wand sich innerlich. Sie hoffte inständig, dass ihr nicht zu viel herausgerutscht war. »Ich möchte nicht, dass du mich falsch verstehst, aber … vielleicht … ach, was soll’s, ja, ich bin fest davon überzeugt, dass diese Freundschaft zwischen euch beiden durchaus noch ausbaufähig ist. So, jetzt ist es heraus!«
 
Hermione merkte, wie sie bis an die Haarspitzen errötete. »Du meinst … du willst sagen …«, stammelte sie.
 
Poppy nickte bedächtig. »Wenn ich einen Wunsch frei hätte …«
 
»Oh, Poppy, da hat aber noch jemand anderes ein Wörtchen mitzureden.«
 
»Wir werden sehen …«, sagte Poppy geheimnisvoll, wurde dann jedoch sehr ernst, was Hermione erst verstand, als sie deren nächste Worte hörte. »Den Fluch, den Percy Weasley geworfen hat, hat Severus selbst geschaffen …«
 
»Der Sectumsempra-Fluch, oh Merlin!«, unterbrach Hermione Poppy abrupt.
 
»Du kennst ihn?«, fragte die Schulmatrone erstaunt.
 
»Oh … ja. Im sechsten Schuljahr bekam Harry von Professor Slughorn ein Zaubertränke-Lehrbuch, weil er kein eigenes hatte. Das Buch gehörte dem Halbblutprinzen, von dem niemand von uns wusste, wer oder was sich hinter dem Wortspiel verbarg. In diesem Buch fand Harry unter anderem diesen Zauberspruch und setzte ihn gegen Draco ein, ohne zu wissen, was er bewirkt.«
 
Poppy Pomfrey wurde blass. Sie hatte die Zusammenhänge nicht gekannt, die zu der schweren Verletzung von Draco geführt hatten. Severus hatte damals Draco erst zu ihr in den Krankenflügel gebracht, nachdem er die schreckliche Schnittwunde an seinem Hals selbst mit dem Gegenfluch verschlossen und bereits mit Diptam behandelt hatte. Damals war Poppy zum ersten Mal mit diesem Fluch und seinen schrecklichen Auswirkungen in Berührung gekommen.
 
»Ich glaube, er hätte es sich niemals verziehen, wenn du ausgerechnet durch den Fluch ums Leben gekommen wärst, den er selbst entwickelt hat«, sinnierte sie. »Als er damals seinen Patensohn brachte … ich werde nie den Ausdruck auf seinem Gesicht vergessen.«
 
»Sein Patensohn … oh Merlin, Draco ist sein Patensohn?! Das hat er mir nicht gesagt …«, entfuhr es Hermione, als sie endlich die Wahrheit begriff. »Darum der Unbrechbare Schwur …«
 
»Ja, auch wenn Lucius Malfoy wahrscheinlich daran Schuld hat, dass Severus das Dunkle Mal genommen hat — die Malfoys waren all die Jahre seine einzigen Freunde, die er außerhalb von Hogwarts hatte. Und Draco … das ist eine andere Geschichte. Er mag den Jungen wirklich, auch wenn er manchmal ein abscheuliches Balg ist und noch dazu völlig verzogen.«
 
Hermione verzog das Gesicht. »Das ist wahrscheinlich die Untertreibung des Jahrhunderts«, meinte sie düster, doch Poppy lachte nur.
 
»Oh, er kann sich auch sehr gesittet benehmen, wenn er das will, Hermione. Seine Eltern haben ihm die besten Reinblüter-Umgangsformen beigebracht, aber eben leider auch die falschen Wertvorstellungen vermittelt. Du würdest überrascht sein, wenn du ihn in seinem Umfeld erleben würdest. Aber jetzt werde ich besser Severus holen. Ich habe ihm versprochen, dass ich ihn sofort rufe, wenn du aufwachst. Er wird mir das Fell über die Ohren ziehen, wenn ich das Versprechen nicht halte.« Sie erhob sich und machte sich auf den Weg zur Küche.
 
Krummbein kam mit hocherhobenem Schwanz aus seinem Versteck unter dem Schrank hervor, von wo aus er bis jetzt die Szene beobachtet hatte. Er strich um den Sessel herum, bis er an das provisorische Bett kam und sich mit einem Satz auf die Bettdecke schwang. Laut schnurrend kuschelte er sich an Hermione, die ihre Hand sofort in seinem weichen Fell vergrub. Sie wusste, dass sie von ihrem Kater keine Antwort zu erwarten hatte, aber allein seine Anwesenheit und die Berührung gaben ihr Trost und Geborgenheit. »Oh, Krummbein, wie konnte es nur so weit kommen?«, flüsterte Hermione bedrückt. Sie fühlte sich einfach nur jämmerlich. »Dass ausgerechnet Percy …« Sie konnte diesen Satz nicht vollenden, konnte das Unvorstellbare nicht aussprechen.
 
Bis vor einigen Minuten hatte sie nicht einmal eine wirkliche Vermutung gehabt, wer dieser irrsinnige Angreifer gewesen war, hätte niemals damit gerechnet, dass es ausgerechnet Percy sein könnte. Sie hatte für sichim Stillen auf Ron getippt, etwas, was sie nie gewagt hätte, laut auszusprechen. Aber nicht Percy. Wie mussten sich die Weasleys bei dem Gedanken daran fühlen, dass ausgerechnet einer ihrer Söhne zu Voldemort übergelaufen war. Für sie, die so offen für Muggel und Muggelgeborene waren, musste dies ein Schlag ins Gesicht sein.
 
Hermione griff sich ans Herz und spürte im selben Augenblick das vertraute Prickeln von Magie. Geborgenheit, Sicherheit und Wärme umfingen sie wie ein Kokon. Mit zitternden Fingern zerrte sie an der goldenen Kette, bis ihr Schlangenring zum Vorschein kam. Sie schloss die Finger darum und hielt sich dran fest, als hinge ihr Leben davon ab. Nur selten hatte sie die wirkliche Macht dieses Ringes — die extrem gefährlich sein konnte — so deutlich gespürt wie in diesem Moment. Nur einmal, um genau zu sein. Damals in Malfoy Manor, als sie in die Fänge von Bellatrix Lestrange geraten war. Im Nachhinein hatte sie es der magischen Kraft dieses Ringes zugeschrieben, dass sie die Cruciatus-Flüche, Bellatrix’ sadistische Spezialität, mit denen die älteste der Black-Schwestern sie über eine Stunde gefoltert hatte, wenigstens in mentaler Hinsicht relativ unbeschadet überstanden hatte.
 
Sie hörte leise Schritte draußen. Blitzschnell ließ Hermione den Ring an seiner Kette wieder in ihrem Ausschnitt verschwinden und lehnte sich in die Kissen zurück. In diesem Moment öffnete sich die Wohnzimmertür und Harry, Ginny, Poppy und Severus kamen herein. Schon an Harrys verkrampften Bewegungen und seiner Körpersprache merkte Hermione, dass irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Harry und Ginny machten den Eindruck, als würden sie vor Wut schäumen, wohingegen Severus, nachdem er ihr einen schnellen taxierenden Blick zugeworfen hatte, seine undurchdringbare Maske zur Schau trug.
 
»Hermione! Merlin sei Dank, dass du endlich aufgewacht bist. Wie geht es dir?« Harry umarmte sie vorsichtig und ließ sich dann sofort schwer in den Sessel vor Hermiones Bett fallen, während Ginny sich auf seinen Schoß setzte und die Arme um ihn schlang und Severus zum Schrank hinüberging, wo er sich mit der Schulter anlehnte. Poppy sah irritiert von einem zum anderen und konnte sich, genau wie Hermione, keinen Reim darauf machen.
 
»Es geht mir gut, Harry. Was ist geschehen? Du siehst aus, als würdest du jeden Augenblick explodieren.« Sie begann sich ernsthaft Sorgen zu machen, weil sie sich daran erinnerte, dass Poppy ihr erzählt hatte, Kingsley Shacklebolt wolle Severus sagen, was das Ministerium entschieden hatte. Dieses Gespräch schien nicht den erhofften Verlauf genommen zu haben, denn keiner von den dreien machte einen zufriedenen Eindruck, wobei Hermione in Severus’ Gesicht wie üblich nicht ablesen konnte, was er dachte. Ihre braunen Augen begegneten seinen schwarzen und sie blieben dort hängen, bis sie beinahe darin versank.
 
Poppy unterbrach ihrer beider Augenkontakt mit ihrer Frage: »Was hat Kingsley gesagt?«
 
»Shacklebolt!« Er spuckte diesen Namen regelrecht aus. Nachdem er ein paar Sekunden ins Leere gestarrt hatte, begann er mit nur mühsam unterdrückter Wut in seiner Stimme zu erzählen, was in der Küche vorgefallen war. Immer wieder wurde sein Bericht von ungläubigen und aufgebrachten Einwürfen sowohl von Poppy als auch von Hermione unterbrochen. Nachdem er wiederholt hatte, was er in der Küche bereits gesagt hatte, setzte er nun hinzu: »Vielleicht siehst du es anders, Hermione, aber ich für meinen Teil bin fertig mit dem Ministerium und dem Orden.«
 
Hermione hatte niedergeschlagen den Kopf gesenkt, als Harry seine Erzählung beendet hatte. Doch als sie den Blick wieder hob, konnte er in ihren Augen genau die Eiseskälte und Unbeugsamkeit sehen, die auch er vorhin in der Küche verspürt hatte.
 
»Ich bin stolz auf dich, Harry. Wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht, dass ich in der Situation so ruhig geblieben wäre. Ich hätte sie ins nächste Jahrtausend gehext.« Ihre Stimme klang hart und fest und die in ihren Worten mitschwingende Drohung war nicht zu überhören, doch ihr Gesicht war wieder bleich und ihre Augen riesig. »Hat Shacklebolt vorhin irgendeinen Termin genannt, wann diese … ‘Anhörung’ stattfinden soll?« Das Wort wollte ihr kaum über die Lippen kommen.
 
Harry schüttelte den Kopf. »Nein. Das war mein Fehler.« Er sah ziemlich zerknirscht aus.
 
»Fangen wir an.« Hermione wollte die Beine aus ihrem provisorischen Bett schwingen, doch Poppy hinderte sie vehement daran.
 
»Nein, du wirst heute ganz bestimmt nicht mehr aufstehen. Ich vermute, in deiner kleinen Tasche befindet sich auch eine Phiole mit Traumlosschlaf?« Sie sah sie so streng an, dass Hermione unter diesem Blick nichts anderes übrig blieb, als zu nicken. »Gut, das ist nämlich der einzige Trank, den ich in Hogwarts vergessen habe«, sagte sie sehr zufrieden mit sich selbst.
 
Severus hatte die ganze Zeit still an dem Wohnzimmerschrank gelehnt und — obwohl er sich äußerlich nichts anmerken ließ — einmal mehr staunend erlebt, wie diejenigen, die bis vor noch nicht einmal einer Woche nicht einmal eine Ahnung von seiner wirklichen Rolle gehabt hatten, den Kampf planten. Seine schwarzen Augen hatten Hermione kaum einen einzigen Augenblick losgelassen, wie auch ihre Augen immer wieder zu ihm hinübergewandert waren.
 
Ein leises Klopfen war an der Wohnzimmertür zu vernehmen, was jeden in diesem Raum dazu veranlasste, ihren oder seinen Zauberstab zu ziehen und direkt auf die Tür zu richten. Im nächsten Augenblick öffnete sich die Tür und Professor McGonagall schob sich herein. »Ich nehme doch an, dass hier jeder Kopf und jede Hand für die Ausarbeitung einer Verteidigungsstrategie gebraucht werden«, sagte die sonst so strenge Hexe mit dem straffen Haarknoten herausfordernd und doch mit einem leisen Lächeln.
 
»Minerva!« Eine schwarze Augenbraue wanderte in die Luft und verschwand fast unter dem Haaransatz. »Du solltest nicht hier sein.«
 
»Ich werde meinen Fehler nicht wiederholen, Severus!«
 
 
 
Fortsetzung folgt …
 
 
 
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